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Datum: 2008-12-31 Asien Kurier vom 1. Oktober 2008 Asien - Krisenwellen schwappen nach Asien Von Daniel Müller in Berlin.
Seit nunmehr über einem Jahr hält die US-amerikanische Subprime-Krise die Welt der Börsen und Finanzen in Atem. Nach den ebenso eilfertigen wie durchschaubaren Beschwichtigungen von Ackermann & Co., dass alles nicht so schlimm und die Talsohle in Bälde durchschritten sei, ereilten die verunsicherte Öffentlichkeit in periodischen Abständen immer neue Hiobsbotschaften. Eine neue Qualität hat die Krise derweil mit der Schließung der traditionsreichen Investmentbank Lehman Brothers erreicht. Weitere Pleiten infolge des „Finanz-Tsunamis“ sind nicht ausgeschlossen.
Hatte sich die Realwirtschaft bis dato erstaunlich immun gegenüber den Verwerfungen gezeigt, stehen nun ernsthafte Belastungen für die Weltwirtschaft zu befürchten, erscheint das Gespenst der Rezession bereits am Horizont. Aufgrund der engen Verflechtung ist die Gefahr von Kettenreaktionen für den transatlantischen Raum zweifellos am größten. Aber auch andere Weltgegenden geraten zunehmend in den Sog der Ereignisse. Dies gilt auch für Asien, womit die These einer Abkoppelung der asiatischen Ökonomien vom euro-atlantischen Wirtschaftsraum vorerst klar widerlegt wäre. Dabei sind die asiatischen Banken von den Insolvenzen und Zahlungsausfällen in den USA nur geringfügig betroffen, was hauptsächlich an der Struktur des Bankensystems liegt. Angesichts ihres begrenzten Entwicklungsstandes stellten Kreditportfolio-Verkäufe für die asiatischen Banken Neuland dar, weshalb sie sich beim Run auf diese „bombensicheren Anlagen“ stark zurückgehalten haben. Bei den asiatischen Instituten handelt es sich mehrheitlich immer noch um Allround-Banken, die das Einlagen- und Investmentgeschäft gleichgewichtig betreiben und daher weniger anfällig für Krisen sind als die spezialisierten Finanzmarktakteure. Damit, dass asiatische Banken in ähnlich schwere Turbulenzen geraten wie ihre westlichen Pendants ist also nicht zu rechnen. Demgegenüber stehen eher indirekte, aber nicht weniger neuralgische Ansteckungseffekte: Auch wenn die Binnenmärkte und der innerasiatische Handel inzwischen deutlich an Bedeutung gewonnen haben, so bleiben die asiatischen Volkswirtschaften weiterhin substanziell von Exporten in den Westen abhängig, sodass eine Eintrübung des dortigen konjunkturellen Klimas inklusive eines damit einhergehenden Nachfragerückgangs spürbare Folgen für Asien hat. Hinzu kommt, dass die zunehmende Skepsis der Investoren in die Stabilität der Aktienmärkte sich auch auf die asiatischen Börsen überträgt, wodurch dort notwendige Investitionsmittel entzogen würden. Mehr noch: Bei wachsender Unsicherheit tendieren Anleger erfahrungsgemäß dazu, zuvorderst diejenigen Papiere abzustoßen, die sie für besonders risikobehaftet halten, und das sind immer auch die aus den (asiatischen) Schwellenländern. Auch werden die in Boomzeiten gern übersehenen Schwächen der aufstrebenden Standorte nun mit der Lupe gesucht. Und hat der Kapitalabfluss erst einmal begonnen, treten die hinlänglich bekannten Herdeneffekte auf, die einen solchen Trend weiter verstetigen. Eine Kapitalflucht aus den Emerging Markets schlägt sich dabei nicht nur in einem Sinken der diversen Aktienindizes nieder, sondern hat auch Auswirkungen auf die Währungskurse, wodurch die Notenbanken zu Interventionen auf den Devisenmärkten gezwungen werden. Vor diesem Hintergrund hat die Asian Development Bank (ADB) bereits eine Trendwende im asiatischen Wirtschaftsraum verkündet. Waren die letzten Jahre von hohen Wachstumsraten und einer verhältnismäßig geringeren Teuerung gekennzeichnet, so prognostiziert sie nun ein langsameres Wachstum, das von einem starken Preisauftrieb flankiert wird. In ihrem kürzlich vorgelegten Development Outlook 2008 Update geht die ADB davon aus, dass sich das Wachstum in den asiatischen Schwellen- und Entwicklungsländern von 9 Prozent im vergangenen Jahr auf 7,5 in diesem und 7,2 Prozent im nächsten Jahr abschwächen wird. Bedenkliche Ausmaße droht indes die Inflationsrate anzunehmen. Diese soll 2008 durchschnittlich bei 7,8 Prozent und im Jahr 2009 bei 6 Prozent liegen. Obwohl sich die asiatischen Ökonomien allesamt den Konsequenzen der Finanzkrise nicht entziehen können, ist ihr Vermögen sich vor den Auswirkungen zu schützen unterschiedlich stark ausgeprägt. Entscheidend sind hierbei vor allem große Devisenreserven und stabile Exportüberschüsse, da das wirtschaftliche Wohlergehen dann nicht vom permanenten Zufluss externer Finanzen abhängig ist. So steht China mit seinen gigantischen Devisenreserven auf vergleichsweise sicherem Grund, was sich auch in den Wachstumsprognosen niederschlägt. Nach 10 Prozent in diesem Jahr sollen es im nächsten immer noch 9,5 Prozent sein. Auch die Inflation ist mit 7 Prozent in 2008 und voraussichtlich 5,5 Prozent im Jahr 2009 verhältnismäßig moderat. Demgegenüber befindet sich Indien in einer ungleich prekäreren Lage. Nachteilig fällt besonders ins Gewicht, dass der Großteil der ausländischen Investments in Wertpapieren und nicht in Direktinvestitionen angelegt ist. Bei einem Abzug dieser Gelder könnte es zu beträchtlichen Finanzierungsengpässen kommen. Entsprechend mäßig sind auch die Wachstumsaussichten. Lediglich 7 Prozent erwarten die ADB-Ökonomen für dieses Jahr – bei einer Inflationsrate von 11,5 Prozent in diesem und 7,5 Prozent im nächsten Jahr. In Japan, das den am weitesten entwickelten Bankenmarkt besitzt, mussten einige Institute Kredite an US-Banken abschreiben, was deren Bilanzen belastet, wodurch eine Kreditklemme entstehen könnte. Auch das Wegbrechen des wichtigen US-Absatzmarktes für hochwertige Konsumgüter dürfte deutliche Spuren in der japanischen Konjunktur hinterlassen. So kritisch sich die indirekten Ansteckungseffekte der US-Finanzkrise für die asiatischen Ökonomien auch ausnehmen mögen, sie bergen auch eine gute Nachricht, denn es handelt sich hierbei in erster Linie um Finanzmarktphänomene. Sind die Krisenwellen erst einmal verebbt, werden die Fundamentals mit Sicherheit wieder in den Fokus rücken. Mit einer Finanzspritze von rund 700 Milliarden US-Dollar hat die Regierung in Washington inzwischen für eine gewisse Beruhigung an den Finanzmärkten gesorgt. Auch wenn der globale Finanz-GAU damit vorerst abgewendet sein dürfte, spricht wenig für eine schnelle Erhohlung. Ohne drastische Eingriffe in das System ist eine Normalisierung schwer vorstellbar – und zwar in den USA als auch in Asien. Langfristig orientierte Investoren sollten dennoch nicht in Panik verfallen, die verschiedenen Perspektiven sorgfältig analysieren und gegebenenfalls partielle Korrekturen vornehmen. | |
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