Asien Kurier - Wirtschaft und Politik in Asien
⇒  Zur Homepage vom Asien Kurier
⇒  Zur Einzelartikelliste vom Asien Kurier
⇒  Das PDF-Magazin kostenfrei bestellen.


Datum: 2008-12-31

Asien Kurier  6/2008 vom 1. Juni 2008

Asien - Islamic Banking - Besser als der Vatikan

Von Horst Rudolf in Bonn.

Alle reden von Krisen: Finanzkrise, Subprime-Krise, Kreditkrise - Fluch der Globalisierung oder auch nur Gier nach Geld. Doch auch nach mehreren Monaten des Zitterns stellt sich weiterhin die bange Frage, ob auch unser sauer verdientes Geld in den renommierten Banken mit undurchsichtigen Bilanzen und schockierenden Verlusten tatsächlich so sicher ist, wie bisher angenommen.
Der brillante Sprecher des CNBC, dem wichtigsten Wirtschaftssender der USA, bringt es allabendlich auf den Punkt: "Heute Nacht haben sich die Märkte beruhigt - Ihr Geld ist sicher". Stimmt - aber nur für eine Nacht? Wo ist unser Geld denn noch langfristig sicher; wo kann man seriös investieren, welchen Wert hat noch das Wort "Bonität" und vor allem, wessen Analysen kann man noch trauen? Nicht nur der Finanzkredit, vor allem der Vertrauenskredit ist Not leidend.
Erstaunlicherweise - doch durchaus logisch - kommt eine Antwort nicht aus dem kapitalistischen Westen, sondern aus dem Orient. Während der moralische Anspruch des christlichen Abendlandes "liebe deinen Nächsten" seit dem Spekulations-Sündenfall des Vatikans in den siebziger Jahren ständig den Bach herunter gegangen ist, hat sich unter Muslimen eine neue Art kapitalistischer Ethik herausgebildet, die so ganz das Gegenteil der aktuellen politischen Islamphobie darstellt.
Während die westlichen Finanzmärkte nicht mehr ganz koscher sind - wie doppelsinnig - haben die neuen Kapitalisten am Golf oder am Indischen Ozean nicht etwa eine Kombination aus amerikanischem und chinesischem Konsum-Kapitalismus entwickelt, sondern "ehrenhafte Bankgeschäfte" im Namen Allahs. Unter der Bezeichnung "Islamic Banking" bildet sich bereits seit Jahren etwas heraus, das Aufmerksamkeit verdient - vor allem, da die Erfinder nicht zu den Ärmsten dieser Welt gehören, im Gegenteil.
Und wer bisher beim Begriff der "Scharia" an schwarz verschleierte Frauen oder gar an die afghanischen Taliban dachte, kann sich beruhigt zurücklehnen. Denn "Scharia-konforme" Anlagen oder "Riba-freie" Kredite sind etwas ganz Anständiges. Banken, die unter diesen für uns exotischen Begriffen operieren, sind nichts anderes als ganz normale Kreditinstitute - eigentlich sind sie "übernormal", denn sie folgen göttlichen Regelungen.
Zwar haben Koran-konforme Bankgeschäfte einen religiösen Hintergrund, aber auch Christen oder Atheisten sollten wenig Probleme haben, damit klarzukommen. Denn ebenso wie Christus, der bekanntlich die bösen Händler und Zinswucherer vor zwei Jahrtausenden ziemlich aggressiv aus dem Gotteshaus prügelte, stand einige Jahrhunderte vorher schon Buddha und im sechsten Jahrhundert a. D. der Prophet Mohammed vor dem gleichen Problem: Skrupellose Kapitalisten nutzten die finanziellen Notlagen der ärmeren Menschen hemmungslos aus.
Doch während sich die Christen mit Allgemeinplätzen wie, "Du sollst nicht stehlen", aus der Affäre zogen und leider nie erfolgreich eine "Bank für Nächstenliebe" gründeten, haben Allah-Gläubige nicht nur seit einigen Jahren den größten weltweiten Zuwachs an Mitgliedern, sondern auch ein Banksystem entwickelt, das schlicht zur Regel hat, die moralischen Richtlinien und Standards gläubiger Menschen auch auf den Finanzsektor anzuwenden - was kann man angesichts der aktuellen Krisen mehr wünschen?
Die zugrunde liegende Idee ist einfach: Alles, was man mit Geld tut, muss in einem sinnvollen Verhältnis zu einer Ware oder einer Leistung stehen. Die problematische Regelung, dass es im Islam daher keine Zinsen für das Geld Verleihen gibt - die sogenannte "Riba" - beruht wahrscheinlich auf der leidvollen Erfahrung des Propheten und unserer Vorfahren, dass praktisch alle Zinsen Wucherzinsen waren, wie es heute noch in der Dritten Welt Gang und Gebe ist. Doch abgesehen davon, dass man dieses "Zinsverbot" mit zeitgemäßer Kreativität elegant in den islamischen Spielregeln des Geldgeschäftes "neutralisiert" hat, machen einige andere Regeln durchaus Sinn.
Denn das Verbot, in alle möglichen Spielarten "unmoralischer Geschäfte" zu investieren, hat etwas für sich: also, Hände weg von Unternehmen, die Waffen produzieren oder verbreiten, Alkoholfabrikanten, Amüsiereinrichtungen, Spielkasinos oder Lebensmittelbetriebe, die Schweine verarbeiten. Bis auf die letzte Position werden sicher auch gute Christen kein Problem haben, sich mit diesen Standards zu identifizieren - was sich nun immer stärker herumspricht, bescheiden formuliert.
Bereits vor Jahren hatte die Finanzwelt wahrgenommen, dass es sich um ein Geschäftsvolumen jenseits von 500 Milliarden US-Dollar handelt, das täglich weiter wächst, nicht nur, aber auch aufgrund steigender Ölpreise. Das realistisch geschätzte Islam-Finanzvolumen soll 2010 bei etwa 1.400 Milliarden US-Dollar liegen, bei einem Anteil der Muslime an der Weltbevölkerung von derzeit etwa 20 Prozent. Inzwischen sind die Größen im internationalen Kapitalgeschäft auf den Scharia-Finanz-Zug aufgesprungen - Juden, Christen und Moslems einträchtig vereint und überzeugt, dass Bankgeschäfte mit religiöser Ethik durchaus göttliche Gewinne abwerfen können.
Die „Mitspieler" lesen sich wie ein "Who is Who" des internationalen Bankgeschäftes: Credit Suisse, Julius Bär, HSBC, Barclays, Standard Chartered, CitiGroup, Merrill Lynch, Franklin Tempelton und Versicherer wie AIG oder die Allianz. Natürlich gibt es im Nahen Osten längst eine ganze Reihe "islamischer Banken", doch weitaus imposanter ist die Zahl von weltweit etwa 300 Instituten in 65 Ländern - Tendenz kräftig steigend. Nicht zuletzt haben Banken, die sich nur vereinzelt den Regelungen des Koran unterwerfen können oder wollen, Islam-konforme Abteilungen, Filialen oder "Fenster" eingerichtet. Da spielt nicht nur die Deutsche Bank, sondern auch die Weltbank in Washington erfolgreich mit.
Denn das Islam-Banken-Geschäft ist nicht etwa aufgrund des Einfallsreichtums der Finanzwelt auf der Suche nach neuen Märkten oder Produkten entstanden, sondern weil es eine riesige Nachfrage gab und gibt, die lange Zeit nicht befriedigt werden konnte. Denn nicht nur reiche Scheichs haben gelegentlich finanzielle Skrupel, sondern eine große Zahl gläubiger Muslime weltweit tat sich manchmal schwer, ihr Geld "sauber" anzulegen oder einen religions-kompatiblen Kredit zu erhalten.
Beispielsweise war eine Kreditaufnahme für einen gläubigen türkischen Häuslebauer in Deutschland vielleicht noch verzeihbar, doch Geld für die obligatorische Mekkapilgerfahrt von Kuala Lumpur als Kredit aufzunehmen, durchaus mit tiefen Gewissenskonflikten verbunden. Um es verständlich zu machen: Millionen von Muslimen nehmen weltweit Finanzdienstleistungen in Anspruch und tätigen Investitionen, doch wohl war ihnen dabei nicht immer. Die "Erfindung" korankonformer Dienste stößt daher auf täglich steigendes Interesse.
Schon vor zwei Jahren merkte dies der pfiffige damalige Schatzkanzler Großbritanniens, Gordon Brown und schlug vor, das Königreich zum europäischen Zentrum für islamische Finanzgeschäfte zu machen. Dem deutschen Finanzminister muss es gegraut haben, als Brown im gleichen Atemzug auch noch andeutete, er sei bereit, das britische Steuerrecht gegebenenfalls islamfreundlich zu reformieren.
Doch nicht nur im Nahen Osten und im kapitalistischen Westen sind die Scharia-konformen Märkte ein echter Renner, auch 650 Millionen Moslems in Asien sind ein massives Potential. Beispielhaft in dieser Region ist Malaysia, das als Vorreiter bereits 1969 das erste islamkonforme Institut eröffnete zur korrekten Finanzierung von Mekkareisen. Heute ist Malaysia der regionale Vordenker in Sachen Islam-Banking und feiert im nächsten Jahr die erste erfolgreiche Dekade des "Kuala Lumpur Stock Exchange Scharia Index".
Irgendwie hat sich dies alles nicht nur schnell entwickelt, sondern ist auch an vielen Investoren vorbeigegangen; oder wussten Sie, verehrte Leser, dass es bereits 2003 schon 35 islamische Finanz-Indizes gab, mit denen bereits damals der Finanzdienstleister Dow Jones in New York 1,5 Milliarden US-Dollar "Allah-Gelder" klassifizierte?
Und nun zum krönenden Abschluss dieser Erfolgsgeschichte berichtet sogar der "Spiegel", allerdings mit kritischem Unterton, dass die verzweifelten Immobilien-Investoren in den USA auf den Islam-Trend setzen, in der Hoffnung, dort keine Zinsen zahlen zu müssen.
Wir hingegen hoffen, unsere Leser haben diese kurze Einführung in die Welt des Islam-Banking besser verstanden und verweisen auf die heiligen Worte des Propheten: "Oh, Sohn Adams, gib aus (auf dem Weg Allahs), so wird auch für dich ausgegeben werden". Wer die heutige US-Finanzpolitik zur Stärkung der amerikanischen Kaufkraft analysiert, wird daher zu dem Schluss kommen, dass auch die US-Zentralbank FED bereits Scharia-konforme Politik betreibt.

Islamic Finance

Dieser Begriff bezeichnet den versuch, Finanzdienstleistungen in Übereinstimmung mit den religiösen Regeln des Islam und der Scharia zu gestalten.
Umfasst werden alle Finanzgeschäfte, die den islamischen Regeln des allgemeinen Zinsverbots (Riba), des Verbots der Spekulation (Gharar) und des Verbots des Glücksspiels (Maysir, Quimar) unterliegen. Das allgemeine Zinsverbot verbietet es Banken beispielsweis Geldzinsgeschäfte durchzuführen, die aber Grundlage für das normale Kreditgeschäft von Banken sind. Um dennoch Kreditgeschäfte machen zu können, wurden von den Banken neue Kreditformen auf Basis von Sachmittelkrediten entwickelt, die zur Schari'a konform sind.
Murabahah kann als eine solche Form von Sachmittelkredit gesehen werden, hier kauft eine Bank im Auftrag eines Kunden ein bestimmtes Gut und verkauft es an diesen Kunden mit einem Aufschlag weiter. In einem herkömmlichen Bankgeschäft würde der Kunde einen Kredit aufnehmen, das Gut selber kaufen und dann den Kredit mit Zinsen abzahlen und das erworbene Gut würde eventuell als Sicherheit für den Kredit dienen. Diese Form der Finanzierung wäre jedoch nicht Scharia konform, da hier das Zinsverbot verletzt würde. Stattdessen erwirbt die Bank das Gut und verkauft es an den Kunden mit einem Aufschlag weiter, wobei dieser die Möglichkeit erhält, den Kaufpreis in Raten zu zahlen.
Neben dem Islamic Banking rechnen zum Islamic Finance auch islamische Versicherungen, sowie die Islamische Anleihe und auch alle privaten Finanzgeschäfte zwischen Muslimen und ebenso zwischen Muslimen und Nicht-Muslimen müssen nach den Regeln der Scharia abgewickelt werden. Höchste Autorität ist hier das "Scharia-Board" des Dow Jones Islamic Market Indexes, dem sechs Gelehrte aus Syrien, Pakistan, Bahrain, Saudi-Arabien, den USA und Malaysia angehören.


Instrumente des Islamic Finance

Arbun

Ein Arbun ist eine nicht zurückzahlbare Anzahlung (deposit) eines Käufers, die an den Verkäufer nach dem Zustimmen des Verkaufsvertrages gezahlt wird. Sie dient quasi als Sicherheit, dass der Kaufvertrag zum vorgegebenen Zeitpunkt pflichtgemäß erfüllt wird.

Murabahah

Eine Form des Abzahlungskredits, in der jedoch der Kreditgeber Eigentum an dem finanzierten Gut erwirbt und dieses an den Kreditnehmer auf Ratenbasis weiterverkauft. Murabahah stellt somit eine besondere Form des Abzahlungskredits dar.

Sukuk

Der Sukuk ist eine sharia-konforme Anleihe, bei der statt eines Zinses eine unternehmerischer Erlös wie beispielsweise Miete an den Gläubiger gezahlt wird. Interessant ist dabei, dass die Mieterlöse häufig an Zinsindizes, so an den Euribor gekoppelt werden.