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Asien Kurier  8/2010 vom 1. August 2010
China

Arbeitskonflikte in China nehmen zu

Fakten, Hintergründe Zukunftstrends

Von Dr. Karl Waldkirch, CEO der ASC-Group in Deutschland und China

Ausgelöst wurden die soziale Unruhen durch eine nicht abreißende Selbstmordserie unter der Belegschaft des weltweit größten iPhone-Herstellers Foxconn in Shenzhen. Eine noch nie vorher da gewesene Streikwelle erfasste Autofirmen wie Honda, Hyundai, Toyota, Nissan u.a. und brachte deren Produktionen in China zum Erliegen.

Massive Lohnnachforderungen lehrten die US-Fastfoodkette Kentucky Fried Chicken (KFC) in Nordostchinas Shenyang das Fürchten, insbesondere vor einem möglichen Domino-Effekt auf die 3.000 Filialen in der größten Schnell-Imbisskette des Riesenlandes. Es stellt sich nun die Frage, welche konkreten Auswirkungen haben diese grassierenden Arbeitsauseinandersetzungen auf die ausländischen Investoren und auf die Zukunft des Investitionsstandortes China.

Fakten

Alles begann bei dem taiwanesischen Elektronikkonzern Foxconn; es war Anfang 2010 als eine nach wie vor ungeklärte Selbstmordserie in dessen Werk in Shenzhen nicht abzureißen schien. Von den 13 Suizidversuchen gingen zehn tödlich aus. Der betroffene Konzern trat mit drastischen Gehaltserhöhungen die Flucht nach vorne an. Ihre taiwanesische Muttergesellschaft Honhai-Precision Industry erhöhte mit sofortiger Wirkung für mehr als 200.000 Mitarbeiter die Löhne um 30 Prozent. Die meisten Arbeiter, denen Foxconn bislang nur den gesetzlichen Mindestlohn von 900 Renminbi Yuan (105 Euro, 1 Euro = 8,57 Renminbi, 3-Monatsmittel) pro Monat zahlte, erhielten bereits im Juni einen Grundlohn von 1.200 Renminbi, den sie mit Überstunden und Sonderschichten verdoppeln können.

Überraschend gingen am 17. Mai 2010 etwa 1.900 Honda-Arbeiter in den Warnstreik. Etwa 4 Tage später streikten sie dann weiter in den Honda-Transmissionsriemen- und Motorenwerke in der Nähe der Guangdonger Stadt Foshan. Der so ausgelöste Streik legte wegen Nachschubmangels vier weitere Honda-Werke in China still. Laut Pressberichten verringerte sich das weltweite Konzernergebnis um mehr als 5 Prozent. Das Unternehmen bot im Juni an, die zwischen 900 und 1.500 Renminbi liegenden Monatslöhne um 24 Prozent oder 366 Renminbi zu erhöhen. Ein Teil der Arbeiter streikt aber weiter, weil sie doppelt so viel Lohnerhöhung und die Wiedereinstellung von einer Reihe als Anstifter gefeuerten Arbeiter fordern.

Auch Hyundai, der südkoreanische Global Player, musste im ersten Halbjahr 2010 in einem Teilwerk in Nordchina deutlich höhere Bezüge zahlen, um einen zweitägigen Streik zu beenden. Wie Domino-Steine purzelten auch die Global Player Toyota und Nissan in die Arbeitsverweigerungen, insbesondere durch deren Zulieferbetriebe. Aufgrund der Nichtbelieferung der OEM-Autohersteller kam es zu den Produktionsstillständen. Die US-Restaurantkette KFC wollte der Erhöhung der Mindestlöhne zunächst nicht zustimmen, da sie weitere Lohnforderungen ihrer 10.000 Beschäftigten in ganz China befürchtete. Erst Mitte des Jahres war das Tauziehen um die Vertragsänderungen und Entlohnung zu Ende. Am 9. Juni kamen KFC mit dem Chef der Gewerkschaften der Stadt Shenyang überein, die Mindestlöhne von 700 auf 900 Renminbi für die insgesamt 2.000 Beschäftigten des dortigen Dienstleistungsbereiches zu erhöhen.

Hintergründe

Es kommen sicherlich einige Faktoren zusammen, die zu einer Streikwelle eines in China bislang noch nicht gekannten Ausmaßes führten:

• :Steigende Konsumgüterpreise
⇒ China verzeichnet seit den letzten 18 Monaten die höchsten Preissteigerungsraten. Der Konsumgüterpreisindex (CPI) hat die Marke von 3 Prozent überschritten. Außerdem rechnen die Arbeitnehmer mit weiteren Preisschüben. Diesen Inflationsdruck nehmen die Arbeiter zum Anlass, Gehaltserhöhungen zu erstreiten.

• :Keine unabhängige, arbeitnehmerseitige Interessenvertretung
⇒ In Betrieben mit mehr als 25 Beschäftigten muss eine Betriebsgewerkschaft gegründet werden. Es gibt kein gewachsenes Betriebsrätesystem und oder gar unabhängige Gewerkschaften. Der chinesischen Betriebsgewerkschaft wird so eine prekäre Spagatposition zugewiesen: Sie hat einerseits die Interessen der Arbeitnehmer zu vertreten, andererseits soll sie mit dem Management, den Behörden und den Parteiorganen harmonisch kooperieren.
⇒ So kann sie nicht in dem von der Arbeitnehmerschaft geforderten Maße deren Interessen wahrnehmen. Hier einige Beispiele, in welchem hohen Abhängigkeitsgrad sich die Betriebsgewerkschaftler in Auslandsunternehmen befinden:
⇒ In der Wal-Mart-Dependance in Shenzhen ist die Vorsitzende der Betriebsgewerkschaft auch Personalchefin und soll so gleichzeitig die Interessen der Belegschaft vertreten.
⇒ Im Honda-Montagewerk in der südchinesischen Stadt Guangzhou (ehem. Kanton) ist der Chef der Betriebsgewerkschaft in Personalunion der firmeninterne Parteisekretär. Dies folgt der gleichen Praxis wie in den Staatsbetrieben, in denen das Triumvirat, bestehend aus dem Manager, dem Parteisekretär und einem Gewerkschaftsfunktionär, das Unternehmen leitet.

Foxconn-CEO Terry Gou (mitte)

Zukunftstrends

Für China sind die politischen sowie wirtschaftlichen Zukunftsaussichten unmittelbar ableitbar:
⇒ Politische Konsequenzen
Die chinesische Regierungsspitze hat verständlicherweise keine Interesse daran, dass das Investitionsklima und die Attraktivität des Landes als globale Werkbank Schaden nimmt. Sie wird also alles versuchen, Ruhe in die Unternehmen wieder hinein zu bringen. Bereits Anfang Juli verstummten die Streik-Nachrichten. Vergangene Krisen wie SARS beispielsweise wurden immer mit der Parteidisziplin und mit stärkeren Kontrollmaßnahmen gemeistert. Da in China Meinungs-, Presse- und Versammlungsfreiheit außerhalb des parteipolitischen Kontextes tabu sind, ist mit der Bildung unabhängiger Gewerkschaften in nächster Zeit nicht zu rechnen. Auf diese Weise kommt den Parteisekretären eine weit größere Bedeutung zu als vorher. Wirtschaftlich gesehen, ist die Regierungsspitze dabei, die Mindestlöhne - regional differenziert - anzuheben.
⇒ Szenario von Foxconn und anderen betroffenen Unternehmen
In der Manager-Etage von Honhai wird bereits sehr kontrovers diskutiert, inwieweit eine Standortdiversifikation mehr in Chinas Landesinnere oder gar nach Vietnam eine zur bislang verfolgten Globalisierungsstrategie sinnvolle Ergänzung sein könnte.
⇒ Landesweiter Schnellballeffekt der Arbeitsniederlegungen
Alleine die im Juni registrierten Streiks zeigen, dass es keine regionale Begrenzung mehr gibt, sondern landesweit Arbeitskämpfe in verschieden Branchen im Gange sind. Die Reaktion der japanischen Autoproduzenten Toyota und Nissan in Südchina ist es, die Werksleitung anzuweisen, mit den Gewerkschaftsvertretern zu sprechen, um den chinesischen Honda-Alptraum der Produktionsparalysierung nicht erleben zu müssen. Pressemeldungen zufolge war dies im ersten Anlauf nicht von Erfolg gekrönt.
⇒ Multiple Sourcing statt Single Sourcing in der Beschaffung von Automobilteilen
Durch den starken Einfluss einzelner Automobilzulieferer auf die OEMs wird zunehmend die Beschaffungskette unter die Lupe genommen. Statt sich auf nur einen Lieferanten (Single Sourcing) zu verlassen, wird in Erwägung gezogen, zumindest ein Back-up-System in Form eines alternativen Zulieferers (Dual Sourcing) aufzubauen. Der Druck auf die Zulieferindustrie wird auch größer, da die Autobauer jetzt mit höheren Lagerbeständen kalkulieren müssen. So werden Konsignationslager mit Lieferpuffer bei den OEM wird diskutiert, um im Ernstfall trotz Lieferboykott noch produzieren zu können.
⇒ Lohnkostenerhöhungen
Mindestlohnerhöhungen und kommende Lohnforderungen werden die Produktionskosten insgesamt in die Höhe treiben. Auslandsinvestoren müssen sich darauf einstellen, dass das gesamte Lohnniveau in China um 15 bis 25 Prozent in diesem Jahr steigen wird.
⇒ Rationalisierung und Nutzung der Automatisierungsspielräume
Unter dem erheblichen Kostendruck sind die Auslandsinvestoren gezwungen, die Betriebsabläufe zu optimieren. Dazu gehört mit reduzierter Belegschaft mindestens den gleichen Output erzielen zu wollen. Angesichts zunehmender Lohnkosten wird auch das Ausnutzen von Automatisierungspotentialen ausgeschöpft.
⇒ Kosten- und Wettbewerbsschere
Bei einem geringeren Außenwert von Euro und US$ kommt es zu einer Aufwertung des Renminbi und damit zur sinkenden Wettbewerbsfähigkeit chinesischer Ausfuhren, insbesondere in die Eurozone und den US-Dollarraum. Zudem führt die jüngste Abkopplung der chinesischen Volkswährung Renminbi zum US$ zur Aufwertungstendenz.
Dies verschärft die Diskrepanz zwischen steigenden Kosten im Inland einerseits und geringerer Preiswettbewerbsfähigkeit auf den Weltmärkten andererseits.
⇒ Strukturelle Veränderung hin zu mehr technologieintensiveren Fertigungen, insbesondere für den Standort Shenzhen

Arbeiteraufstände in China im Mai/Juni 2010

Ähnlich wie in Taiwan vor 20 Jahren prognostizieren die Analysten aufgrund steigender Arbeitskosten eine Abwanderung der Unternehmen. Interessanterweise ist Shenzhen mit seiner Exportquote und Bruttoinlandsprodukt (BIP) durchaus mit dem damaligen Taiwan zu vergleichen. Gesamtwirtschaftlich werden sich strukturelle Veränderungen ergeben: Arbeitsintensive Fertigungen, die vorher in der südlichen Küstenregion beheimatet waren, wandern notgedrungen wegen Chinas sinkender Wettbewerbsfähigkeit in Niedriglohnregionen ab. So hat die Spielwarenindustrie, die mehr als die Hälfte ihrer Produkte in der Provinz Guangdong herstellen lässt, Investitionsalternativen in Südostasien ins Visier genommen. Die in China ansässigen Textilunternehmen liebäugeln mit Bangladesch, das von der Arbeitseffizienz mittlerweile höchst interessant geworden ist. Allenfalls Westchina könnte sich mittelfristig für solche nicht kapital- und technologieintensive Produktionen eignen. Aber auch dort steigt das Lohnniveau mit einem noch stark zu entwickelnden Arbeitsproduktivitätszuwachspotential. Außerdem sind höhere Logistikkosten zu budgetieren.




Die ASC-Group hat Niederlassungen in Deutschland, Shanghai, Hongkong und Dalian und berät internationale Unternehmen bei deren Engagements in Asien. Web: www.asc-waldkirch.de und www.asc-seminarcentrum.de.

Kontakt

ASC - Asia Success e.K.
Dr. Karl Waldkirch
Neustadt, Deutschland
Tel.: 49 6321 96899 99
Email: info@asc-waldkirch.de


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