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Datum: 2008-12-31 Asien Kurier vom 1. November 2008 China - Neue Vorzeichen der Globalisierung Von Moritz Heile in Deutschland.
Nach Jahrzehnten des Superwachstums blicken Anleger, Analysten und Unternehmer im Herbst 2008 mit Skepsis nach Fernost. Zunehmende Inflation, knapper und infolge dessen teurer werdendes Kapital, steigende Rohstoff- und Energiepreise, das Abflachen des Exportbooms und die generelle Unsicherheit an den internationalen Finanzmärkten haben die gute Stimmung in Ost- und Südostasien zuletzt eingetrübt.
Mehr als ein Jahrzehnt nach der Asienkrise 1997 stehen die jungen Volkswirtschaften der Region erneut vor gewaltigen Problemen und Herausforderungen. Die Globalisierung, die steile Wachstumsraten und wachsenden Wohlstand gebracht hat, wird zur Bedrohung für die rasanteste Aufholjagd der Weltwirtschaftsgeschichte. Dass Singapur, Südkorea, Taiwan und Co. binnen der vergangenen Jahrzehnte im Eiltempo zu den westlichen Industriestaaten nahezu aufgeschlossen hat, ist eng verbunden mit zunehmender internationale Arbeitsteilung, Spezialisierung sowie übergreifendem Waren- und Informationsaustausch. Möglich wurde dieser Prozess durch die Beseitigung politischer Handelshemmnisse im Rahmen internationaler Abkommen (WTO), vor allem aber durch den rasanten Fall von Transport- und Transaktionskosten. Diese machten es ökonomisch möglich und sinnvoll, Rohstoffe, Vorleistungen, Endprodukte und auch Personen über immer weitere Distanzen zu transportieren. Stetig rückten andere und weiter entlegene Regionen ins Blickfeld und Interesse der Investoren und Unternehmer auf der Suche nach Produktions- und später Absatzmärkten. Dieses Phänomen beschreibend, stellte der US-amerikanische Journalist Thomas L. Friedman prominent fest, die Erde sei praktisch flach, das andere Ende der Welt wie auf einer Erdscheibe in Sichtweite gerückt. Davon profitierten und profitieren allen voran die asiatischen Märkte, die eine offensive Liberalisierungspolitik betrieben, sich öffneten, deregulierten und so Zugang zu Weltmärkten sowie Technologien erhielten, die zu gewaltigen Produktivitätsfortschritten verhalfen. Die verstärkte Außenhandelspolitik ermöglichte den asiatischen Volkswirtschaften ihre Wirtschaftsleistung um ein Vielfaches zu vergrößern und in den Wettbewerb mit etablierten Industrieländern zu treten. Was in Japan begann und auf die Stadtstaaten Hongkong und Singapur übersprang, dann Korea und Taiwan erfasste, hat schließlich auch den Bevölkerungsgiganten China in seinen Bann gezogen: wo vormals Ackerland war, rauchen heute die Schlote. Brauchte England knapp 60 Jahre um das eigene Bruttosozialprodukt pro Kopf zu verdoppeln, die USA 40, benötigte Indonesien hierzu schon nur noch 17 und China gar nur zwölf Jahre. Mit zuletzt 11,4 Prozent Wirtschaftswachstum in 2007 sind die Chinesen längst zur dampfmachenden Lokomotive der Weltwirtschaft geworden. Doch der Wind dreht sich und das bisherige Standbein der asiatischen Überflieger, der Export in den Westen, gerät ins Wanken. Vor allem steigende Transportkosten, lange Lieferzeiten sowie die ausufernde Teuerung machen Asien als Produktionsstandort unattraktiver. Der bisherige Standortvorteil wird zunehmend zum Nachteil. Zuletzt beschloss beispielsweise der deutsche Stofftierhersteller Steiff, seine erst 2004 nach China verlegte Produktion nach Deutschland zurückzuholen. Für die asiatischen Aufsteiger ist diese Entwicklung alarmierend. Beispiel Südkorea: machte der Anteil der Güterausfuhr in den 1970er Jahren rund 10 Prozent des BIP aus, liegt der Anteil zu Beginn des 21. Jahrhunderts bei schon 38 Prozent. Die für Asien so beispielhafte Kombination aus Exportabhängigkeit, energieintensiver Manufaktur und Abhängigkeit von Rohölimporten macht das Land besonders krisenanfällig. Als im Sommer internationale Investoren aufgrund der Finanzkrisen sowie des steigenden Ölpreises ihr Kapital abzogen, geriet der koreanische Markt in einen regelrechten Taumel abwärts. Der Aktienindex KOSPI brach im Juni binnen weniger Tage um 15 Prozent ein. Auch der Bevölkerungsgigant China kämpft mit den Folgen des eigenen Superwachstums. Infrastrukturell grenzt das Land des Lächelns an seine Grenzen: Energie wird knapp, die Wasserversorgung in den Zentren ist nicht gesichert, Bauqualität entspricht nicht internationalen Standards und geordnete Stadtplanung findet bis heute kaum statt. Besonders das wirtschaftsrelevante Verkehrs- und Transportsystem erweist sich mehr und mehr als ernsthaftes Problem im Riesenreich, das in der Fläche 27-mal größer ist als Deutschland. Außerhalb der Boomregionen ist das Straßen- und Eisenbahnnetz dünn, Verkehr staut sich, Züge können im Schnitt nur ein Drittel der Frachtwünsche erfüllen. Die vielerorts unterentwickelte Infrastruktur belastet Unternehmen, entwickelt sich zum Kosten- und Standortnachteil. Mit rund 18 Prozent des BIP liegen die Logistikkosten in China bereits doppelt so hoch wie in Industriestaaten. Dass die Globalisierung, die der Region wachsenden Wohlstand gebracht hat, auch weiterhin der Schlüssel zum Erfolg sein wird, ist durchaus möglich. Auf dem Weg dorthin muss an der Weichenstellung des energieintensiven Transports justiert werden. Finden Reeder, Spediteure und Logistiker neue, effiziente und kostengünstigere Lösungen, optimieren sie Ladungen und Routen, stellen sie von der Straßennutzung auf Bahn sowie Schiffnutzung um und schöpfen sie Möglichkeiten aus, Distanzen, Gewichte und Energieverbrauch zu minimieren, kann dies zu einer weiteren Welle der Globalisierung werden. Darüber hinaus werden auch die Regierungen gefragt sein, in die eigene Infrastruktur zu investieren, Bahnnetze zu erweitern, Häfen und Brücken zu erneuern und nachhaltige Verkehrskonzepte aufzustellen. Steigende Energie- und Transportkosten werden auch weiterhin von Bedeutung, aber vor allem Ansporn und Reiz sein, in den Wettbewerb miteinander zu treten. Was als Bedrohung des Erfolgs wirkt, kann zur Lösung des Problems beitragen. Findet Asien kraft Modernisierung, Innovation und Reformen zeitgerechte Antworten, kann der Kontinent trotz steigender Ressourcenknappheit und um sich greifender Teuerung zum stabilisierenden Faktor der Weltwirtschaft werden. | |
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