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Infolge ihrer einseitig exportorientierten Wirtschaftsstrategie sehen sich die Chinesen schon seit Längerem mit einem Luxusproblem konfrontiert: Was tun mit dem riesigen Vorrat an erwirtschafteten Devisen? Nachdem man lange bevorzugt US-Staatspapiere gekauft und dabei nun nicht die besten Erfahrungen gemacht hat, richtet sich der Blick zunehmend nach Europa. Dabei kaufen die Chinesen aber nicht wie von den klammen EU-Staaten erhofft im großen Stil Staatsanleihen, sondern wollen lieber Anteile von europäischen und speziell deutschen Unternehmen erwerben. Dieser Trend im Zeichen der Finanzkrise ist vielen nicht ganz geheuer. Berechtigte Sorgen oder nur unzutreffende Klischees?
Titelfoto Asien Kurier, Feb. 2012Wie attraktiv insbesondere deutsche Firmen für ausländische Investoren ganz offenkundig sind, zeigt sich nicht zuletzt auch daran, dass nicht nur chinesische, sondern auch japanische und nahöstliche Geldgeber die deutsche Unternehmenslandschaft nach potenziellen Übernahmekandidaten abgrasen. Während in China die Währungsreserven der wertsichernden Anlage bedürfen, versuchen die Japaner der Stärke des Yen eine positive Seite abzugewinnen und den heimischen Wachstumsbeschränkungen zu entkommen. Die Anleger vom Persischen Golf sind im Gegensatz zu den etwas misstrauisch beäugten Chinesen in Deutschland schon so etwas wie alte Bekannte.
Aabar Investments aus Abu Dhabi und die Kuwait Investment Authority (KIA) etwa sind mit 9 bzw. 6,9 Prozent die größten Einzelaktionäre bei Daimler. Da die Chinesen in Gestalt des Staatsfonds China Investment Corporation (CIC) einen größeren Einfluss beim Stuttgarter Autobauer anstreben, findet dort aktuell ein regelrechtes Duell um die Anteile eines deutschen Traditionsunternehmens statt.
Aber nicht nur prestigeträchtige Weltkonzerne, sondern auch und gerade deutsche Mittelständler werden dabei immer mehr zum Austragungsort eines sino-arabischen Bieterwettkampfes. Auch um der geballten Finanzmacht der Fonds aus den Emiraten, Katar und Bahrain Paroli bieten zu können, sollen die Mittel der CIC um bis zu 50 Milliarden US$ für globale Einkaufsaktivitäten aufgestockt werden. Was Deutschlands Mittelstand so anziehend macht, ist vor allem seine hochspezialisierte Innovationskraft, die es ihm ermöglicht, Spitzenprodukte jenseits der in vielen Sparten hoffnungslos übersättigten Massenmärkte anzubieten. Insofern ist es verständlich, dass Investoren nach Alternativen zu den vielfach zu klein gewordenen Märkten für Billiganbieter suchen und sie eben in der Bundesrepublik finden.
Dazu passt, dass im letzten Jahr erstmals deutsche Unternehmen im Wert von schätzungsweise eine Milliarde Euro in chinesische Hände gewandert sind. Das prominenstete Beispiel war dabei der Aldi-Computer-Lieferant Medion, der von Chinas größtem PC-Hersteller Lenovo übernommen wurde. Und die Chinesen scheinen nun erst so richtig auf den Geschmack gekommen zu sein. Zuletzt hat die zu drei Vierteln im Staatsbesitz befindliche Industrial and Commercial Bank of China (ICBC) angekündigt, ihr Deutschlandgeschäft weiter ausbauen zu wollen.
Nähmaschinenhersteller Dürkopp-Adler: Zufrieden mit dem Einstieg der chinesischen Shang Gong HoldingUngeteilte Zustimmung findet diese Entwicklung in der Öffentlichkeit allerdings nicht: Im Allgemeinen wird dem chinesischen Interesse eine ordentliche Portion Skepsis entgegenbracht. Groß ist die Sorge, dass es die neuen Eigentümer in erster Linie auf deutsches Industrie-Know-how, Patentrechte oder auf etablierte Markenlabel abgesehen haben. Sind diese Aktivposten erst einmal ausgeschlachtet, so die Befürchtung, werden sie keine Sekunde zögern und die gesamte Produktion nach Asien wegverlagern.
Derartige Negativszenarien werden namentlich dadurch begünstigt, dass es um Chinas Image im Westen aus vielerlei Gründen nicht sehr gut bestellt ist, wobei die Stimmung in Europa noch deutlich besser ist als in den USA. Und nicht ohne Grund zögert die EU, China den Status einer Marktwirtschaft zuzugestehen, da dort beispielsweise Unternehmen nicht hinreichend vor juristischer Willkür geschützt sind. Bei allen protektionistischen Reflexen sollte jedoch bedacht werden, dass deutsche Firmen in einem weit größeren Umfang in China investieren als vice versa. Genauer gesagt ist das deutsche Volumen circa 20-mal so hoch. Dies ist natürlich für den einzelnen Mittelständler kein Argument, sein Unbehagen ad acta zu legen. Aber beim Führen der Gesamtdebatte sollte dieser Fakt schon berücksichtigt werden.
KIA-Vorsitzender Mustafa Jassem AL-Shimali: 6,9 Prozent Daimler-AktienLetztlich wird sich diese Diskussion nur am konkreten Verhalten der Chinesen entscheiden lassen. Dabei gibt es aber bereits jetzt schon einige Indizien darauf, dass die Chinesen generell ein nachhaltiges Engagement in Europa anstreben. Sicher gab es Fälle, wie den verblichenen Fernsehhersteller Schneider, bei dem die Chinesen wohl ab ovo auf das angesammelte Firmen-Know-how aus waren (ab ovo: lat. "vom Ei an", hier vom Anfang einer Sache). Aber insgesamt sind sie bei ihren gescheiterten Übernahmeversuchen eher durch einen blauäugigen Dilettantismus als durch eine kalkulierte Heuschreckenmentalität aufgefallen. Hierzu gehörte etwa das ziemlich groteske Vorhaben, im mecklenburgischen Parchim einen internationalen Flughafen eröffnen zu wollen. Aber wenn die Chinesen eines sind, dann lernwillig. Und sie sind auch nicht dafür bekannt, Investitionsentscheidungen von den täglich wechselnden Kurzatmigkeiten der "Anlage-Analysten" abhängig zu machen. In der Regel gehen sie strategisch vor und sind nicht auf den schnellen Renminbi Yuan aus.
Dies verleiht ihnen zuweilen einen Mut zum Risiko gepaart mit einem langen Atem, der deutschen Gesellschaftern häufig abgeht. Hierin liegt gerade für angeschlagene deutsche Unternehmen eine veritable Chance. Ein Beispiel hierfür ist der Nähmaschinenhersteller Dürkopp-Adler, der es mit Hilfe der chinesischen Shang Gong Holding geschafft hat, eine existenzgefährdende Durststrecke zu überwinden. Es wurde ohne viel Federlesens eine Finanzspritze gegeben. Der Firmenleitung ließ man im Folgenden weitgehend freie Hand. Ähnlich Positives hat auch der Maschinenbauer Schiess zu berichten, bei dem es nach dem Einstieg eines chinesischen Investors ebenfalls zu einem rundum geglückten Wiederbelebungsversuch gekommen ist. Es spricht einiges dafür, dass diese Beispiele verallgemeinert werden können. Denn die Chinesen sind nachvollziehbar zuvörderst an solchen Unternehmen interessiert, die ihnen Zugang zu Verfahren und Produktionsmethoden liefern, mit denen sie auf ihrem zunehmend schwierigen Heimatmarkt punkten können.
Da sie zur Entwicklung und Aufrechterhaltung derartiger modernster Produktionstechnologien offensichtlich nicht selbst in der Lage sind, wäre es betriebswirtschaftlich nachgerade fahrlässig, sich hier – um des schnellen Profites willen – mutwillig als „Unternehmens-Vampire“ zu betätigen. Für die chinesischen Investoren macht es vielmehr Sinn, die deutschen Ingenieure relativ ungestört weiter vor sich hin tüfteln zu lassen, anstatt sich auf das Wagnis einzulassen, die zum Teil hochkomplexen Prozesse in einer Werkhalle in China in einer vergleichbaren Qualität nachzuahmen.
So gesehen stellen die deutschen Unternehmen eine Art Kompetenzzentrum dar, das den Erfolg der eigenen Aktivitäten zu Hause sichern hilft. In diesem Sinne gibt etwa der chinesische Baumaschinenhersteller Sany Heavy Industry an, dass einer der Hauptmotive, in Bedburg in der Nähe von Köln ein Forschungs- und Entwicklungszentrum mit einem Investitionsvolumen von 100 Millionen Euro zu errichten, in der hohen Qualität des deutschen Bildungs- und Ausbildungssektors zu sehen ist. Und warum sollten gerade die pragmatischen und auf das Übermorgen ausgerichteten Chinesen sich dieses die Konkurrenten wirkungsvoll auf Distanz haltenden Vorteils selbst berauben? Im Idealfall ergibt sich aus dem chinesischen Engagement in Deutschland ein für alle Beteiligten nützliches Arrangement.
Die Chinesen erhalten Zugang zu herausragendem Know-how, und die Deutschen profitieren von besseren Absatzchancen und frischem Kapital. Aber natürlich: Vorsicht bleibt die Mutter der Porzellankiste, und gerade im Umgang mit chinesischen Geschäftspartnern sollte man sich stets auf die ganze umfangreiche Palette an raffinierten Schach- und Winkelzügen einstellen. Sonst steht man am Ende tatsächlich mit leeren Händen da.
China Investment Corporation (CIC)
Gegründet 29. Sep. 2007
Sitz Beijing
CEO und Vorstandsvorsitzender Lou Jiwei
New Delhi 110067
Präsident und stellv. Vorstandsvors. Gao Xiqing
Eigenkapital 374,3 Mrd. US$ (31.12.10)
Global Portfolio inkl. Cash 135,1 Mrd. US$ (31.12.10)
Global Return on Investment 11,7%
Büros in Beijing, Hongkong und Toronto
Quelle: CIC-Jahresbericht 2010
China Investment Corporation
New Poly Plaza, 1 Chaoyangmen Beidajie
Dongcheng District
100010 Beijing
Tel.: +86 10 8409 6167
Fax: +86 10 6408 6926
Email invest@china-inv.cn
Web: www.china-inv.cn
CIC International (Hong Kong) Co., Limited
Room 2710, CITIC Tower
1 Tim Mei Avenue, Central
Hong Kong
Tel.: +852 3710 6966
Fax: +852 2104 6937