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Datum: 2008-12-31 Asien Kurier 6/2008 vom 1. Juni 2008 Macao - Regierung zieht die Notbremse Von Dr. Roland Rohde, bfai-Korrespondent in Hongkong.
Nicht etwa Shanghai ist die am schnellsten wachsende Stadt Chinas, sondern die winzige Sonderverwaltungsregion (SVR) Macau. Immer neue Kasinos und Hotels werden errichtet und sorgen für einen leer gefegten Arbeitsmarkt sowie einen lebhaften Konsum. Doch die Schattenseiten des Booms treten immer stärker zutage. Trotz steigenden Wohlstands mehrt sich Unruhe in der Bevölkerung. Im Frühjahr 2008 kündigte die Regierung einen Investitionsstopp für den Glücksspielsektor an.
Noch zeichnet sich kein Ende des nahezu märchenhaften Wirtschaftsbooms der winzigen Sonderverwaltungsregion Macau ab. So legte deren Bruttoinlandsprodukt (BIP) 2007 nach Angaben des Statistikamtes um real 27 Prozent zu. Das war noch nicht einmal ein Spitzenwert, denn drei Jahre zuvor lag die entsprechende Quote bereits bei 28 Prozent. Zwischen 2003 und 2007 hat sich damit die reale Wirtschaftsleistung der ehemaligen portugiesischen Kolonie mehr als verdoppelt. Ausgelöst wurde das Wirtschaftswunder von der Liberalisierung des Spielbanksektors 2002. Unternehmen aus Las Vegas investierten daraufhin zweistellige Milliarden-US-Dollar-Beträge in den Bau von riesigen Hotel-Spielbankkomplexen. Im Jahr 2007 eröffnete beispielsweise das "Venetian" mit 3.000 Zimmern. Bis zu 20 weitere Fünfsterne-Häuser sollen bis 2012 folgen (mehr dazu im Asien Kurier vom 1. Feb. 2008, Seiten 17 und 18). Da auf dem benachbarten chinesischen Festland und in Hongkong Glücksspiele offiziell verboten sind, müssen sich die Kasinos keine Sorgen um ausbleibende Gäste machen. 2007 kamen nach Angaben der Tourismusbehörde 27 Millionen ausländische Besucher in die frühere portugiesische Kolonie, ein Plus von 23 Prozent gegenüber 2006 beziehungsweise mehr als eine Verdoppelung im Vergleich zu 2003. Bei 85 Prozent der registrierten Ankünfte handelt es sich um Reisende aus China und Hongkong. Viele kommen fast ausschließlich zum Spielen. Die Kasinos sind selbst an Wochentagen und in den frühen Morgenstunden gut gefüllt. Sowohl 2006 als auch 2007 lagen daher die Spielbankeinkünfte Macaus nach offiziellen Angaben höher als diejenigen von Las Vegas. Sie steuern zudem zu rund 80 Prozent zu den Staatseinnahmen bei. Doch wo Licht ist, existiert bekanntlich auch Schatten. Die soziale Kehrseite des Booms führt zu einer immer stärkeren Kritik an der Regierung. Die Bevölkerung bemängelt vor allem, dass der Aufschwungs nur teilweise bei ihr ankommt. Zwar hat sich das BIP pro Kopf zwischen 2003 und 2007 verdoppelt und übertraf mit 36.000 US-Dollar dasjenige Hongkongs. Doch das Pro-Kopf-Einkommen ist sehr ungleich verteilt. Hauptprofiteure des Booms sind einige wenige Kasinobesitzer und Investoren. Erschwinglicher Wohnraum wird zudem knapp. Die Mieten und Verbraucherpreise in Macau lagen im Vergleich zu Hongkong traditionell auf einem sehr niedrigen Niveau. Dies garantierte der Bevölkerung trotz eines merklich niedrigeren Einkommens einen gewissen Wohlstand. Doch die Grundstückspreise nähern sich langsam dem Hongkonger Niveau an und auch die Güter des alltäglichen Bedarfs werden merklich teurer. Immerhin muss sich niemand Sorgen um seinen Job machen. Der Kasinosektor, der Einzelhandel sowie das Hotelund Gaststättengewerbe sorgen für ausreichend Arbeit. Anfang 2008 lag die Erwerbslosenquote bei unter 3 Prozent. Das bedeutet Vollbeschäftigung. In vielen Branchen herrscht sogar Arbeitskräftemangel. Händeringend werden Absolventen mit chinesischen und englischen Sprachkenntnissen (in Macau wird an den Schulen im kantonesischen Dialekt unterrichtet) gesucht. Doch Lehrer berichten in Medienberichten einstimmig, dass die Lernbereitschaft ihrer Schüler eher abgenommen habe. Viele wollen nicht etwa die Universität besuchen und Medizin, Recht oder Ingenieurwissenschaften studieren, sondern sich nach der Oberschule einen gut bezahlten Job als Croupier in einem der zahlreichen Kasinos suchen. Anfang 2008 zog die Regierung schließlich die Notbremse. Neue Spielbanklizenzen werden bis auf Weiteres nicht mehr erteilt. Ebenso gibt es keine Genehmigungen mehr für den Neubau oder die Erweiterung von bestehenden Kasinos. Die Maßnahmen wurden laut Medienberichten auch auf sanften Druck aus Beijing beschlossen. In der Landeshauptstadt sehe man mit Sorge, dass immer mehr Chinesen ihr Geld in Macau verspielten. Auch befürchte die Regierung die Folgen von sozialen Unruhen. Trotz aller Verwerfungen geht es dem Durchschnittsmacanesen insgesamt deutlich besser als noch vor fünf Jahren. Die Einkommen sind merklich gestiegen und da die meisten Wohnungseigentum besitzen, können sie sich über den Anstieg der Grundstückspreise eher freuen. Da zudem keine Jobsorgen existieren, boomt der private Verbrauch. Viele lange zurückgestellten Konsumwünsche werden nun nachgeholt. Auf Rang eins der Wunschliste der einheimischen Bevölkerung stehen Autos. Die Touristen bevorzugen hingegen tragbare Güter und so gehören Schmuck und Uhren zu den beliebtesten Kaufobjekten. Sie waren 2007 nach Angaben des Statistikamtes für über ein Siebtel aller privaten Konsumausgaben verantwortlich. Da es kaum mehr einheimische Hersteller gibt, muss die Sonderverwaltungszone nahezu 100 Prozent ihres Bedarfes an Konsum- und Investitionsgütern importieren. Im Jahr 2007 beliefen sich die Wareneinfuhren laut Zollstatistik auf 5,4 Milliarden US-Dollar, ein Plus von 18 Prozent gegenüber 2005. Zwischen 2003 und 2007 haben sich die Importe sogar fast verdoppelt. Über 40 Prozent der Einfuhren stammten 2007 aus China. Dabei handelt es sich jedoch überwiegend um Produkte, die anschließend, etwa zur Umgehung von Quoten und anderen Handelsbeschränkungen, wieder exportiert werden. Hongkong lag auf Rang zwei der Zollstatistik. Einen großen Teil seiner für den Inlandsbedarf bestimmten Konsumgüter bezieht Macau über den Freihafen der Nachbarstadt. Deutschland lag hinter Japan und den USA auf Rang fünf der Statistik. So lieferten deutsche Unternehmen 2007 Waren im Wert von 240 Millionen US-Dollar nach Macau, eine Steigerung von zwei Dritteln gegenüber dem Vorjahr. Kein anderes Hauptlieferland konnte eine ähnlich hohe Wachstumsrate erzielen. Die Zunahme ist vor allem auf die starke Nachfrage nach hochpreisigen Kfz "Made in Germany" zurückzuführen. | |
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