Asien Kurier  10/2009 vom 1. Oktober 2009
Thailand /Industrie

Investitionsstandort Eastern Seaboard

Von Dr. Paul Strunk, Rechtsanwalt in der Anwaltskanzlei Rödl & Partner in Bangkok

In den letzten 30 Jahren hat sich die Industrialisierung Thailands im wesentlichen im Gebiet des Eastern Seaboard abgespielt. Dies lässt sich durch eine Betrachtung der Ansiedlung deutscher Unternehmen im Land und der offensichtlichen Bevorzugung der südöstlich der Hauptstadt Bangkok gelegenen Region seitens der deutschen Herstellwirtschaft bestätigen.

In den beiden Schwerpunktprovinzen des Eastern Seaboard, Chonburi und Rayong, haben bislang 67 deutsche Firmen - kapitalmässig oder durch Managementbeteiligung - investiert. Die Mehrheit der Firmen ist in der näher an Bangkok gelegenen Provinz Chonburi ansässig (35 Firmen), der Rest (32 Firmen) sitzt in Rayong.

Die Provinz Chonburi ist stark industrialisiert und verfügt über eine gut entwickelte Transport-Infrastruktur. Auch der Tourismus spielt eine bedeutende Rolle. Nach Bangkok erzielt die Provinz im Vergleich mit allen anderen Provinzen die grösste Wirtschaftsleistung.

Petrochemie im Eastern Seaboard von Thailand

In der Provinz Chonburi investierten deutsche Firmen nahezu auschliesslich in den westlichen am Golf von Thailand gelegenen Distrikten: Stadt Chonburi (6 Firmen), Sri Racha (7) sowie Banglamung (18) mit der Stadt Pattaya (3). Nur eine deutsche Firma, die sich mit Recycling chemischer Abfälle und Restölverwertung befasst, hat sich in einem weiter landeinwärts gelegenen Provinzdistrikt Ko Chan niedergelassen.

Grund für die eindeutige Bevorzugung der Küstenregion dürfte in der besseren Transportinfrastruktur (Strasse und Schiene) und der dadurch bedingten günstigeren Verbindung mit Bangkok, sowie den Häfen und Flughäfen der Provinz zu sehen sein. Durch die erfolgreiche Entwicklung des neuen Tiefseehafens in Laem Chabang - als Ergänzung zu den Häfen Sri Racha und im Süden der Provinz Sattahip und Map Ta Phut -, die Errichtung beeindruckender petrochemischer Anlagen zur Verarbeitung der Erdgasvorkommen im Golf von Thailand und der Inbetriebnahme des neuen Bangkok International Airport (Suvarnabhumi) im Südosten Bangkoks hat die Provinz Chonburi drei wichtige zusätzliche Standortvorteile erhalten, die die Entwicklung der Provinz in den nächsten Jahren merklich positiv beeinflussen werden.

Wegen seiner hervorragenden wirtschaftlichen Bedeutung wird der Hafen Laem Chabang seit kurzem auch von den weltweit größten Containerschiffen mit mehr als 10.000 TEU Kapazität angelaufen. Anfang August 2009 dockte hier die Zim Djibouti, ein in Südkorea gebautes 349 Meter langes Schiff mit einer Ladekapazität von 10.062 TEU, ein neuer Grössenrekord des aufstrebenden Hafens Laem Chabang.

Im Gebiet der Stadt Chonburi zieht auch die attraktive Industriezone Amata Nakorn Industrial Estate deutsche Herstellbetriebe an (4 deutsche Unternehmen von 6 in Chonburi). Hier haben BASF, Cognis, Henkel sowie das mit deutscher Entwicklungshilfe errichtete Thai-German Institute ihren Platz gefunden. IC Intracom, ein Hersteller von Computer-Kabeln und Steckern, produziert direkt in der Stadt Chonburi. SEW-Eurodrive (Getriebemotoren, Frequenzumwandler, Fahrsysteme und Triebwerke) stellt in Chonburis Stadtteil Donhuaroh her.

Im Distrikt Sri Racha befinden sich 4 deutsche Herstellbetriebe (Duscholux, Heatec, Konitz, TGF Precision Parts) sowie 3 Dienstleister (Elastofill, Flender ReprOffice, Schenker Logistics Center). Im südlicher gelegenen Bezirk Banglamung fällt die hohe Anzahl deutscher Handelsunternehmen auf, ganze 10 Firmen (Klimageräte plus PVC-Fenster/Türen, Kristallware, Textilien und Unterwäsche, Sportbekleidung und -schuhe: Adidas und Puma, Spirituosen, Lebensmittel, Kaffee). Daneben sind dort 5 deutsche Dienstleister (ABC Consulting, Asia Law Works, Global Solidor, Global Solidor Insurance, Logo Trade) sowie 3 deutsche Herstellbetriebe (Dental Technik , Siam Best Enterprise, Tryba) tätig. In der Stadt Pattaya sind nur 2 nicht-deutsche Hotelbetriebe mit deutschem Management anzutreffen (Royal Cliff Beach Resort, Sheraton Pattaya Resort) sowie ein deutscher Hotelbetrieb (Thai Garden Resort), mit deutschem Management.

Die Stadt Pattaya (ca.110.00 gemeldete Einwohner) und den vorgelagerten Inseln ist andererseits bei deutschen Privatpersonen als Alterswohnsitz oder zumindest Nebenwohnsitz sehr beliebt. Auch ehemalige Mitarbeiter deutscher Firmen verbringen dort häufig ihren Lebensabend. Zunehmend wohnen hier auch leitende Mitarbeiter deutscher Firmen mit ihren Familien, deren Büro oder Fabrik ausserhalb Pattayas in den Provinzen Chonburi oder Rayong liegt, die aber die Annehmlichkeiten eines modernen Stadtlebens am Meer dem Leben in der Provinz vorziehen. Ihren Kindern stehen zur Ausbildung 5 internationale Schulen sowie eine Universität (Asian University of Science and Technology) zur Verfügung.

Schätzungen zufolge wohnen circa 10.000 bis 15.000 Deutsche in Pattaya (rund. 4.000 Schweizer, 1.500 Österreicher und 1.000 Franzosen), während jährlich etwa 250.000 deutsche Touristen den beliebten Bade- und Wassersportort besuchen. Besonders attraktiv für sie ist neuerdings die gute Schnellstrassenanbindung an Bangkok (90 Minuten Fahrt) sowie die Nähe zum neuen Flughafen Bangkoks (70 Minuten). In 23 Kilometer Entfernung zu Pattaya soll der von der thailändischen Marine betriebene Flughafen U-Tapao im nächsten Jahr erheblich ausgebaut werden; er soll dann stündlich 1.500 Passagiere (z.Zt. 400) abfertigen können und nach Pattaya Reisenden aus dem In- und Ausland eine Airport-Alternative bieten. Die Kosten werden auf eine Milliarde Baht geschätzt (**** Mio. Euro, 1 Baht = *** Baht, 3-Monatsmittel).

Die Provinzen Chonburi und Rayong gehören zur Förderzone 2 des Board of Investment (BOI). Dort werden stärkere Investitionsanreize gewährt, als in der Förderzone 1 (Bangkok und unmittelbare Nachbarprovinzen). Zur Ankurbelung von Investitionen gewährt die Investitionsförderbehörde seit einiger Zeit bei Investitionen in ausgesuchten Industrieparks der Zone 2 die gleichen Investitionsanreize wie in Förderzone 3, wo die höchsten Vergünstigungen zur Verfügung stehen; zeitlich begrenzt auf Investitionsanträge bis Ende 2014. In Chonburi befinden sich 6 BOI-geförderte Industriezonen, in Rayong 8; das ist mehr als in jeder anderen Provinz.

Die südlich von der Provinz Chonburi gelegene Provinz Rayong ist merklich kleiner und besitzt nur in etwa halb so viele Einwohner wie die Provinz Chonburi (ca. 550.000). Ihre südliche Grenze besteht ausschließlich aus Meeresküste mit feinsten Sandstränden und attraktiven vorgelagerten Inseln, wobei Koh Samet international die bekannteste ist. Im Norden grenzt sich die Provinz mit einer lieblichen Hügellandschaft von der Provinz Chonburi ab.

Rayong übt besonderen Anreiz auf das Produktionsgewerbe aus, besonders auf den Maschinen- und Anlagenbau (z.B. Bangkok Glass, Liebherr, SIG Combibloc, PackSys, Neumann & Esser), die elektro- und elektronische Industrie (Netsol, Patterer,Temco), die Chemiebranche (BASF, Bayer, Barbe, H.C.Starck, United Silica), Petrochemie sowie den Automobil- und Zulieferersektor (BMW, Bader, Bosch, Continental, Putzmeister).

Insgesamt stellen 28 deutsche Firmen in Rayong her, nur eine Firma ist im reinen Handel tätig (Export von Fischen und Garnelen), 3 Firmen erbringen vorwiegend Dienstleistungen für die dortigen Hersteller, und zwar im Elektronik-, Umwelt- und Reinigungsbereich.

Die grosse Mehrzahl der deutschen Firmen, die sich in der Provinz Rayong niedergelassen haben, sind in die beiden Bezirke Stadt Rayong (14) mit dem an der Südküste des Golfs gelegenen Map Ta Phut Industrial Estate (4) und den im hügeligen Provinznorden gelegenen Bezirk Pluak Daeng gegangen (11).

In den beiden populären Industriezonen "Eastern Seaboard Industrial Estate" (5 Firmen: BASF, BEKO, Getriebe-Schäfer, SIG Combibloc, Uraca) und "Amata City Industrial Estate" (5 Betriebe: BMW, Bosch, Continental, DTS Dräxlmaier, Patterer). 3 deutsche Firmen (Bangkok Glass, Grohe, Konkel) sind in dem Bezirk Klaeng, 2 weitere (Liebherr, PackSys Global) in dem Bezirk Nikhom Phatthana, eine Firma in dem Bezirk Ban Chang (Putzmeister) und eine weitere Firma (Temco) in dem Bezirk Ban Khai zu finden.

Investoren im "Map Ta Phut Industrial Estate" sind gegenwärtig besorgt, da das Gebiet dieser Industriezone vor kurzem zur Umweltschutzzone erklärt wurde, was erhebliche Auflagen zur Reduzierung von umwelt- und gesundheitsbelastenden Emissionen mit sich bringt. Durchführungsvorschriften (z.B. für Health Impact Assessment Studien) existieren noch nicht. Beabsichtigte Neu- und Erweiterungsinvestitionen könnten darunter leiden und der Zone ihre bisherige Attraktivität nehmen. Investitionsprojekte im Umfang von 200 Milliarden Baht warten auf "grünes Licht". Eine rasche Verwirklichung wird die thailändische Wirtschaft einen erheblichen Wachstumsschub erhalten.

Der Automobilteilehersteller Continental, seit Mitte 2009 mit eine Fabrik zur Herstellung von Antriebspumpen und Einspritzventilen (Investitionsvolumen: 5 Mrd. Baht) im "Amata City Industrial Estate" präsent, plant für 2011eine Ausdehnung seiner Produktion auf Innenelektronik und Kombiinstrumente.

Überwiegend in der Rayong-Provinz angesiedelt, beabsichtigt die Petrochemie für die nächsten Jahre den Bau weiterer Erdöl- und Erdgasplattformen, was die Verlegung von Kabeln und Rohrleitungen mit sich bringt. Deutsche Ingenieur- und Anlagenbaufirmen sind eingeladen, sich an den Ausschreibungen zu beteiligen. Auch die im Land vorhandenen Raffineriekapazitäten sollen ausgebaut werden. Die Firma PTT will Ende 2009 eine neue Äthylenanlage im Wert von 1,3 Milliarden US$ in Betrieb nehmen.

Die Chonburi-Provinz hingegen ist mehr Standort der Leichtindustrie, hier sind Handel und Dienstleistungen zuhause, und zwar recht ausgewogen (12 deutsche Firmen, davon 10 Handelshäuser und 13 Dienstleister). Von den in beiden Provinzen tätigen 67 deutschen Firmen sind 31 Mitglied in der Deutsch-Thailändischen Handelskammer in Bangkok (46,3 %).

In den nächsten Jahren wird die Präsenz der deutschen Industrie in Thailand voraussichtlich weiter wachsen. Investitionen in den günstig gelegenen Industriezonen "Amata Nakorn Industrial Estate" und "Eastern Seaboard Industrial Estate", "Amata City Industrial Estate" sowie "Map Ta Phut Industrial Estate" werden weiterhin bevorzugt werden. Letzeres ist besonders für die Chemie und Petrochemie interessant.

Was werden die nächsten Jahre bringen? Tatsache ist, dass zur Zeit jährlich nur 1 bis 2 Prozent der ausländischen Investitionen in Thailand aus Deutschland stammt. Tatsache ist auch, dass lokale Unternehmer gerne mit deutschen Unternehmen zusammenarbeiten. Deutsche Investitionen sind daher mehr als willkommen. Thailand lädt heute mehr denn je deutsche Unternehmen und deren Technologie ein, in Thailand zu investieren. Es bleibt abzuwarten, ob dieser Ruf von den deutschen Unternehmen vernommen wird."