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Der nahezu präzedenzlose indische Aufstieg ist vor allen Dingen ein Resultat der Reformperiode Anfang der neunziger Jahre. Heute, zwei Jahrzehnte später, wird der weitere Siegeszug Indiens kaum noch bezweifelt. Sollen die kursierenden Langzeitprognosen tatsächlich Realität werden, muss indes eine neue Reformphase folgen. Die Anzeichen hierfür sind jedoch gering.
Touristenziel "Taj Mahal" in Agra: Der Großmogul Shah Jahan ließ ihn zum Gedenken an seine im Jahre 1631 verstorbene Hauptfrau Mumtaz Mahal erbauenNachdem Indien 1947 die Unabhängigkeit von Großbritannien erreicht hatte, legte der erste Ministerpräsident Jawaharlal Nehru das Land auf einen Kurs fest, der die Verfahren der repräsentativen Demokratie mit den Restriktionen einer Planwirtschaft verband. Auch wenn heute gern das Gegenteil behauptet wird – gänzlich unerfolgreich war dieser Weg nicht. Trotz widrigster Umstände konnte eine einigermaßen leistungsfähige Schwerindustrie aufgebaut werden, schwere Hungersnöte wurden vermieden und das demokratische System stellte sicher, dass auch die Belange der Ärmsten berücksichtigt wurden. Allerdings blieb Indien deutlich hinter seinen Möglichkeiten zurück. Denn das harte Regiment der Bürokraten mit ihren Regulierungsinstrumenten (Lizenzen, Quoten, Genehmigungen) unterdrückte systematisch Eigeninitiative und Innovationsfreude. Im Ergebnis blieb das Land von seiner "Hindu Rate of Growth" – einem Durchschnittswachstum von 3,5 Prozent – gefesselt.
Als die Chinesen im Dezember 1978 ihre große Wende einleiteten, blieb dies Neu-Delhi natürlich nicht verborgen, wobei man sich primär vor einer Verschlechterung der Sicherheitslage gegenüber dem Nachbarn sorgte. Fortan wurde der technologische Rückstand als Sicherheitsrisiko interpretiert, sodass die Einsicht in die Notwendigkeit von Reformen wuchs. Da in den meisten Wirtschaftszweigen die Profiteure der alten Ordnung gegen jedwede Änderungen Front machten, konzentrierte sich der modernistisch gesinnte Premier Rajiv Gandhi ab Mitte der achtziger Jahre auf den seinerzeit im Entstehen begriffenen IT-Sektor. Dem schlossen sich einige kleinere Liberalisierungsschritte in anderen Sparten an. Der große Wurf blieb aber aus. Auch das Ende des Kalten Krieges einschließlich des Wegfalls des wichtigsten Verbündeten, der Sowjetunion, vermochte zunächst keine weiteren Reformenergien freizusetzen. Dies änderte sich erst 1991, als Indien im Zuge einer schweren Zahlungsbilanzkrise die Hilfe des IWF in Anspruch nehmen musste. Die damit einhergehenden Auflagen ließen das koloniale Trauma wieder aufleben, sodass dieser Schock letztlich eine heilsame Wirkung entfaltete.
Bevölkerung von IndienEs war der damalige Finanzminister und heutige Premier Manmohan Singh, der die Initiative ergriff, die Rupie abwertete, viele hinderliche Produktionsbeschränkungen abschaffte und in ausgewählten Industriezweigen ausländische Investitionen zuließ. Diese Schritte kamen zwar keinem umfassenden wirtschaftspolitischen Paradigmenwechsel gleich, stellten aber doch eine markante Beschneidung der Bürokratenmacht dar. Darüber hinaus schufen sie einen Konsens, dass Indien nur dann den ihm gebührenden Weltrang einnehmen kann, wenn die ökonomische Leistungsfähigkeit kontinuierlich gesteigert wird. Und in der Tat stiegen die Wachstumsraten bis 2005 auf 7 Prozent per annum an, um sich danach zwischenzeitlich noch weiter auf über 9 Prozent zu erhöhen . In Anbetracht der indischen Größenverhältnisse handelt es sich hierbei um einen Transformationsprozess welthistorischen Ausmaßes. Infolgedessen haben sich die Lebensumstände einer beträchtlichen Anzahl von Menschen signifikant verbessert.
Lange hat Indien von diesem Kraftakt gezehrt. Nun aber, so scheint es, ist die Zeit für weitere Großtaten gekommen: Denn ein nachlassendes Wachstum wird von einer steigenden Inflation begleitet. Zwar wird weiter von einer Wirtschaftssteigerung von rund 8 Prozent ausgegangen, aber die vormaligen Spitzenwerte dürften erst einmal perdu sein. Trotz aggressiver Maßnahmen – die Reserve Bank of India (RBI) hat die Zinsen Ende Juli deutlich um 50 Basispunkte erhöht – nimmt der Preisdruck speziell bei Treibstoffen und Lebensmitteln weiter zu. Dies war bereits der elfte Zinsschritt in den letzten 18 Monaten. Mit einem leichten Rückgang des aktuellen Niveaus von knapp 10 Prozent wird erst ab November 2011 gerechnet. Für 2012 wurden offiziell 7 Prozent als Zielmarke ausgegeben. Eine zentrale Ursache hierfür ist der trotz eines hohen Budgetdefizites ungezügelte Ausgabedrang der Bundesregierung.
Dabei sind weitere Mammutausgaben vorgesehen: Neben einer landesweiten Krankenversicherung für Arbeiter in ländlichen Gebieten und Beschäftigte in asbest- und kalksteinverarbeitenden Industrien bestehen Pläne für ein Nahrungsmittelprogramm mit subventionierten Weizen- und Reis-Rationen für die Ärmsten. Der letztere Posten würde die Nahrungsmittelzuschüsse um circa 67 Prozent auf insgesamt 23 Milliarden US$ erhöhen. So löblich diese Vorhaben aus einer sozialpolitischen Perspektive auch sind – sie werden das Inflationsproblem weiter verschärfen. Gleichzeitig klagen die Unternehmen über steigende Kreditkosten. Nach Auskunft der privaten ICICI Bank nimmt das Kreditwachstum in Indien ab, wobei dieser Rückgang negative Auswirkungen auf die Industrieproduktion und den Konsum hat. Die entsprechenden Indikatoren zeigten zuletzt nach unten.
Erster indischer Ministerpräsident Jawaharlal Nehru (mit Familie)Auf der anderen Seite kann Indien (noch) mit seinen robusten Fundamentaldaten punkten. Neben einer hohen Sparrate und einer ausgeprägten Konsumneigung der Mittelklasse fällt insbesondere der demografische Vorteil ins Gewicht. Dieser resultiert aus einem anhaltenden Bevölkerungswachstum, durch welches speziell die altersmäßige Zusammensetzung der Bevölkerung zugunsten von Personen im arbeitsfähigen Alter verändert wird. Bis 2020 soll das Arbeitskräftereservoir nach Schätzungen von Goldman Sachs um über 100 Millionen Personen ansteigen. Aber dieser Vorzug allein garantiert noch keine Fortsetzung der Wachstumsstory, denn die zusätzliche Bevölkerung muss schließlich auch mit Arbeitsplätzen versorgt werden. Die Rede ist von vermutlich 12 Millionen Jobs, die jedes Jahr geschaffen werden müssen. Und dass Masse nicht unbedingt gleich Klasse ist, zeigt etwa ein näherer Blick auf die Hochschullandschaft. Einer Studie der National Association of Software and Service Companies (NASSCOM) zufolge besitzt ihre Branche zwar ein Umsatzpotenzial von 40 Milliarden US$, aber lediglich ein Viertel aller Abgänger der insgesamt 3.200 Ingenieurs-Colleges könnten als beschäftigungsfähig gelten. Zudem seien nur drei von zehn Angehörigen des jeweiligen Lehrkörpers als kompetent und qualifiziert zu klassifizieren! Dabei besitzt das Land schon jetzt einen chronischen Mangel an ausgebildeten Fachkräften.
Auf jeden Fall sollte es der indischen Führung zu denken geben, dass auch die hart gesottenen indischen Unternehmer, die bislang stets einen Weg gefunden haben, ihre Geschäfte zu machen, zunehmend zu zweifeln scheinen. Anstatt weiter im Inland zu investieren, orientiert sich gerade die Crème der India Inc. immer stärker global. Dabei mag es sicherlich auch gute betriebswirtschaftliche Gründe für ein Auslandsengagement geben, aber eine fortschreitende Ernüchterung bei den ökonomischen Eliten ist nicht zu übersehen. Egal ob Reliance Industries, Reliance-ADAG, die Tata-Gruppe, Essar-Gruppe oder Bharti Airtel – alle haben jüngst Milliardeninvestitionen außerhalb von Indien getätigt. Genauer: Zwischen April 2010 und März 2011 haben indische Firmen 44 Milliarden US$ im Ausland investiert, ein Plus von 150 Prozent zum Vorjahreszeitraum. Parallel gingen die ausländischen Direktinvestitionen nach Indien um ein Viertel auf 27 Milliarden US$ zurück. Demnach sind die Kapitalabflüsse höher als die Zuflüsse, was für ein Schwellenland höchst ungewöhnlich und nicht nur Diversifizierungskalkülen geschuldet ist. Fast scheint es, als sei an dem alten Bonmot "Indians can prosper everywhere, except in India" doch etwas dran. Auch ausländische Unternehmen klagen über die sich zuletzt häufenden Verzögerungen bei der Genehmigung von Investitionen.
Billigauto "Tata Nano" vor dem Goldenen Temple in AmritsarWas die Inlandsinvestitionen betrifft, so haben sich diese zwischen April und Juni 2011 um 70 Prozent gegenüber demselben Zeitraum in 2010 verringert. Von indischen Medien nach den Ursachen für ihre Zurückhaltung befragt, verweisen die Unternehmen unisono auf die mit hohen Erwartungen wiedergewählte United Progressive Alliance Regierungskoalition (UPA). Die UPA hat es fertig gebracht, seit ihrer Wahl 2009 keine einzige wirtschaftsfreundliche Reformmaßnahme zu beschließen. Aufgrund der enormen Vielfalt der indischen Bevölkerung haben nur weit ausgreifende Koalitionsbündnisse die Aussicht, eine Mehrheit in der Lok-Sabha, dem Unterhaus des indischen Parlaments, zu erringen. Diese heterogenen Koalitionen tun sich dann an der Regierung überaus schwer, eine gemeinsame Linie zu finden, zumal Politik in Indien strukturell auf Patronage und gegenseitige Vorteilsgewährung angelegt ist.
Auch den seit 2004 im Amt befindlichen Premier Singh scheint die einstige Courage verlassen zu haben, wobei man allerdings konzedieren muss, dass er sein Amt nicht zuletzt deshalb innehat, weil die gebürtige Italienerin Sonja Gandhi, die Vorsitzende der Kongress-Partei, den Indern als Regierungschefin als nicht vermittelbar gilt. Zudem scheint sich die Kongress-Partei, als das Schwergewicht der UPA, nur sehr schwer von ihrem sozialistischen Erbe lösen zu können. Anstatt die Modernisierung Indiens weiter zu forcieren, sind mehrere Regierungsmitglieder hauptsächlich damit beschäftigt, sich unangenehmer Betrugsvorwürfe zu erwehren. Die allgegenwärtige Korruption ist die Geißel der indischen Gesellschaft. Insgesamt scheint sich wieder mal die Einschätzung zu bestätigen, dass die Generierung von ersten Wachstumsprozessen von einer niedrigen Ausgangsbasis aus eine vergleichsweise simple Übung ist. Danach wird das makroökonomische Management aber fortwährend anspruchsvoller. Was in Indien möglich wäre, zeigt der Umstand, dass mehr als ein Fünftel der Exporte aus Sonderwirtschaftszonen stammt, in denen es verlässliche Produktionsbedingungen gibt und der indische Amtsschimmel es nicht ganz so arg treibt.
Im Hinblick auf die konkreten Reformdefizite muss nicht erst umständlich analysiert werden, denn sie liegen für jedermann sichtbar auf der Hand. Sie reichen von einer ungesicherten Energieversorgung und einer maroden Infrastruktur über starre Arbeitsgesetze bis zu ungeklärten Landfragen. Weiter müssten Staatsmonopole reduziert und die Investitionsbedingungen verbessert werden. Die Crux ist hierbei, dass für die Behebung der beiden erstgenannten Schwachpunkte erhebliche Investitionen aus dem Ausland erforderlich sind, die aber umso spärlicher fließen werden, je länger die Reformagenda unbearbeitet bleibt. Zwar wird verschiedentlich darauf hingewiesen, dass die Inder wahre Meister des "Muddling-through" (auf Deutsch: des Durchwurstelns) sind und dabei am Ende immer wieder erstaunliche Ergebnisse erzielt werden. Aber verlassen sollte man sich hierauf doch besser nicht.