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Datum: 2008-12-31

Asien Kurier  6/2008 vom 1. Juni 2008

Pakistan - Energiedrehscheibe für Südasien ?

Von Fabian Nemitz, bfai-Korrespondent in Dubai.

Seit Jahren laufen Verhandlungen über den Bau zweier Erdgaspipelines von Iran und Turkmenistan nach Pakistan und Indien. Zuletzt waren die Gespräche ins Stocken geraten. Der stark steigende Energiebedarf in der Region drängt aber auf ein schnelles Handeln. Bei einem Treffen in der pakistanischen Hauptstadt Islamabad wurde Ende April 2008 ein Durchbruch erzielt. Die zuständigen Minister haben sich grundsätzlich auf einen Bau geeinigt. Die Zustimmung der Regierungen steht noch aus. Die Kosten der beiden Projekte werden auf 15,1 Milliarden US-Dollar geschätzt.
Werden die Pipeline-Projekte umgesetzt, würde Pakistan zu einem bedeutenden Transitland und einer Energiedrehscheibe für die gesamte Region. Gleichzeitig eröffneten sich den zentralasiatischen Staaten neue Absatzwege. Nach Meinung der Tageszeitung Khaleej Times aus den Vereinigten Arabischen Emiraten ist es insbesondere die sich verschärfende Energiekrise, die die Länder nach jahrelangen Verhandlungen nun zu einer Einigung bewegt hat.
In Folge der Energiekrise kommt es gerade in Pakistan immer wieder zu längeren Stromausfällen, die das Leben und die Wirtschaft des Landes lahm legen. Neue Energiequellen müssen schnell erschlossen werden, denn wie auch in Indien lässt das Wachstum von Bevölkerung und Wirtschaft den Energiebedarf immer weiter ansteigen. Iran hat sich indessen bereit erklärt, Pakistan ab sofort 1.100 MW Strom zu liefern. Aktuell liegt das Erzeugungsdefizit Pakistans bei etwa 3.000 MW.
Bei dem einen der beiden Vorhaben handelt es sich um den Bau einer Pipeline, die Gas aus Iran nach Pakistan und Indien (IPI-Pipeline) bringen soll. Gespräche zwischen Indien und Pakistan waren im Juni 2007 gescheitert, nachdem die beiden Länder keine Einigung über die Höhe der Transittarife erzielen konnten. Indien hatte aus diesem Grund nicht an den drei folgenden Gesprächsrunden teilgenommen und zuletzt im Februar 2008 seine Teilnahme kurzfristig abgesagt. Meldungen über ein Interesse der Volksrepublik China an einem Einstieg in das Pipelineprojekt und die Gefahr, dann selbst außen vor zu bleiben, haben Indien jedoch wieder an den Verhandlungstisch gebracht, berichtet die pakistanische Tageszeitung Dawn. Indien könne seinen steigenden Gasbedarf nicht ignorieren, auch wenn die USA gegen Lieferungen aus Iran seien.
Bei dem Ministertreffen Ende April 2008 konnten die Unstimmigkeiten zwischen Pakistan und Indien nun beigelegt werden. Die Transitgebühren und -tarife wurden noch nicht endgültig festgesetzt, sollen sich aber nach der Höhe der Baukosten für die Pipeline in Pakistan richten. Diese werden derzeit auf 3 Milliarden US-Dollar geschätzt, bei Kosten von insgesamt 7,5 Milliarden. Ein Abkommen soll unterzeichnet werden, sobald die Regierungen grünes Licht zur Einigung der Minister geben.
Der Beginn der Arbeiten an der 2.777 km langen Pipeline ist für 2009 vorgesehen. Ab Dezember 2012 sollen dann täglich 2,46 Milliarden Kubikfuß Gas (69,7 Mio. m3) aus Iran fließen, die sich Pakistan und Indien jeweils zur Hälfte teilen. Die Leitung könnte später in die Volksrepublik China verlängert werden. Nach Einschätzung der Tageszeitung Khaleej Times ist die IPI-Pipeline die nach jetzigem Stand aussichtsreichere Variante. Unternehmen und Geldgeber aus verschiedenen Ländern sind dem Vernehmen nach am Bau beziehungsweise der Finanzierung des Projekts interessiert.
Bei dem zweiten Projekt handelt es sich um eine Gaspipeline von Turkmenistan über Afghanistan und Pakistan nach Indien (TAPI-Pipeline). Auch zu diesem Vorhaben fanden Ende April 2008 in Islamabad Gespräche der Energieminister der beteiligten Länder statt. Dabei haben sich die Minister auf eine Fortsetzung der Vorbereitungen für den Bau der Pipeline geeinigt, auch wenn die ursprünglich veranschlagten Gesamtkosten in Höhe von 3,3 Milliarden nun mit 7,6 Milliarden US-Dollar mehr als doppelt so hoch angesetzt werden.
Die TAPI-Pipeline soll 2015 fertig gestellt sein. In den ersten beiden Jahren nach Inbetriebnahme will Afghanistan täglich 5 Millionen m3 entnehmen. Ab dem dritten Jahr, wenn die Pipeline ihre vorgesehene Kapazität von 90 Millionen m3 erreicht hat, sollen es bis zu 14 Millionen m3 täglich sein. Den Rest werden sich Pakistan und Indien jeweils zur Hälfte teilen.
Die USA bevorzugen dieses Vorhaben. Wann die Sicherheitslage in Afghanistan eine Aufnahme der Bauarbeiten erlaubt, ist jedoch ungewiss. Zudem braucht die Pipeline für ihre Wirtschaftlichkeit mindestens 30 Milliarden m3 Gas pro Jahr. Und hier gab es in der Vergangenheit Zweifel, ob Turkmenistan diese Menge liefern kann. Der turkmenische Minister für die Öl- und Gasindustrie, Baymurad Hojamuhamedov sagte jedoch, es seien neue Gasvorkommen in seinem Land entdeckt worden. Ein britisches Unternehmen wurde damit beauftragt, die Vorkommen zu zertifizieren.
Ein Bericht solle bis Ende September 2008 vorliegen. Die gesamten Gasreserven Turkmenistans lägen bei etwa 8.000 Millarden m3, sagt der Minister. Im BP World Energy Report aus dem Jahr 2006 werden die Vorkommen jedoch nur mit 2.860 Millarden m3 angegeben. Die Minister verständigten sich darauf, ein Konsortium aus Investoren für eine detaillierte Machbarkeitsstudie und das weitere Vorgehen zu bilden. Ab 2009 wollen sie unter anderem die Höhe der Transitgebühren erörtern. Auch die Asian Development Bank (ADB) will ihre Machbarkeitsstudie überarbeiten, um in der nächsten Phase interessierte Unternehmen einzuladen.
Ursprünglich wurde die TAPI nur als eine Route von insgesamt drei Optionen diskutiert. Der stark steigende Energiebedarf in der Region macht nun aber beide Vorhaben nötig. Als drittes Pipeline-Projekt neben IPI und TAPI wurde die Katar-Iran-Pakistan-Indien-Pipeline (KATI) gehandelt. Die KATI-Pipeline scheint aber aus dem Rennen, weil sich der Golfstaat Katar, der über die weltweit drittgrößten Erdgasreserven (25.360 Millarden m3) verfügt, für andere Exportwege entschieden hat.