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Datum: 2008-12-31

Asien Kurier  vom 1. Oktober 2008

Vietnam - Skeptische Verbraucher

Von Dr. Stefanie Schmitt, bfai-Korrespondentin.

Verwöhnt von hohen Wachstumsraten genossen die vietnamesischen Verbraucher, zumindest in den Städten, in den letzten Jahren zunehmend die kleinen und großen Konsumfreuden. So galt es als "letzter Schrei" modebewusster Städterinnen, die seit 2007 geltende Helmpflicht für motorisierte Zweiräder mit dem Kauf farblich aufs Outfit abgestimmter unterschiedlicher Exemplare zu versüßen. Doch seit Anfang 2008 verdüstert sich der ökonomische Horizont.
Das gute Konsumklima, sprich: die expandierende Nachfrage nach Konsumgütern im Verbund mit steigenden verfügbaren Einkommen, führte dazu, dass das südostasiatische Land mit Indien, Russland und China zu den Einzelhandelsmärkten mit dem weltweit größten Potential gezählt wurde. 2007 stieg der Umsatz der Retailbranche nominal erneut um 23,3 Prozent auf 726.100 Milliarden Dong (ca. 28 Mio. Euro, 1 Euro = 25.900 Dong, 3-Monatsmittelkurs).
Kennzeichnend waren die allmähliche Professionalisierung der Absatzformen - weg vom Händler auf der Straße beziehungsweise auf offenen Märkten hin zu modernen Super- oder anderen Fachmärkten. Beides machte das Land für ausländische Handelsketten attraktiv. Die Managementberatungsfirma A.T. Kearney setzte das Land sogar auf den ersten Platz unter den Standorten für internationale Händler. Tatsächlich beobachtet die Branche die Entwicklung mit großem Interesse. Der deutsche Metro-Konzern beispielsweise eröffnete bereits 2002 in Ho Chi Minh City den ersten lokalen Cash & Carry-Markt. Ihre Zahl ist mittlerweile auf acht gestiegen, vier weitere sind geplant. Daneben sind aus dem Ausland unter anderem die malaysische Parkson-Gruppe und Lotte aus Südkorea vertreten. Weitere wie Loxley aus Thailand sitzen in den Startlöchern.
Inzwischen weist der Lack des Wirtschaftsaufschwungs allerdings vermehrt Schönheitsflecken auf.
Erstmals seit der Asienkrise 1997/98 erleben die Konsumenten nun ein Abflauen der Wirtschaftsaktivität.
Insbesondere die Inflationsrate erreicht Rekordwerte. Nach 12,6 Prozent im Gesamtjahr 2007 schnellte sie, so die Angaben des General Statistics Office (GSO), im 1. Halbjahr 2008 auf 18,4 Prozent nach oben (im August sogar um 28,3% gegenüber dem Vorjahresmonat - schnellster Anstieg seit 1992). Extrem war vor allem die Preissteigerung bei Nahrungsmitteln von 44 Prozent im August. Zugleich bewegten sich die Preise für 1 Liter Benzin mit umgerechnet 0,73 Euro und Kerosin mit 0,78 Euro im Monat Juli auf einem Allzeithoch; im August wurden sie wieder leicht gesenkt. Verschärft wird die Situation für die Haushalte zusätzlich durch den Verfall der Börsenkurse.
Auf den ersten Blick scheinen sich Vietnams Verbraucher die Kauflaune dennoch nicht wirklich verderben lassen zu wollen, so die Ergebnisse einer im August 2008 veröffentlichten Erhebung der Marktforschungsgesellschaft Nielsen. Im internationalen Vergleich für das 1. Halbjahr 2008 lag der Indexdes Verbrauchervertrauens ("Nielsen Consumer Confidence Index") des südostasiatischen Schwellenlandes an neunter Stelle von insgesamt 51 untersuchten Ländern - und mit 106 Punkten deutlich über dem internationalen Durchschnitt von 88 Punkten.
Auf den zweiten Blick zeigt sich allerdings ein differenzierteres Bild. So hat das Vertrauen in die Zukunft in Vietnam um elf "Nielsen-Punkte" gegenüber dem 2. Halbjahr 2007 erheblich stärker nachgelassen als im Rest der Welt mit minus sechs Punkten. Nach Pressemeldungen trauen viele Vietnamesen der Regierung kaum noch zu, die krisenartige Wirtschaftssituation zu meistern. Schon haben Gerüchte über weitere Preissteigerungen von Benzin und Reis zu Hamsterkäufen geführt. Auch die rapide Zunahme von Streiks zur Durchsetzung besserer Arbeitskonditionen sind Zeichen einer allgemeinen Unzufriedenheit. Dabei steht das Land noch verhältnismäßig gut da, denn nach Einschätzung der Nielsen-Forscher sind die langfristigen Erwartungen in das Wirtschaftswachstum nach wie vor ermutigend.
Zwar dürfte das Bruttoinlandsprodukt 2008 "nur" um etwa 6,5 Prozent zulegen, doch insbesondere die positiven Arbeitsplatzerwartungen lassen viele Verbraucher weiterhin an ihrer optimistischen Grundstimmung festhalten: 23 Prozent der durch Nielsen Befragten bezeichneten ihre Jobmöglichkeiten für die nächsten zwölf Monate als "exzellent", weitere 50 Prozent als "gut". Damit steht Vietnam weltweit an achter Stelle. Tatsächlich sind gerade gut qualifizierte Kräfte durch den starken Zustrom ausländischer Investoren gefragt wie noch nie.
Bislang hat die Preisentwicklung vor allem zu einer Verhaltensänderung bei den Käufen geführt. DieVerbraucher sehen sich gezwungen, ihr Einkaufsbudget umzuschichten. Während der Anteil an Grundnahrungsmitteln wieder gewachsen ist, verbuchen weniger notwendige Bereiche wie Kosmetika oder Kleidung Umsatzrückgänge - laut "Vietnam News Agency" im 1. Halbjahr 2008 um zwei beziehungsweise drei Prozent. Gut entwickelten sich hingegen die Absatzzahlen von Elektroöfen (wegen der gestiegenen Gaspreise) und wiederaufladbaren Lampen (wegen der häufigen Stromausfälle).
Insbesondere Waren aus dem Ausland sind für Konsumenten jedoch sehr teuer geworden. Dies betrifft auch Güter aus dem EU-Raum. Zu den erheblich gestiegenen Transportkosten kommen die Wertverluste des Dong gegenüber dem Euro von knapp 5 Prozent seit Jahresbeginn 2008. In der Folge kostete beispielsweise ein Gebinde deutschen Joghurts im Fachhandel für den Kunden innerhalb von zwei Wochen im August 20 Prozent mehr. Durchschnittlich wurden importierte Schokolade und Pralinen, Käse, Kaffee, Wein oder Fruchtsäfte um 10 bis 20 Prozent teurer. Insbesondere Markenware verzeichnete noch höhere Preisanstiege. Ähnlich sieht die Entwicklung bei Haushaltsgeräten und anderen Küchengeräten aus, wie Reiskochern oder Töpfen aus der Volksrepublik China, Südkorea oder Thailand.