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Datum: 2008-12-31

Asien Kurier  7/2008 vom 1. Juli 2008

Buchbesprechung - Zwischen Geistern und Gigabytes

Von Daniel Müller in Berlin.

Was ist dran an der Republik Taiwan, jenem Eiland von der Größe Baden-Württembergs im Ostchinesischen Meer, dass nur durch die Formosa-Straße von „Mainland China“ getrennt ist? Aus Sicht der Volksrepublik ist der Fall klar: eine abtrünnige Provinz, die über kurz oder lang zurück ins Reich geholt werden wird. Ein ungezogenes Familienmitglied sozusagen, das es – notfalls mit gehörigem Druck – zur Räson zu bringen gilt.
Verständlich sind die permanenten schmählichen Äußerungen der Führung in Beijing in Richtung Taipeh dabei schon. Haben die Erben von Generalissimo Chiang Kai-shek, dem Gegenspieler Maos im chinesischen Bürgerkrieg, doch so etwa wie ein Gegenmodell zur „Diktatur des Volkes“, wie Herrschaft der Kommunistischen Partei apostrophiert wird, errichtet.
Denn Taiwan ist eine Demokratie. Eine gefestigte sogar, was beispielsweise darin zum Ausdruck kommt, dass die seit Januar dieses Jahres wieder regierende und ursprünglich zutiefst autoritär disponierte Kuomintang überhaupt nicht daran denkt, an diesem Zustand auch nur das Geringste zu ändern. Insofern kann der Inselstaat durchaus als Menetekel für die chinesische Nomenklatura gelten. Angesichts dieser politischen Verwicklungen gerät indes eine überaus interessante Frage in den Hintergrund: Wie gestaltet sich eigentlich das Alltagsleben der knapp 23 Millionen Taiwanesen? Während im nahezu wöchentlichen Rhythmus Abhandlungen, Analysen und Ratgeber über China erscheinen, wird Taiwan kaum größeres Interesse entgegengebracht – ein etwas kurioser Umstand, bedenkt man etwa, dass 80 Prozent aller weltweit produzierten Notebooks eben aus Taiwan stammen.
Umso dankbarer sollte man daher Autoren sein, die dieses Manko ein Stück weit dadurch beheben, dass sie einer aus Passion heraus, ihre persönlichen Erlebnisse und Beobachtungen niederschreiben. In diesem Zusammenhang hat Ilka Schneider eine Art Anekdoten-Sammlung veröffentlicht, in welcher sie Erfahrungen, die sie während eines einjährigen Chinesischstudiums auf der Insel gesammelt hat, verarbeitet. Der dieser Textgattung inhärente Hang zu starker Subjektivität kann dabei durchaus positiv ins Gewicht fallen, weil er die Anschaulichkeit der Schilderungen ungemein erhöht. Klug und originell geschrieben, mit einem angenehmen selbstironischen Unterton versehen, gelingt es dem Buch einen anregenden Eindruck der kleinen und großen Hindernisse und Kuriositäten, mit denen Taiwan aufwartet, zu vermitteln.
Recht geschickt versteht es die Autorin zudem, aus jedem Abschnitt eine kleine abgeschlossene Geschichte zu formen, in die auch in moderaten Dosen verabreichte Informationen über Geschichte, Religion und Kultur etc. eingewoben werden. Auch wenn die einzelnen Abschnitte, die so fidele Überschriften wie „Der Geburtstag des Konfuzius“, „Sag´s durch die Blume“ oder auch „Beim Friseur“ tragen, thematisch nach eigenem Gusto zusammengestellt wurden, so verbindet sie dennoch ein innerer Faden. Denn das Leitmotiv des Buches lautet, dass sich in Taiwan, da ihm die Barbareien der Kulturrevolution erspart geblieben sind, die chinesischen Traditionen und Bräuche unverfälschter erhalten konnten. Auf der anderen Seite steht derweil eine fortschrittliche Ökonomie, sodass das kleinere China – paradoxerweise – altmodischer und moderner zugleich ist.

Ilka Schneider, Zwischen Geistern und Gigabytes. Abenteuer Alltag in Taiwan
Dyras Verlag, Mannheim 2008, 262 Seiten, 12,95 Euro, ISBN: 978-3981132731