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Datum: 2008-12-31 Asien Kurier 7/2008 vom 1. Juli 2008 Asien - Goldenes Rohr Von Horst Rudolf in Bonn.
Es gibt nur noch wenige Menschen oder Berufsgruppen, die sich über die enorm gestiegenen Preise für Rohöl und alle seine Abkömmlinge freuen. Zu den Ausnahmen gehören Journalisten, die erfolgreich alle Horror- oder Erfolgsmeldungen über das schwarze Gold auf dem Globus aufspüren und den Lesern präsentieren.
Auch der Asien Kurier kann sich da nicht ausschließen, doch wird über das Thema derartig viel berichtet, das wir wieder einmal zurück an die (Öl-)Quellen gehen und unseren Lesern eine Übersicht geben wollen, wo die interessantesten Entwicklungen stattfinden, und auf welche Weise die Region in der Zukunft mit dem begehrten Rohstoff versorgt wird - egal ob dickflüssig, verarbeitet, als Gas oder tiefgefroren. In der fast panikartigen Preis- und Spekulationshetze der vergangenen Wochen und Monate sind auch einige interessante und langfristig positive Nachrichten unter den Tisch gefallen - wenn auch selten genug. Denn die Tatsache, dass Asien nun als großer weltweiter Verbraucher von Gas und Öl auftritt, ist keineswegs ein Phänomen des zweiten Jahrtausends. Bereits vor 100 Jahren, als der schnauzbärtige amerikanische Außenminister John Hay China gegenüber offiziell die "Politik der offenen Tür" einführte, war das nicht nur ein politischer Akt, der den späteren "Boxeraufstand" begünstigte, sondern der Einstieg in den transkontinentalen Ölhandel. Bereits in den Dreißiger Jahren rieben sich die beiden Kulturen - hier die "Standard Oil Company" (heute Exxon), dort konfuzianisches Weltverständnis. Jetzt haben sich die Welten umgekehrt: China betreibt pragmatischen Kapitalismus und wendet sich - zusammen mit den anderen nordasiatischen Staaten Japan und Korea - dem ehemaligen Feind Russland zu, um den allumfassenden Öl- und Gashunger zu stillen. Dies ist vor allem deswegen interessant, als die Vereinigten Staaten bisher weitgehend auf das Golf-Pferd gesetzt haben, doch diese Region ist inzwischen politisch heißer, als die edlen Hengste der Scheiche. Denn auch wenn die Russen sicher kein einfacher Verhandlungspartner sind, haben vor allem Japan und Südkorea nur wenig Alternativen - gerade nachdem die jüngsten Erdbeben die Anfälligkeit der japanischen Kernkraftwerke für nicht kontrollierbare Risiken wieder verdeutlicht haben. Zumindest der Grenzstreit zwischen China und Japan um die Offshore-Gasfelder im Seegebiet zwischen beiden Ländern wurde nach jahrelangen Disputen im Juni beigelegt - nun soll gemeinsam ausgebeutet werden. Bisher, von 1973 bis 2004 waren Importe von chinesischem Rohöl aus deren reichen "Daquing"-Feldern eine für beide Seiten vorteilhafte Geschäftsverbindung, nun ist diese ausgetrocknet. Nicht, dass das größte Ölfeld Chinas zuende ginge, sondern weil der chinesische Bedarf jedes Jahr weiter anstieg und die Chinesen nun nationale Interessen voranstellen. Überhaupt muss man sich wundern, warum Japan, dessen Petro-Produkte - ebenso wie bei Korea - über 80 Prozent aus Importen stammen, niemals eine wirklich langfristige Energie-Versorgungsstrategie entwicket hat, ganz anders, als die Chinesen. Vielleicht liegt es daran, dass das privatwirtschaftlich orientierte System in Japan angesichts guter Devisenreserven immer davon ausging, genug Öl auf den Weltmärten zu finden - solange man nur bereit ist, den Preis zu bezahlen. Umgekehrt versucht Korea über seine Technologie-Giganten wie Daewoo sich im weltweiten Prospektionsgeschäft und neuen Plattformen einzukaufen, ebenso wie China. Nur dass China daraus in den vergangenen Jahren eine von höchster Regierungsebene machtvoll unterstützte weltweite Energie-Beschaffungs-Strategie bis hin nach Afrika aufgebaut hat, die weltweit einmalig ist. Doch bevor wir uns diesen "Welt-Strategien" - bezogen auf Asien - zuwenden, noch ein abschließender Blick auf Russland - nicht nur der weitsichtige Ex-Kanzler Schröder, sondern auch die drei nordasiatischen Energiekonsumenten kamen (beziehungsweise kommen) um die riesigen russischen Reserven einfach nicht herum. Die Russen wiederum brauchen das Geld, um den Schmutz der kommunistisch-sozialistischen Äre abzuwaschen - und Pipelinebau ist nicht ganz billig. Derzeit endet das russische Pipeline-Netz auf Höhe des Baikalsees - tausende von Kilometern von der "Endstation" nahe Wladivostoks. Doch angesichts der zahlungskräftigen Abnehmer rechnet sich die Investition, denn niemand geht davon aus, dass in 5 bis 10 Jahren die Ölpreise unter dem heutigen Stand liegen. Da ebenso wenig der chinesischen Bedarf der nächsten 20 Jahre kalkulierbar ist, gehen vor allem die Japaner auf "Schmusekurs" nicht nur mit den Chinesen, inzwischen auch mit Russland. Wenden wir uns nach Süd-, Südost- und Zentralasien. Hier wird das "Öl- und Gas-Bild" so bunt, wie die Exotik der Länder erwarten läßt - auch wenn die Probleme eigentlich eine lockere Betrachtungsweise verbieten. Doch angesichts der Öl- und Gas-Abhängigkeit Europas und selbst der USA, sieht es in diesem Teil Asiens gar nicht so verzweifelt aus. Indonesien, Malaysia, die Philippinen, Thailand, Vietnam, Brunei und Myanmar verfügen - oder kämpfen - um eine ganze Reihe von Öl- und Gasvorkommen auf dem Festland, und vor allem im Südchinesischen Meer, aber auch im Indischen Ozean. Wenn Indonesien kürzlich zum Netto-Importeur von Öl wurde und dabei ist, sich in diesem Jahr aus der OPEC zu verabschieden, hat das weniger mit zurückgehenden Ölreserven des Lands der Tausend Inseln zu tun, als schlicht mit Misswirtschaft, Korruption und Vernachlässigung der Bohr-Infrastruktur. Und auch die Verzögerungen bei der Ölsuche- und Förderung in den Philippinen - ähnliches gilt für Kambodscha - hat weniger mit Geologie zu tun, als mit internen politischen Problemen. Vietnam und Malaysia hingegen expandieren on- und offshore mit allem, was die Plattformen hergeben. Während Malaysia bereits ein "alter Ölhase" ist, steht Vietnam erst am Beginn einer vielversprechenden Energie-Zeit. Und während Vietnam seine neuen Pipelines vor allem erst einmal zur Selbstversorgung baut, ist Malaysia bereits auf dem neuesten Trip: Pipelines als Dienstleistung - eine neue Art des Ölgeschäftes. Vor dem Hintergrund des langfristig kaum zu stillenden asiatischen Energiebedarfs gibt es derzeit - neben den beschriebenen nordasiatischen Projekten - vor allem zwei sehr unterschiedliche Ansätze: zum einen, Pipelines aus dem Nahen Osten nach Indien aber vielleicht auch bis nach China zu führen, zum anderen spezielle Varianten für den Großverbraucher China. Die seit langem laufenden Verhandlungen, Gas aus dem Iran über Pakistan nach Indien zu pumpen, kamen erst vor kurzem wieder in die Gänge, als China sein Interesse an einer Teilnahme äußerte - und plötzlich auch Pakistan merkte, dass es dringend Energie braucht. Nun ist der Baubeginn der 2.777 Kilometer langen Röhre für 2009 vorgesehen. Indien will sich das Gas mit Pakistan teilen, schließt jedoch eine spätere Verlängerung nach China nicht aus. Ein weiteres Langstrecken-Projekt ist die Pipeline von Turkmenistan über Afghanistan und Pakistan nach Indien, über die erst im April des Jahres in Islamabad verhandelt wurde. Ein interessantes Vorhaben, doch könnten nicht nur die Kosten von derzeit geschätzten 7,6 Milliarden US-Dollar kritsch werden, sondern auch die politische Instabilität in Afghanistan. Umgekehrt läuft es bei den "Kurzstrecken-Vorhaben". Bei diesen lässt man die Öltanker aus der arabischen Golfregion nach Durchquerung des Indischen Ozeans irgendwo im Golf von Bengalen andocken und das Öl durch Pipelines in Richtung China pumpen. Der Vorteil liegt nicht nur in einer Abkürzung der Transportwege, sondern auch darin, dass man das nahöstliche Öl nicht mühseelig und gefährlich wie bisher durch die Straße von Malakka oder Singapur transportieren muss. Die "Isthmus-Variante" verläuft nach derzeitiger Planung - die eigentlich ein Jahrzehnte alter Dauerbrenner ist, und erst durch die jüngsten Energie-Preiserhöhungen wieder aufgeheizt wird - südlich der thailändischen Grenze durch das nördliche Malaysia. Sie wird den Investoren nun durch eine Anzahl lukrativer Nebengeschäften, wie Raffinerien und Chemiekonglomeraten, schmackhaft gemacht. Kein Wunder, dass nun auch die bereits eingemotteten Projekte in Thailand, ähnliches ein paar Kilometer weiter nördlich zu tun, wieder Konjunktur haben. Nun sprießen auch hier die Gerüchte, zusammen mit der brasilianischen Petrobras und Geldern der "Dubai World" werde das alte Projekt einer "Land Bridge" wieder aufgenommen und die Machbarkeitsstudien seien bereits im Gange. Doch all dies braucht seine Zeit - und da haben es gestandene Diktaturen einfacher: während im Süden noch diskutiert, geplant und verhandelt wird, hat der Asien Kurier exklusiv aus Myanmar erfahren, dass das Bau einer West-Ost Pipeline von der zentral-myanmarischen Küste, quer durch das Land und vorbei an den Pagoden von Mandalay zur chinesischen Westgrenze bereits vor Wochen begonnen haben soll. Ein geniales Projekt, das eigentlich dadurch entstand, dass die Generäle in der neuen Hauptstadt Naypyidaw nicht nur auf immer mehr lukrative Gasfelder in der südlichen Andaman-See stießen - von wo längst ein Teil der Stromversorgung für Bangkok herkommt - sondern neue ergiebige Felder im Norden, fast an der Grenze zu Bangladesch entdeckten, nur wenige hundert Kilometer vom indischen Kalkutta entfernt. Doch als die Inder, die zusammen mit der koreanische Daewoo und trotz aller Wirtschafts-Sanktionen beraten von der US-amerikanischen Haliburton erfolgreich bohrten, sich dann aber mit Bangladesch nicht über die Transit-Gebühren einigen konnten, schlug das geschäftstüchtige China zu. Mehr noch, wenn man nun einen Tiefseehafen vor der Küste Myanmars errichtet und nicht nur die Gaspipelines aus den neuen Feldern, sondern auch das Öl der Supertanker auf einer parallelen Trasse ins chinesische Hinterland von Yunnan führt, hat man geschlagene 3.000 Kilomenter Transport gespart. Gut für China und alle beteiligten Investoren. Ob auch für die Bevölkerung von Myanmar etwas abfällt, wird sich erst langfristig zeigen - die Pipeline hingegen könnte schon in drei Jahren operieren. | |
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