Asien Kurier  China-Special vom 15. Oktober 2009
China

Hoffnungsträger China?

Von Daniel Müller in Berlin

Es scheint als haben sich einstweilen alle Fragezeichen erübrigt: Im Zuge der Finanzkrise – so der allgemeine Tenor – ist es China nicht nur gelungen, seinen Rang als aufstrebende Weltwirtschaftsmacht weiter zu zementieren, das Reich der Mitte sei auch als einziger Akteur übrig geblieben, von dem signifikante Impulse für die Generierung einer neuen weltwirtschaftlichen Dynamik zu erwarten sind.

Boomtown Shenzhen

Und in der Tat währte der Einbruch nur kurz und hat die chinesische Volkswirtschaft erstaunlich rasch wieder zu ansehnlichen Wachstumsraten zurückgefunden: Schon im zweiten Quartal 2009 konnten die staatlichen Statistiker ein Wachstumsplus von 7,9 Prozent im Vergleich zum Vorjahr vermelden (siehe Tabelle Seite ***). Trotz aller Skepsis an der Reliabilität der amtlichen Kennzahlen - auch andere Indikatoren wie etwa die Stromproduktion sprechen dafür, dass die chinesische Ökonomie im Gesamtjahr 2009 über 8 Prozent wird zulegen können.

Damit ist China eindeutig dasjenige Land, welches den Turbulenzen der Weltwirtschaft am besten getrotzt hat. Und fraglos hat China zuletzt seine weltwirtschaftliche Relevanz weiter steigern können, was beispielsweise darin pointiert zum Ausdruck kommt, dass das südchinesische Shenzhen laut Global Financial Centres Index zum fünftwichtigsten globalen Finanzzentrum avancieren konnte - eine Stadt, die der überwiegenden Mehrheit der Europäer nach wie vor unbekannt sein dürfte! Auch erscheinen Prognosen überaus plausibel, wonach der chinesische Markt in einigen Leitsektoren wie etwa der Automobilproduktion schon in absehbarer Zeit das Maß aller Dinge sein wird. Eine Branche, in der im Übrigen auch die chinesischen Hersteller gute Zukunftsperspektiven besitzen dürften, da sie konsequent als Trendsetter in Sachen E-Mobility auftreten.

Global Financial Centres Index Sep 2009

Der prinzipielle Aufwärtstrend der chinesischen Wirtschaft dürfte also - zumindest mittelfristig - weiter anhalten. Aber wie realistisch sind die Hoffnungen, dass China fortan die Rolle einer Lokomotive der Weltkonjunktur spielen kann? Zweifel sind in jedem Fall angebracht. Zunächst stellt sich die Frage nach der Substanz und Nachhaltigkeit des chinesischen Entwicklungsmodells. Der momentane Aufwind ist klar auf die staatlichen Konjunkturmaßnahmen in Form von erhöhten öffentlichen Investitionen vor allem in die Infrastruktur und gelockerten Auflagen bei der Vergabe von Krediten an Unternehmen zurückzuführen. Insgesamt wurden für 2009 und 2010 Mittel in Höhe von 580 Milliarden US$ bereit gestellt, was 14 Prozent des BIP entspricht. Die Höhe der Mittel ist für China dabei kein Problem, da die Haushaltsdefizite in den letzten Jahren sehr gering waren und in 2007 sogar ein Überschuss erwirtschaftet wurde. Gleichwohl haben diese anfänglich sehr effektiven Maßnahmen ihren Preis, denn sie drohen, bereits existierende neuralgische Entwicklungen weiter zu verschärfen.

Business Climate Index

Während Investitionen in Sachanlagen (fixed assets) - der wichtigste Treiber des chinesischen Wirtschaftswachstums der letzten Jahre - kurzfristig eine kräftige Nachfrage erzeugen, schaffen sie langfristig auch ein Angebot, das einen Übergang von einer Phase der Überhitzung zu einer Periode der Überkapazität einleiten kann. Parallel würde dabei auch der Inflationsdruck durch einen Deflationsdruck ersetzt werden. Auf der anderen Seite trägt das erhöhte Geldvolumen zu einer Beschleunigung der Blasenbildung an den Aktienmärkten bei. Diese Tendenz wird zusätzlich dadurch begünstigt, dass auch die Geldzuflüsse aus dem Ausland anhalten dürften, da international die Alternativen für ertragreiche Anlagen fehlen. Im ungünstigen Fall könnte ein Platzen der Aktienblase dem Land eine lang anhaltende Ära der Stagnation bescheren.

Aber selbst wenn diese Ungleichgewichte korrigiert würden, bleibt immer noch die mangelhafte Binnennachfrage, die gegen die Lokomotiv-These spricht. Dabei gilt es ganz simpel in Rechnung zu stellen, dass China mit seiner dezidiert auf den Export ausgerichteten Wirtschaftsstruktur weiterhin substanziell auf Exporte in die USA und nach Europa angewiesen ist. Noch ist der Binnenkonsum viel zu schwach, um einen Nachfragerückgang aus diesen beiden Regionen auch nur annähernd zu kompensieren. Da die Binnennachfrage kaum mehr als ein Drittel der Wirtschaftsleistung ausmacht, ist kaum vorstellbar, dass von den chinesischen Konsumenten ein Wachstumsimpuls für die westlichen Volkswirtschaften ausgeht. Davon abgesehen verdecken die unzweifelhaft imposanten absoluten Wachstumsziffern das Faktum, dass die Anzahl der Haushalte, die über ein Jahreseinkommen von 25.000 Euro verfügt gerade mal bei 1,6 Millionen liegt.

Shopping Center Beijing 77 Street Plaza

Überdies: Die vergleichsweise niedrigen Einkommen werden in einem nachgerade exzessiven Ausmaß gespart - die Sparquote liegt bei knapp 50 Prozent. Die Ursache für diesen Umstand ist im Fehlen eines verlässlichen Sozial- und Pensionssystem zu sehen. Entsprechend muss für etwaige Notfälle selbst vorgesorgt werden. Da auch seriöse langfristige Anlagemöglichkeiten fehlen und die Sparzinsen unterhalb der Inflationsrate liegen, fließen die Sparguthaben bevorzugt in spekulative Investments, die wiederum die Blasenbildung weiter anheizen. Die hohe Sparquote ist maßgeblich für den geringen Konsum verantwortlich, der die Regierung zu wenig nachhaltigen Aktivitäten zwingt. Deshalb muss die chinesische Führung alles daran setzen, diese Defizite zu beheben. Erste zaghafte Maßnahmen wurden bereits eingeleitet, eine grundlegende Umstellung dürfte aber Jahrzehnte erfordern. Insofern lässt sich fragen, ob bei den Konjunkturprogrammen nicht die falschen Prioritäten gesetzt wurden.

Deutsch-Chinesischer Aussenhandel

Last but not least ist zu bedenken, dass ein Engagement in China mitnichten ein Selbstläufer ist. Kritisch ist speziell die fehlende Rechtssicherheit. Jeder Manager wird wohl die Erfahrung gemacht haben, dass formale Gesetze in China das eine sind, deren Anwendung aber etwas anderes. Da die Rechtspraxis häufig ungeklärt ist, ist es nahezu unmöglich, sich stets rechtskonform zu verhalten, wodurch man immer angreifbar ist. Zwar handeln die Chinesen im Zweifelsfall pragmatisch, sodass Übereinkommen möglich sind, ausländische Investoren befinden sich dabei aber strukturell im Nachteil. Zudem gilt es auch, spezifisch betriebswirtschaftliche Aspekte zu berücksichtigen. Da der Konkurrenzdruck kontinuierlich zugenommen hat, führt kein Weg daran vorbei, die Aktivitäten stärker zu fokussieren: Einerseits muss den chinesischen Töchtern eine größtmögliche Eigenständigkeit gewährt werden, damit sie flexibel auf Marktveränderungen reagieren können. Andererseits sollte aber stets eine hinreichende Kontrolle garantiert sein, um unliebsame Überraschungen zu vermeiden.

Kurzum und zusammen: China ist und bleibt ein lukrativer Wachstumsmarkt, der jedoch all die hinlänglich bekannten Probleme eines Transformationslandes aufweist. Dass der chinesische Aufstieg weiterhin so reibungslos verläuft wie bisher ist keineswegs ausgemacht. Die Herausforderungen werden sicher nicht geringer. Ein China-Engagement sollte grundsätzlich selektiv erfolgen und strategisch vorbereitet sein. Insgesamt kann davon ausgegangen werden, dass der Westen eher China dabei hilft seine Probleme zu bewältigen als umgekehrt.