Asien Kurier  2/2010 vom 1. Februar 2010
China

Qualitätsmanagement in Asien

Von Dr. Doreen Pick in Berlin

Asien gilt als die Werkbank der Welt. Wer dort einkauft oder produziert, setzt vor allem auf Massenprodukte und niedrige Preise. Allerdings haben zuletzt mehrere Negativbeispiele gezeigt, dass der Qualitätsaspekt in Asien häufig einen geringeren Stellenwert besitzt als in Europa oder den USA.

Uwe Heitzmann

Stellen Unternehmen die Qualität ihrer Produkte nicht frühzeitig sicher, so kann dies teuer werden. Der Asien Kurier hat mit Uwe Heitzmann, der seit 1993 als Interims-Manager in verschiedenen Branchen und Ländern tätig ist, über die Herausforderungen des Qualitätsmanagements in Asien gesprochen.

Asien Kurier: Herr Heitzmann, inwiefern ist eine mangelhafte Qualität von in Asien gefertigten Produkten überhaupt ein Thema für deutsche Unternehmen?

Uwe Heitzmann: Für deutsche Firmen sind Qualitätsprobleme ein immenses Problem. Wir erinnern uns an "vergiftete" Zahnpasta, geschmolzene Handybatterien und mit giftigen Stoffen gefärbtes Spielzeug aus China. Der jüngste Fall ist das Unternehmen Steiff, das als Traditionsunternehmen für hochwertige Kuscheltiere und Sammelobjekte erst vor wenigen Jahren Teile der Produktion nach China verlegt hat und nun sein China-Engagement ad acta legt. Die Ware aus Asien hatte einfach zu große Qualitätsmängel. Es lag zwar nicht an Schadstoffen - letztlich hat "nur" die schlechte Verarbeitung der Teddybären zu dem Schritt geführt.

Zwar müssen nicht alle Produkte aus asiatischen Ländern zwangsläufig von schlechter Qualität sein, bei zahlreichen Firmen ist die Produktqualität jedoch kein strategisches Erfolgskriterium im Geschäftsplan, was speziell für China gilt. Eine Ausnahme stellt hier lediglich Japan dar. Während in Deutschland die Qualitätsleistung über zukünftige Aufträge entscheiden kann und oftmals auch ein Kriterium für die variable Vergütung des Managements ist, wird ihr in Asien teilweise überhaupt keine Bedeutung beigemessen.

Asien Kurier: Welche konkreten Erfahrungen haben Sie mit dem Qualitätsmanagement in Ländern wie China und Indien gemacht?

Uwe Heitzmann: Ein Qualitätsmanagement nach den bei uns bekannten industriespezifischen Standards (ISO 9000, VDA Band 6 oder TS 16949) existiert dort einfach nicht. Es fehlt häufig an allem: Fachleuten, Labors, Messinstrumenten sowie einer entsprechenden Ausbildung. In China zum Beispiel gibt es weder eine gesetzliche Produkthaftung noch Verbraucherschutzverbände oder unabhängige Qualitätsfachleute, die etwaige Defizite anprangern könnten. Das Verständnis für ein Qualitätsmanagementsystem ist auch deshalb kaum ausgeprägt, weil es oftmals nur darum geht, die Produkte möglichst kostengünstig und in großen Stückzahlen zu produzieren. Infolgedessen werden Reklamationen oftmals billigend in Kauf genommen. Man überliefert die Bestellmengen einfach, um dann bei Ausfällen in Deutschland schnell Ersatz beim Kunden vor Ort zu haben. Mangelnde Qualität wird also prinzipiell nicht als ein ernsthaftes Problem angesehen. Die Konsequenz: Stellt die Wareneingangsprüfung im eigenen Haus entsprechende Defizite fest oder kommen - noch schlimmer - Beschwerden von den Kunden, müssen die Fachleute des Kunden kurzfristig nach Asien entsandt werden, um nach den Ursachen der Qualitätsmängel zu fahnden. Aufwendige und kostenintensive Fehleranalysen deutscher Spezialisten vor Ort machen dann die Spareffekte durch die niedrigen asiatischen Einkaufspreise schnell zunichte.

Asien Kurier: Inwieweit kann man von unterschiedlichen Fehlerkulturen in den verschiedenen asiatischen Ländern sprechen?

Uwe Heitzmann: Ich würde generell von einer fehlenden Qualitätskultur in den asiatischen Ländern sprechen. Wir haben alle von den Japanern gelernt, wie sich hohe Qualitätsstandards langfristig garantieren lassen. Standardisierungsmethodiken und die kontinuierliche Anwendung von Verbesserungswerkzeugen gehören heute zum Standardrepertoire eines jeden Ingenieurs in Deutschland. In Ländern wie China, Vietnam oder Indonesien fehlen jedoch schlicht die Ressourcen, die Ausbildungsmöglichkeiten und die industriespezifischen Qualitätsstandards, um dem Beispiel Japans folgen zu können. Es ist deshalb unwahrscheinlich, dass sich kurzfristig ein allgemein nach standardisierten Normen arbeitendes Qualitätsmanagement wie in Europa herausbildet.

Asien Kurier: Was meinen Sie, wie kann man die gewünschte Qualität von Gütern, die in Asien hergestellt werden, zumindest tendenziell sicherstellen?

Uwe Heitzmann: Man sollte sich darüber klar werden, dass es eine Qualitätskontrolle, die auch nur ansatzweise deutschen Ansprüchen genügt, kaum gibt. Eine Verlagerung der Produktion oder der Aufbau einer Fertigungsanlage in einem der Wachstumsmärkte sollte deshalb immer unter Einbeziehung der Qualitätsfachleute sorgfältig und von langer Hand geplant werden. Die ausgewählten Zulieferer sollten unbedingt die komplette Prozess- und Wertschöpfungskette beherrschen. No-Name-Zulieferer sollten meiner Erfahrung nach eher nicht eingesetzt werden. Die Kontrolle sollte schon beim Wareneingang des ausgewählten Zulieferers anfangen und sich bei seinen direkten Zulieferern fortsetzen. Hilfreich ist es insbesondere, in Asien erfahrene Mitarbeiter bereitzustellen, die proaktiv den Produktionsprozess des Zulieferers begleiten und hinsichtlich der Unternehmensanforderungen überwachen. Das müssen nicht zwangsläufig eigene Mitarbeiter sein. Meine Firma exYne stellt solche Ressourcen auch auf Zeit und damit flexibel zur Verfügung. Wie die Erfahrung gezeigt hat, ist dies meist günstiger, als laufend die im eigenen Haus tätigen Spezialisten per Flugzeug nach Asien zu entsenden.

Asien Kurier: Wie lassen sich Lieferanten in das Qualitätsmanagement einbinden? Welche Ansätze empfehlen sich auf Managementebene und welche auf der operativen Ebene?

Uwe Heitzmann: Zunächst ist es wichtig, zu wissen, dass in China und anderen asiatischen Ländern oft keine rechtsstaatlichen Standards - wie wir sie kennen - gegeben sind.

Bestechung und Rechtsbeugung sind an der Tagesordnung. Die Durchsetzung von Verträgen, gerade wenn es um Schlechtlieferung oder Schadensersatz geht, gestaltet sich daher oftmals sehr schwierig. Es ist also wichtig, die Prozesskosten einer Verlagerung und Produktion in Asien genau abzuwägen, den Ressourceneinsatz - gerade beim Fachpersonal - ausreichend zu dimensionieren und vor Ort bereit zu stellen.

Asien Kurier: Wie lange dauert es in der Regel, ein nachhaltiges Qualitätsmanagement vor Ort aufzubauen?

Uwe Heitzmann: Das Lieferanten- und Qualitätsmanagement ist eine Managementaufgabe auf höchster Unternehmensebene, gerade wenn man Produktionsaktivitäten in Asien plant. Ein nachhaltiges Qualitätsmanagement braucht also seine Zeit und ist nicht in nur wenigen Wochen aufzustellen.

Adressen

exYne Asia Limited
74/52 Corn Building 2
Soi Ramkhamhaeng 40
Ramkhamhaeng Road, Bangkapi
Bangkok 10240, Thailand
Tel: 66 2732 1976
Fax: 66 2732 1354
Email: u.heitzmann@exyne.com
Web: www.exyne.com