
Faule Kredite plagen die arabischen Golfstaaten. Zentrum der auch hausgemachten Finanzkrise ist Dubai. Mit dem Platzen der Immobilienblase geraten Anleger in Zahlungsschwierigkeiten. Banken, vor allem in den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE), müssen mit milliardenhohen Abschreibungen rechnen, und die Krise ist auf andere Golfstaaten übergeschwappt.
Journalisten vergleichen gerne die globale Wirtschaftskrise von heute mit der Großen Depression von 1929. Die Ölmonarchien am arabischen Golf hingegen hatten erst in den 80er Jahren mit einer womöglich existenzbedrohenden Rezession zu kämpfen. Der Ölpreis fiel von 1980 bis 1986 von 40 auf 25 US$ pro Barrel und erreichte 1986 den Tiefststand von rund 10 US$. Während des Beinahe-Kollapses strichen die Ölstaaten panikartig den Haushalt zusammen; Familienkonglomerate gingen Pleite.
Die Staaten des Golf-Kooperationsrates (GCC) hätten es während der Ölpreisexplosion in den 70er Jahren versäumt, Rücklagen zu bilden, so Steffen Hertog von der Sciences Po in Paris. Damals stiegen die Ausgaben der Ölstaaten nahezu proportional mit den verdienten Petrodollars, so der Wissenschaftler in seiner Vergleichsstudie. Im Unterschied hierzu - sind sich die meisten Experten einig - können die arabischen Golfstaaten heute den gefallenen Ölpreis weitaus besser verkraften.
Während der Ölpreishausse der letzten Jahre haben die Länder ihre Verschuldung zurückgefahren und - trotz Verluste bei den arabischen Staatsfonds - hohe Rücklagen im In- und Ausland gebildet. Daraus ergibt sich die Möglichkeit, der Wirtschaftskrise mit antizyklischem Handeln zu begegnen, aber auch einer angeschlagenen Geschäftswelt mit Geldern beizuspringen.
Die hohe Finanzkraft der Golfländer äußert sich unter anderem bei den Großprojekten etwa in der Infrastruktur oder Energieversorgung. Auftraggeber sind überwiegend der Staat oder von staatlichen Unternehmen. Laut Wirtschaftszeitschrift MEED sind zwar Projekte im Wert von 510 Milliarden US$ gestrichen oder verschoben worden, trotzdem ist der Gesamtwert laufender Großprojekte in der Region gegenüber dem Vorjahr um 6,5 Prozent gestiegen. In Saudi-Arabien waren es mit einem Gesamtvolumen an laufenden Projekten von 494 Milliarden US$ sogar 20,6 Prozent mehr.
Verschont sind die GCC-Länder von der Finanzkrise und dem weltweiten Abschwung trotzdem nicht. Zum einen müssen einige arabische Golfstaaten in diesem Jahr wegen des gefallenen Ölpreises und einer Drosselung ihrer Förderquote Budgetdefizite hinnehmen. Zumal die arabischen Golfländer bis auf Kuwait ihre Haushaltsausgaben erhöht haben. Zum anderen wird der Privatsektor von Liquiditäts- und Solvenzproblemen heimgesucht; und hier insbesondere Unternehmen und Anleger, die sich im Immobiliensektor von Dubai engagiert oder auch weltweit spekuliert haben.
Angesicht der gegenwärtigen Turbulenzen ist deswegen zu bezweifeln, ob der Privatsektor mittlerweile so viel unabhängiger vom Staat ist als in den 70er und 80er Jahren, wie nicht alleine Hertog in seiner Studie behauptet. Spannungen auf dem Finanzmarkt gab es schon bevor die Finanzkrise aus den USA auf die Region überschwappte. Viel spekulatives Kapital floss 2008 in die Region als auf die Abkoppelung einiger GCC-Währungen vom US-Dollar gewettet wurde, berichtet der Kreditversicherer Coface. Die Gelder wurden als leichte Kredite für Immobilienprojekte weitergereicht. Als dann in Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten die erhoffte Loslösung vom US-Dollar nicht erfolgte, und die US-Währung zudem aufwertete, zog ausländisches Kapital ab.
Erst recht im Zuge der Subprime-Krise war Ende 2008 eine Kapitalflucht zu verzeichnen. Auslandskapital kehrte wegen anderweitiger Verbindlichkeiten der Region den Rücken. Mit der Folge, dass die regionalen Börsen abgestürzt sind. Diese verloren in den letzten 12 Monaten mehr als 40 Prozent ihres Wertes. Laut MEED liegt die totale Marktkapitalisation heute bei rund 655 Milliarden US$. Das sind 500 Milliarden weniger als vor einem Jahr.
Schließlich platzte die Immobilienblase in Dubai. Leichtsinnig haben die Banken Kredite vergeben. Mit fallenden Häuserpreisen können mittlerweile viele Käufer - ähnlich wie in den USA - ihren Verpflichtungen nicht nachkommen. Ein wichtiger Grund, warum sich die Immobilien-, Bau-, Bankenbranche und der Einzelhandel mittlerweile im Abwärtsstrudel befinden und das Konsumentenvertrauen in Dubai einbricht. Dieser Negativtrend setzte im November und Dezember 2008 ein. Wobei das Bankhaus Global Investment House in diesem Zusammenhang feststellt, dass die Investitionsprogramme der Regierung den Abschwung mildern, aber nicht die Rückgänge bei Handel, Beschäftigung und Konsum werden ausgleichen können.
Die Entwicklung in dem Emirat Dubai hat regionale Auswirkungen, wie jüngst die Zahlungsschwierigkeiten zweier alteingesessener Familienunternehmen, Saad und Al Ghoseibi, in Saudi-Arabien zeigen. Wegen seiner Spekulationsverluste steht die Al Ghoseibi Gruppe bei Banken in Saudi-Arabien und den Emiraten in der Kreide. Zudem sperrte die saudische Zentralbank Ende Mai die Bankkonten der Saad-Gruppe und im Juni sind die VAE-Banken dazu aufgefordert worden, dem mehr als 30 Milliarden US$ schweren Unternehmen und deren Chef Maan al Sanea keine Kredite zu gewähren. Schließlich hat der Gouverneur der VAE-Zentralbank Sultan Al Suwaidi die Geldhäuser in den Emiraten dazu aufgefordert, wegen der Verluste der beiden Unternehmen Rückstellungen zu bilden.
Das Magazin Zawya kommt zu dem Schluss, dass durch die Finanzturbulenzen von Al Ghobeisi und Saad einige Banken am arabischen Golf mit Ausfällen von bis zu 20 Prozent ihrer Einlagen zu rechnen hätten, wobei die HSBC schätzt, dass die Saad- und Al-Ghoseibi-Konglomerate mit weltweit mit 15,7 Milliarden Dollar in der Kreide stehen. Schließlich schrieb die Ratingagentur Standard & Poor`s in einer Studie, dass die aus dem Absturz der beiden Häuser erwachsenden Verbindlichkeiten schwierig, aber beherrschbar seien.
Das eigentliche Problem seien allerdings die bilateralen Darlehen von Saad und Al Ghoseibi, die weder bekannt noch praktisch zu ermitteln seien, schreibt der Golf-Korrespondent Michael Backfisch im Handelsblatt. Hinzu käme, dass 90 Prozent aller Unternehmen in Nahost wenig transparente Familienkonzerne seien. Es sei daher nicht überschaubar, wie weit weitere Unternehmen von Zahlungsschwierigkeiten betroffen seien.
Das trägt sicherlich nicht zur Vertrauensbildung bei. Andrerseits glauben Beobachter nicht, dass die Pleiten der beiden Händlerdynastien alleine auf den wirtschaftlichen Abschwung zurückzuführen sind. Das eigentlich verwunderliche, so Wirtschaftskreise, seien weniger die Zahlungsschwierigkeiten der Häuser Al Ghoseibi und Saad, sondern vielmehr die Tatsache, dass kein Akteur aus dem saudischen Königshaus diese vor der finanziellen Malaise gerettet habe.
Beobachter erwarten jedenfalls, dass die Arabischen Emirate die Geldinstitute wegen der Ausfälle durch Al Ghoseibi und Saad nicht fallen lassen werde. Das wäre nicht unüblich am arabischen Golf: So hat Kuwait seine verzweifelten Anleger großzügig mit Aktienkäufen unterstützt und die katarische Zentralbank die dort ansässigen Banken mit 14 Milliarden US$ von faulen Immobilienkrediten befreit.
In Saudi-Arabien seien übrigens Rettungsmaßnahmen schon in der Diskussion und das Handelsblatt berichtet weiter, dass das krisengeschüttelte Dubai unterdessen eine zweite Tranche eines insgesamt 20 Milliarden US$ schweren Bonds angekündigt habe; diese soll vor allem den lokalen und internationalen Banken zugute kommen.