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Datum: 2008-12-31 Asien Kurier 8/2008 vom 1. August 2008 China - Grundübel Piraterie Von Prof. Dr. Michael Stephan, Hochschullehrer an der Universität Marburg.
Die Volksrepublik China gilt neben Russland als Hauptakteur bei der Verletzung von geistigem Eigentum. Von den im Jahr 2005 im Wert von 215 Millionen Euro beschlagnahmten Waren an der deutschen Grenze stammen mehr als ein Drittel aus dem Reich der Mitte.
Mehr als verdoppelt haben sich bei Konsumgütern in den letzten zehn Jahren die Beschlagnahmungen an den deutschen Grenzen durch die Zollbehörde. Als Hauptprobleme und Ursachen der Piraterie sind die Nichteinhaltung internationaler Verträge, das Fehlen rechtlicher Durchsetzungsmöglichkeiten sowie die eingeschränkte Freiheit der Medien in der Berichterstattung zu nennen. Der Schutz von Innovationen sowie von Produkten in China durch formale Schutzrechte, insbesondere durch Patente oder Marken, ist allein nicht ausreichend. Patente und Marken können die illegale Imitation und den Vertrieb von Nachbauten nicht verhindern. Gründe hierfür sind vor allem die Umgehungsmöglichkeiten von Patenten, die schwierige gerichtliche Beweisführung sowie die notwendige Veröffentlichung von Bestandteilen der Innovation. Neueste Umfragen, wie die der IHK Pfalz, zeigen zudem, dass die Mehrzahl der in China tätigen deutschen Unternehmen keine wirkliche Verbesserung in der dortigen Rechtsdurchsetzung erkennen kann. Rechtsschutz ist zwar prinzipiell spätestens seit dem Beitritt des Landes zur Welthandelsorganisation beziehungsweise zur "Weltorganisation für Geistiges Eigentum" (WIPO) vorhanden, aber die Durchsetzung ist nach wie vor als schwierig anzusehen. Deutsche Unternehmen im Maschinen und Anlagenbau sind von der Produkt- und Markenpiraterie besonders betroffen. Gerade klein- und mittelständisch geprägte Firmen (KMU) aus diesen Sektoren verfügen nicht über die notwendigen finanziellen und personellen Ressourcen zur Vorbeugung und nachhaltigen Bekämpfung der Pirateriefälle. Häufig mangelt es den Unternehmen auch an Erfahrung in der internationalen Geschäftstätigkeit in Asien. Als Ergebnis einer empirischen Untersuchung der Forschungsstelle für Technologie- und Innovationsmanagement der Philipps-Universität Marburg zum Stand der Pirateriebekämpfung bei innovativen KMU aus dem deutschen Maschinenbau in China konnten zahlreiche Erfolgs- und Misserfolgsfaktoren identifiziert werden. Neben den Faktoren, welche die Bekämpfung von (Produkt-) Piraterie unterstützen, existiert auch eine Vielzahl an politischen, umweltbezogenen, unternehmensinternen und rechtlichen Sachverhalten, welche die Aufdeckung und Abwehr von Piraterie erschweren. Ein politischer Misserfolgsfaktor ist die mangelnde Kenntnis des Managements der institutionellen Möglichkeiten. Vor allem die privatwirtschaftliche Verbandsarbeit wird von den Experten als schwierig dargestellt. Gründe hierfür sind die Unkenntnis der entsprechenden nationalen, internationalen und supranationalen Verbände sowie ein wahrgenommenes unscharfes Profil der verschiedenen Verbände sowie teilweise auch Rivalität zwischen diesen. Deshalb sehen besonderes kleine Unternehmen die Verbandsarbeit, teilweise wegen der entstehenden Kosten, als unwirksam an, obwohl gerade die Wirtschaftsorganisationen ein umfangreiches Beratungsangebot zur Verfügung stellen. Planungsfehler umfassen sowohl strategische als auch operative Punkte. Innerhalb der strategischen Misserfolgsfaktoren werden vor allem die Dominanz kurzfristiger Umsatzziele und die Nichtbeachtung von Informationsdefiziten hinsichtlich Quellen für den Wissensabfluss sowie die Entscheidungsunterstützung angesehen. Darüber hinaus erfolgt in den befragten Unternehmen zwar eine systematische Erarbeitung der Unternehmensstrategie, allerdings wird weder auf eine Bekämpfungsstrategie noch auf eine Beachtung der Piraterieproblematik bei der Planung des Markteintritts geachtet. Darüber hinaus führt ein Mangel an Indikatoren zur Erfolgsmessung von Bekämpfungsaktivitäten in Verbindung mit einer ungenügenden Ressourcenausstattung dazu, dass einzelne Maßnahmen sowie Vorgehensweisen schwer zu überprüfen sind. In den Unternehmen meist keine Kostenanalysen zur Bestimmung der Ressourcenausstattung für einen Bekämpfungsprozess durchgeführt. Neben diesen Punkten wird die Piraterie-Bekämpfung in vielen Fällen nicht entsprechend der strategischen Bedeutung von hierarchisch höheren Managementebenen unterstützt, so dass Mitarbeiter ganz einfach nicht genügend über Piraterieprobleme informiert sind oder deren Bekämpfung nicht genügend unterstützen. Informationsdefizite sind aber auch auf der operativen Ebene zu verzeichnen. Hierzu ist vor allem die Unkenntnis bezüglich möglicher Schutzmaßnahmen zu nennen. Zusätzlich wird bei der Selektion chinesischer Partnerunternehmen das Piraterierisiko nicht berücksichtigt. Auch die vor- und nachgelagerten Stufen innerhalb der eigenen Wertschöpfungskette oder derjenigen des Partners werden nicht genauer untersucht. Dies stellt insbesondere auch bei der Überprüfung von Kunden einen kritischen Misserfolgsfaktor dar. Firmen neigen im Pirateriefall zu einem ungeplanten Aktionismus, wodurch Zeit und Ressourcen verschwendet werden; die Folge sind Ineffizienzen. Diese werden durch eine zurückhaltende unternehmensinternen Informationsweitergabe aufgrund der Angst vor persönlichen Konsequenzen noch verstärkt, wobei in diesem Kontext auch unvollständige beziehungsweise fehlende Mitarbeiterüberprüfungen und Zutritts- / Zugriffskontrollen stattfinden. Der Zugang zu Unternehmensdokumentationen oder Produktionsüberschüssen sowie ungenügend gesicherte Webauftritte sind ebenfalls zu nennen. Kulturelle Einflüsse können in beinahe allen Bereichen von Bedeutung sein, da diese nach Meinung der Befragten einen umfassenden Einfluss auf die gesamte Wirtschaft ausüben. In der Datenerhebung, -aufbereitung und -analyse muss dem Beachtung geschenkt werden, um Daten und Informationen zu Intelligence verarbeiten zu können. Auch die Auswahl der Mitarbeiter oder die Partnerselektion werden dadurch beeinflusst. Neben der Vertragsgestaltung mit Geheimhaltungsvereinbarungen und langfristigen Arbeitsverträgen sind vor allem personalpolitische Maßnahmen erforderlich. Da nach Meinung der Experten durch den kulturellen Hintergrund und die Mentalität in China finanzielle Eigeninteressen der chinesischen Mitarbeiter stärker als in Deutschland in den Vordergrund treten, ist die Vertragsgestaltung allein nicht ausreichend. Auch personalpolitische Maßnahmen im sozialen Bereich werden – isoliert betrachtet – als wenig hilfreich gekennzeichnet. In China sind finanzielle Anreize zu schaffen. Dabei sollten sich die Maßnahmen nicht allein auf den Mitarbeiter beschränken, sondern die familiären Verbindungen genutzt werden, indem beispielsweise auch Ehepartner beschäftigt werden oder die Alterssicherung der Eltern während der Unternehmenszugehörigkeit der Kinder garantiert wird. In manchen Unternehmen wird auch über die Bereitstellung von Wohnungen nachgedacht. Dennoch sollten soziale Elemente wie Betriebsfeiern oder persönliche Jubiläumsbesuche durch Vorgesetzte nicht vernachlässigt werden. Guanxi wird von den Experten als wichtige Voraussetzung zur Kontaktanbahnung und -pflege angesehen. Für die direkte Bekämpfung von Piraterie haben Beziehungen aufgrund des Vorrangs finanzieller Interessen hingegen eine weniger starke Bedeutung. Rechtliche Misserfolgsfaktoren sind zum einen in der Furcht der Unternehmen vor juristischen Auseinandersetzungen sowie zum anderen die Nichtbeachtung der Haltung der Provinzregierungen zum Piraterieproblem bei der Standortwahl. Die Vermeidung von juristischen Auseinandersetzungen wird hierbei vor allem durch Kostenargumente begründet. Das Management übersieht jedoch die längerfristige Reputationswirkung des Aufbaus eines Image als „Pirateriebekämpfer“. In der Folge werden juristische Auseinandersetzungen von den meisten Firmen in einem viel zu geringen Maß verfolgt. Hinsichtlich der Standortwahl werden lediglich rein ökonomische Kriterien verwendet, wobei die unterschiedlichen Urheberrechts-Ausrichtungen der Provinzregierungen einen weiteren Misserfolgsfaktor darstellen. So ist beispielsweise in den Provinzen Guangdong und Zhejiang eine auffällige Häufung von Pirateriefällen zu beobachten. Die Ausführungen machen deutlich, dass nicht nur aktive Fälscher, sondern auch Versäumnisse innerhalb der Betriebe zur Verbreitung von Piraterie beitragen. In diesem Kontext kommt der strategischen Verankerung eines unternehmerischen Schutzsystems zur Pirateriebekämpfung im Rahmen des Technologie- und Innovationsmanagements eine besondere Bedeutung zu. Grundvoraussetzung für die Gestaltung eines effektiven Schutzsystems ist die bewusste Festlegung der sogenannten „schutzstrategischen Grundhaltung“. Diese Grundhaltungen leiten sich aus übergeordneten Überlegungen zur Technologie- beziehungsweise Innovationsstrategie ab und können von einer passiven Duldungsstrategie bis hin zu einer offensiven Bekämpfungs- oder Verfolgungsstrategie reichen. Die geeigneten Vorgehensweisen sollten sich unter anderem am Bedrohungspotential durch Produkt- und Markenpiraten orientieren. Aus ihrer Wahl lassen sich dann konkrete juristische, technische, geheimhaltungsbezogene sowie flankierende betriebswirtschaftliche und politische Maßnahmen zur Gestaltung eines unternehmensspezifischen Schutzsystems ableiten. Die ausführlichen Ergebnisse der empirischen Untersuchung können direkt von der Forschungsstelle für Technologie- und Innovationsmanagement bezogen werden. Philipps Universität Marburg Forschungsstelle für Technologie- und Innovationsmanagement Am Plan 2 35037 Marburg Tel.: 49 6421 28 21718 Fax: 49 6421 28 28958 Web: http://www.uni-marburg.de/fb02/bwl01 | |
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