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Datum: 2008-12-31

Asien Kurier  8/2008 vom 1. August 2008

Buchbesprechung - Führungsstärke durch Selbsterkenntnis

Von Daniel Müller in Berlin.

Zugegeben, auf den ersten Blick wirkt der Titel des Buches etwas deplatziert, ja nachgerade frivol. Jedoch dürfte diese Einschätzung wohl vor allem einer lebhaften westlichen Fantasie geschuldet sein. Denn in der indischen Kultur stellt das Kamasutra weniger einen Leitfaden für lasterhafte Ausschweifungen, als vielmehr eine Regelsammlung für angemessenes soziales Verhalten in einer höfischen Umgebung dar. Aber was – um Krishnas und Vishnus willen – soll dies mit modernen Managementtechniken zu tun haben?
Die Antwort des Autors auf diese Frage ist indes durchaus plausibel: Viele Motive der indischen Philosophie und Spiritualität sind explizit darauf ausgerichtet, Hilfestellungen im persönlichen und geschäftlichen Alltag zu geben, wovon auch das Management „als zielgerichtete Handhabung der Realität“ profitieren könne. Dass nun ausgerechnet das Kamasutra aus der üppigen Fülle der indischen Werke zur Namensgebung herangezogen wurde, kann, nun ja, getrost marketingtechnischen Erwägungen zugeschrieben werden.
Wie dem auch sei. Volker Zotz ist jedenfalls ein exzellenter Kenner der indischen Geistesgeschichte und versteht es zudem die oftmals – gelinde gesagt – etwas sperrigen Texte leserfreundlich aufzuarbeiten und die jeweiligen Essentials komprimiert zu präsentieren. Dabei weist er dezidiert darauf hin, dass mit den Veden, den Upanishaden, der Mahabharata fraglos ein gewaltiges Reservoir an Lebensweisheiten und Handlungsempfehlungen zur Verfügung steht, sich eine simple Imitation angesichts disparater kultureller Prägungen aber von selbst verbietet. Ziel des Buches sei es, so Zotz, auch vielmehr die zweite Ebene des interkulturellen Lernens zu erreichen. Will sagen: Eine Begegnung mit den grundlegenden Strukturen des Denkens und Empfindens anzusteuern.
Das Wissen um diese Strukturen ermöglicht es dem Kundigen, sich und seine Aufgabe in einem anderen, breiteren Licht zu sehen und auf dieser Basis ein größeres Maß an Flexibilität auszubilden, was in Zeiten potenzierten grenz- und kulturüberschreitenden Handelns und Produzierens kein geringer Wert ist. Spätestens an dieser Stelle wird der Nutzen kultur-philosophischer Inspirationen für mit ökonomischen Führungsaufgaben betrauten Zeitgenossen evident. Bei der Durchführung all ihrer zentralen Funktionen – Organisieren, Planen, Entscheiden, Motivieren – dürfte es ungemein hilfreich, nein, mehr noch: prinzipiell unerlässlich sein, seinen Standpunkt und den anderer zu (er-)kennen.
Nur dann lassen sich überhaupt realistische Ziele konzipieren und formulieren. Ausgestattet mit einem derart intensivierten Bewusstsein ist dann auch eine Steigerung der Führungsqualitäten möglich. Die Botschaft des Buches lautet dementsprechend: Bevor betriebliche Prozesse umsichtig und nutzbringend gesteuert werden können, bedarf es eines beharrlichen „Selbstmanagements“, dem eine ganzheitliche Sicht auf alle Lebensaspekte zugrunde liegt.
Nun sind all diese Einsichten keiner Geheimwissenschaft entnommen und finden sich in variierter Form in allen Kulturkreisen mehr oder weniger prominent platziert wider – aber was epische Tiefe, schillernde Vielfalt und narrative Opulenz anbelangt, kann der indischen Philosophie schon ein Ausnahmecharakter attestiert werden. Da Anregungen für eine sinnvolle und authentische Lebensführung keine Prärogative von Unternehmenslenkern darstellen, ist das Buch selbstverständlich auch für alle Nicht-Manager aufschlussreich.

Volker Zotz, Kamasutra im Management. Inspirationen und Weisheiten aus Indien
Campus Verlag, Frankfurt/New York 2008, 19,90 Euro, ISBN 978-3-593-38515-0