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Datum: 2008-12-31

Asien Kurier  vom 1. Oktober 2008

Thailand - Wirtschaft fordert schnelles Ende der politischen Krise

Von Alexander Hirschle, bfai-Korrespondent in Bangkok.

Die Auswirkungen der momentan in Thailand vorherrschenden politischen Unsicherheiten auf die wirtschaftlichen Aktivitäten sind noch nicht genau absehbar. Klar scheint, dass die Effekte je nach Branche unterschiedlich sind. Während einige Unternehmensvertreter nur sehr geringe Folgewirkungen ausmachen, gehen andere Beobachter von einer stärkeren Beeinträchtigung des Investitions- und Konjunkturklimas aus. Alle Experten sind sich jedoch einig, dass mit einem längeren Andauern der Krise in Thailand auch die ökonomischen Schäden zunehmen werden.
Um eine weitere Zuspitzung der Situation zu verhindern, forderte der Verband "Federation of Thai Capital Market Organisation" die Aufhebung des Anfang September ausgerufenen Ausnahmezustandes für Bangkok, da dieser das Vertrauen der Investoren, Konsumenten und Unternehmen unterminiere (Anm. der Red.: Am 14. Sep. 08 wurde der Ausnahmezustand wieder aufgehoben). Wirtschaftsprofessoren von renommierten Universitäten sprechen sich ebenfalls für einen sehr baldigen Kompromiss auf politischer Ebene aus. Ins gleiche Horn blasen auch die Vertreter der internationalen Handelskammern. Zwar hätten sich die Kapriolen der vergangenen Tage noch relativ wenig auf die Produktion der ausländischen Unternehmen in Thailand ausgewirkt, doch bei einer länger andauernden politischen Hängepartie würde es immer schwerer, neue Engagements ins Land zu holen - so die Stimmen aus den Reihen der Industrievertreter.
Auf der anderen Seite werden Unternehmen, die sich nach einem langem Prozess für Thailand als Standort entschieden haben, jetzt auch keine Kurzschlussreaktionen tätigen. Es wurde bisher auch noch keine Investitionsentscheidung aufgrund der aktuellen Geschehnisse zurückgenommen, denn die mittel- und langfristigen Standortvorteile des Landes wie unter anderem niedriges Lohnniveau, starke industrielle Basis oder günstige geographische Lage bleiben auch weiterhin bestehen. Toyota beispielsweise ließ bereits in der lokalen Presse verlauten, dass die politischen Unruhen keinerlei Auswirkungen auf die Investitionspläne hätten.
Auch die Weltbank zeigte sich der Auffassung, dass Investoren in Thailand eher die Langfristperspektive im Auge behalten sollten. Die Länderexpertin Kirida Bhaopichitr geht in der Tageszeitung "Bangkok Post" davon aus, dasses sich bei der Eskalation der politischen Lage Anfang September um eine kurzfristige Angelegenheit handelt. Sie meint nicht, dass sich die politische Richtung des Landes in starkem Maße ändern wird. Allerdings könnten bei einem Regierungswechsel andere Akzente gesetzt werden. Viel wichtiger sei aber, dass die Rahmenbedingungen für Investoren stabiler und konsistenter ausgestaltet würden, wie etwa die Verringerung bürokratischer Hemmnisse oder eine Verbesserung der Arbeitsgesetzgebung.
Bei den täglichen Geschäften sehen Vertreter deutscher Firmen noch wenig Auswirkungen. In den Sektoren, in denen Firmen aus Deutschland traditionell eine starke Lieferposition haben wie Kfz und -teile, Maschinenbau, Medizintechnik und Chemie, basiert das Geschäft meist auf mittel- oder langfristigen Lieferverträgen. Sollte sich die kritische Lage jedoch noch länger hinausziehen oder sogar eskalieren, könnte dies die Auftragslage aber durchaus negativ beeinflussen - so die Stimmen von Unternehmern im bfai-Gespräch.
Nach Schätzungen der University of Thai Chamber of Commerce kostete die Krise der vergangenen Tage übergreifend bereits 12 Milliarden Baht (rund 232 Mrd. Euro; 1 Euro = 51,80 Baht, 3-Monatsmittelkurs). Allein die streikbedingte dreitägige Schließung des Hafens in Bangkok schlug bei den im Außenhandel tätigen Firmen nach Angaben des Logistikverbandes "Land Transport Federation of Thailand" mit bis zu 1 Milliarden Baht negativ zu Buche. Die Summe setzt sich in erster Linie zusammen aus zusätzlichen Ausgaben für Benzin und den Lkw-Transport der Waren vom Hafen Klong Toey in Bangkok, von wo aus die Produkte normalerweise zum 120 Kilometer entfernt angesiedelten Laem Chabang Port in Chon Buri verschifft werden.
Bei den Eisenbahnverbindungen gestaltet sich die Lage noch komplizierter, da die Streiks vor allem im Süden Thailands noch immer anhalten. Nach Angaben des Industrieverbandes Federation of Thai Industries (FTI) sind von den Ausfällen in erster Linie Exporteure von Gummi und Palmöl betroffen, die ihre Güter auf die Straße oder Schiffe umladen und für die dabei entstehenden Zusatzkosten aufkommen
müssen. Auf der anderen Seite zeichnet der Schienenverkehr nur für etwa 2 Prozent des Gütertransports in Südthailand verantwortlich, so dass sich die Auswirkungen auf die Gesamtwirtschaft in Grenzen halten.
Stark betroffen ist hingegen die Tourismusbranche, die für rund 6 Prozent des Bruttoinlandsprodukts verantwortlich zeichnet. Bis zum 8. September 2008 diesen Jahres hatten Pressemeldungen zufolge mehr als 20 Länder Reisewarnungen für Thailand ausgesprochen. Die Ankünfte ausländischer Besucher am internationalen Flughafen von Bangkok sanken in den ersten Septembertagen um bis zu 30 Prozent. Die zuständige Behörde Tourism Authority of Thailand (TAT) unterbreitete dies bezüglich drei Szenarien. Bei Eintreffen des "Worst-Case-Scenario", das von einer Fortsetzung der Unruhen bis ins vierte Quartal 2008 ausgeht, würden dem Fremdenverkehr Einnahmen im Gesamtwert von 32 Milliarden Baht entgehen, entsprechend 5 Prozent des gesamten Jahresumsatzes der Branchenfirmen.
Vor allem kleine und mittelständische Firmen wie Pensionen, kleinere Herbergen oder Reiseagenturen dürften darunter leiden. Auf der anderen Seite müssen auch die Giganten der Branche herbe Verluste einstecken. So meldete das berühmteste Hotel des Landes, das "Oriental" für die kommenden zwei Monate eine Belegungsrate von nur 50 Prozent. Eigentlich hatte die Geschäftsführung mit etwa 70 Prozent Auslastung für diesen Zeitraum kalkuliert und bezifferte die Verluste auf 120 Millionen Baht.
Auch das Four Seasons in Bangkok geht von einem starken Einbruch der Einnahmen im September aus,
das Wachstumsziel von 5 bis 7 Prozent im Gesamtjahr wird nur noch schwer zu realisieren sein - so General Manager Rainer Stampfer gegenüber lokalen Medien. Um das angeschlagene Image Thailands als Reiseland wieder aufzupolieren, will die Tourismusbehörde 25 Millionen Baht in Marketingmaßnahen investieren. So sind unter anderem Roadshows in acht Städten der Region sowie die Teilnahme an 13 internationalen Tourismusmessen vorgesehen.
Noch wenig beeindruckt zeigt sich der Bau- und Immobliensektor. Die lokalen "Häuslebauer"
werden nach Einschätzung der Government Housing Bank weiter investieren, da die Kreditraten immer noch sehr günstig sind und die in diesem Feld tätigen Finanzinstitute attraktive Konditionen und Programme bieten könnten. Auch die Auswirkungen auf gewerbliche Bauvorhaben sollen nach Schätzungenvon Branchenfirmen wie dem Projektentwickler Hemaraj Land and Development Plc. relativ gering bleiben. Auf der anderen Seite gibt es Befürchtungen, dass sich durch die politischen Unsicherheiten das milliardenschwere staatliche Investitionsprogramm zum Ausbau der Infrastruktur verzögert und die entsprechenden Aufträge erst später vergeben werden.
Die Börse in Bangkok SET (Stock Exchange of Thailand) zeigte sich seit Jahresbeginn um rund mehr als 20 Prozent rückläufig. Die Marktkapitalisierung der dort gelisteten Unternehmen sank um 1.500 Milliarden Baht. Der Durchschnittsumsatz der täglich gehandelten Aktien fiel im selben Zeitraum noch stärker, von 18 auf 10 Milliarden Baht. Zwei Unternehmen haben ihren bevorstehenden Gang an die Börse Anfang September zunächst aufgeschoben. Internationale Kreditinstitute raten ihren Kunden angesichts der Ereignisse in Bangkok vom Kauf thailändischer Aktien ab.