
Japans Hersteller von technischen Textilien sind wieder zuversichtlicher. Die Produktion von Vliesstoffen oder von Carbonfasern zieht an, denn vor allem die Automobilindustrie zeigt Erholungstendenzen. Auch aus dem Flugzeugbau kommen positive Signale. Wegen des schärfer werdenden internationalen Kosten- und Preiswettbewerbs konzentrieren sich die japanischen Unternehmen zunehmend auf die Entwicklung von höherwertigen Erzeugnissen.
Die gegenwärtige Lage auf Japans Markt für technische Textilien sieht im Vergleich zum Vorjahr sehr viel freundlicher aus. Von Januar bis März 2010 wurden etwa 77.000 Tonnen Fliesstoffe hergestellt. Dies waren rund 20 Prozent mehr als im 1. Quartal 2009. Verantwortlich hierfür ist vor allem die Entwicklung in der Kfz-Industrie, die bis zu einem Fünftel der Produktion abnimmt. Als Folge von Subventionen und Steuererleichterungen für umweltfreundliche Fahrzeuge, aber auch wegen einer generellen Markterholung hat die Automobilproduktion in den inländischen Werken seit Herbst 2009 deutlich angezogen.
Wie lange die Fliesstoffunternehmen von diesen Effekten profitieren können, bleibt allerdings abzuwarten. Denn nach den derzeitigen Plänen der japanischen Regierung laufen die Hilfen für die Automobilindustrie Ende September 2010 aus, und es ist durchaus denkbar, dass die Inlandsnachfrage erneut zurückgeht. Auch die jüngsten weltwirtschaftlichen Turbulenzen und die starke Verteuerung des Yen gegenüber dem Euro könnten sich auf die japanische Kfz-Produktion und damit auch auf die Fliesstofferzeugung negativ auswirken, heißt es seitens des Chemiefaserverbandes.
Sollte dies eintreten, könnte diese Branche auf kompensierende Impulse aus anderen inländischen Anwenderbereichen nur bedingt hoffen. Relativ robust ist der Bedarf bei den Herstellern von Haushaltsgütern, meint der Fachverband. Dagegen sei bei der Nachfrage des Medizin- und Hygienesektors kein klarer Trend erkennbar. Zu den Ausnahmen gehörten jedoch Inkontinenzprodukte, deren Bedarf wegen der Alterung der japanischen Bevölkerung zunehme. Die Bauindustrie, ein anderer wichtiger Abnehmer von Fliesstoffen, hat auch 2010 wie schon in den Vorjahren mit großen Problemen zu kämpfen. Dies gilt sowohl für Infrastrukturprojekte als auch für den Haus- und Wohnungsbau.
Nach einem krisenbedingt sehr schlechten Jahr 2009 ist auch bei den Herstellern von Kohlenstofffasern wieder mehr Zuversicht zu spüren. Toray Industries beispielsweise sieht Belebung bei Anwendungen im Automobilsektor, denn die Entwicklung von Werkstoffen, die Gewicht und Kraftstoffverbrauch der Fahrzeuge einsparen helfen, ist auch in Japan ein zentrales Thema und geschäftlich von großer Bedeutung. Nach Presseberichten erwirtschaftete Toray mit carbonfaserverstärkten Kunststoffen (CFK) für Autoanwendungen im Fiskaljahr 2009 (1.4. bis 31.3.) etwa 7 Milliarden bis 8 Milliarden Yen (61,4 bis 70,2 Mio. Euro, 1 Euro = 114 Yen, 3-Monatsmittel). Für 2020 strebt die Firma einen Umsatz von 100 Milliarden Yen an. Um dieses Ziel zu erreichen, hat Toray als jüngste Maßnahme Ende April 2010 eine Zusammenarbeit mit Daimler über die gemeinsame Entwicklung neuer CFK-Komponenten vereinbart.
Auch Mitsubishi Rayon will sein Geschäft mit Kohlenstofffasern ausbauen. Zu diesem Zweck hat das Unternehmen Ende April 2010 mit der deutschen Firma SGL Technologies das Joint Venture MRC-SGL Precursor Co. gegründet. In Mitsubishis Werk Otake (Präfektur Hiroshima) sollen ab April 2011 Precursor produziert und anschließend in einer US-Fabrik von SGL zu Carbonfasern weiterverarbeitet werden. Sie sollen als Strukturteile für ein Elektroauto von BMW Einsatz finden. Mitsubishi und SGL streben an, die Jahreskapazität von Precursor in Otake bis 2014 auf 7.000 Tonnen zu steigern.
Die Verwendung von Kohlenstofffasern für den Flugzeugbau erhält ebenfalls wieder mehr Aufmerksamkeit. Nach dem Erstflug der neuen Boeing 787 im Dezember 2009 wird die Maschine wahrscheinlich im Laufe von 2010 nach jahrelangen Verzögerungen endlich in größeren Stückzahlen produziert. Im Flugzeug werden in großem Umfang faserverstärkte Verbundwerkstoffe verbaut, und Japan als weltweit wichtigster Produzent von Kohlenstofffasern profitiert hiervon besonders. Ferner gab Toray am 10.5.10 eine über 15 Jahre laufende Vereinbarung mit dem Airbus-Mutterunternehmen EADS über die Lieferung von CFK bekannt. Finanzielle Details wurden nicht veröffentlicht, doch sprechen japanische Zeitungen von einem Volumen zwischen 200 Milliarden und 300 Milliarden Yen.
Trotz der derzeitigen Marktbelebung halten sich die Unternehmen mit neuen Investitionsprojekten zumeist noch zurück. Toray zum Beispiel erklärte auf Anfrage, die Produktionskapazitäten von PAN (Polyacrylonitrile)-Kohlefasern im Werk Ehime (Masaki-cho, Präfektur Ehime) vorläufig nicht, wie geplant, um 1.000 Tonnen auf jährlich 8.300 Tonnen ausbauen zu wollen. Ursprünglich sollte im Juli 2009 eine neue Anlage mit Investitionen von etwa 16 Milliarden Yen in Betrieb genommen werden.
Japan sieht in der Konzentration auf Erzeugnisse mit höherem Wertschöpfungsgrad die einzige Möglichkeit, sich der zunehmenden Kosten- und Preiskonkurrenz aus der VR China, Südkorea oder Indien zu erwehren und auch in Zukunft bei Chemiefasern und technischen Textilien als Produktionsstandort international konkurrenzfähig zu bleiben. Bei den heimischen Textilunternehmen gewinnt die Entwicklung neuer Funktionsbekleidung stark an Bedeutung. So arbeitet Gunze im Rahmen eines Projekts der staatlichen New Energy and Industrial Technology Development Organization (NEDO) an wärmekonservierender Unterwäsche, in die Nanofasern eingewebt sind. Im Hinblick auf industrielle Anwendungen stehen in Zukunft zum einen zugfeste und flexible Kohlenstoff- und Para-Aramidfasern, zum anderen hitzebeständige und schwer brennbare Fasern (zum Beispiel Meta-Aramide, PPS) im Vordergrund, heißt es in einem Strategiepapier des Wirtschaftsministeriums (METI) von April 2010 zur heimischen Chemiefaserindustrie.
Im Sinne dieser Neuausrichtung überprüft eine Reihe von Unternehmen die bestehenden Geschäftsmodelle. Asahi Kasei Fiber zum Beispiel hat in Ergänzung zum Verkauf von herkömmlichen Vliesstoffen im Juli 2009 eine neue Abteilung eingerichtet, die sich vor allem auf die Entwicklung von Materialien für den Einsatz in der Elektronik, in sehr feinen Filtern und für hochfunktionale Membranen konzentrieren soll.
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