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Asien Kurier 1/2007 vom 7. Juli 2007
Hongkong

Die perfekte Symbiose

Produktion in China, Dienstleistungen in Hongkong

Von Wolfgang Ehmann (AHK Hongkong)

In den letzten 25 Jahren hat sich die Volkswirtschaft von Hongkong grundlegend verändert. Lag der Anteil des produzierenden Gewerbes am BIP im Jahre 1980 noch bei knapp 23 Prozent, so bleiben heute gerade mal 4 Prozent. Im gleichen Zeitraum expandierte der Dienstleistungssektor von unter 70 auf über 90 Prozent.

Dass dieser Prozess so unbemerkt vonstatten gehen konnte, verdankt die ehemalige Kronkolonie nicht zuletzt dem Umstand, dass hier institutionelle Eingriffe in die freie Wirtschaft nicht stattfinden.

Die perfekte Symbiose: Es war wohl kein Zufall, dass Anfang der 80iger Jahre die Sonderwirtschaftszone Shenzhen ausgerechnet gegenüber von Hongkong entstand. Und es sollte eine beispiellose Erfolgsgeschichte der chinesischen Volkswirtschaft werden. Auf der einen Seite der Grenze gab es Kapital und Know-how, auf der anderen Seite reichlich preiswertes Land und Menschen auf der Suche nach eben jenem und beide zusammen formulieren heute einen Wirtschaftsraum von globalen Dimensionen, der seinesgleichen sucht.

Auch wenn das Reich der Mitte in seinen Ballungsgebieten Quantensprünge in seiner wirtschaftlichen Entwicklung vollzogen hat, ist das Land nach wie vor auf ausländische Expertise vor allem im Dienstleistungsbereich angewiesen, so auch im Falle von Hongkong und dem Perlflussdelta. Der den Handel unterstützende Dienstleistungssektor ist bisher nur teilweise auf die andere Seite der Grenze gezogen, wie beispielsweise einzelne Logistik- und Lagerhaus-Unternehmen. Besonders das Aufkommen an Containerumschlag hat in Shenzhen stark zugenommen und dieses Jahr erstmals im Volumen Hongkong überholt. Dies gilt jedoch nicht für andere handelsunterstützende Dienstleistungen. Andere Bereiche wie Vertriebsorganisation, Entwicklung von Marketingstrategien, Buchhaltung, Bankgeschäfte sowie Produktionsentwicklung werden weiterhin vom Firmensitz der rund 80.000 Unternehmen in Hongkong gesteuert, auch wenn diese eine Produktion auf dem Festland haben oder in Lohnarbeit fertigen lassen. Inzwischen arbeiten schätzungsweise 250.000 Hongkonger als Wochendpendler in China. Internationale Unternehmen, die nach China verkaufen oder dort hergestellte Waren exportieren wollen, nutzen die Stadt als Geschäftsbasis und sind auf eine Vielzahl von Dienstleistungen angewiesen.

Die Entwicklung Hongkongs zu einer Drehscheibe und strategischem Vorposten für das Geschäft in China verdankt die Sonderverwaltungsregion in erster Linie seinen vorteilhaften Rahmenbedingungen. Dazu gehört die Einfachheit einer Firmengründung, der sichere Rechtsrahmen, basierend auf dem weltweit gültigen britischen Gewohnheitsrecht, der Freihafen und die fiskalischen Vorteile, die Hongkonger Produkte und Dienstleistungen beim Export nach China geniessen. Von besonderer Bedeutung ist das CEPA-Abkommen (Closer Economic Partnership Arrangement), welches Hongkonger Unternehmen im Vorgriff auf Marktöffnungen, die in Erfüllung auf WTO-Regeln umgesetzt werden müssen, schon heute den Zugang zu verschiedenen Dienstleistungssektoren und Handelslizenzen gewährt. Die Metropole bleibt der bevorzugte Standort unter anderem für die Abwicklung der finanziellen Transaktionen von Handelsgeschäften und ist die Basis für fast 4.000 (multinationale) Unternehmen, die ihre Geschäfte asienweit oder regional von Hongkong aus steuern.

Mit Blick auf die rasanten Entwicklungen in China im Verlauf der letzten 20 Jahre liegt die Vermutung nahe, das auch der Dienstleistungssektor im vergleichbaren Umfang hätte mitwachsen müssen. Dass dies bestenfalls nur teilweise geschehen ist liegt sicher daran, dass die Wirtschaftspolitik vor allem in den Anfängen der Reformbewegung eher technokratisch- und technologieorientiert war, und zum anderen Dienstleistungen in einer gelenkten, sozialistischen Planwirtschaft systemimmanent redundant waren, denn deren Angebot und Nachfrage waren per Planziel vorbestimmt. Hier hat Hongkong einen zeitlichen Wettbewerbsvorsprung von mehreren Jahrzehnten und den Vorteil der grösseren Internationalität und kosmopolitischen Prägung. Gleichzeitig ist der Sprach- und Kulturraum mit dem Festland, vor allem im Süden Chinas voll kompatibel und familiäre Bindungen sorgen für eine grenzüberschreitende Konvergenz. Man ?versteht? sich - im wahrsten Sinne des Wortes.

Bei der Wahl des richtigen Produktionsstandortes in Asien stellt sich wohl eher nicht die Frage, ob Hongkong oder China. Sicher gibt es durchaus lebende Beispiele, dass eine Produktion in Hongkong aufgrund der CEPA-Privilegien ökonomisch sinnvoll sein kann. Einfache Produktionsabläufe benötigen kein besonderes Know-how und müssen, um die Konkurrenzfähigkeit der Produkte zu garantieren, so billig wie möglich hergestellt werden. Dafür bietet das Reich der Mitte den idealen Rahmen, besonders bei technologisch wenig anspruchsvollen Produktionsabläufen. In komplexen Prozessen stösst auch der Billiglohnanbieter an seine Grenzen, erst Recht wenn ein hoher Grad an Technologieeinsatz und die Präzission anspruchsvoller Lösungen gefragt sind. In solchen Fällen wird Hongkong als Anlaufstelle gerne genutzt, um in China die ersten Kontakte zu knüpfen und Erfahrungen im Markt der Milliarden-Einwohner zu sammeln. Danach wird progressiv eine eigene Produktion auf der chinesischen Seite aufgebaut. Das in Hongkong verfügbare Dienstleistungsangebot spielt dabei eine entscheidende Rolle, denn die Verfügbarkeit und Qualität ist in praktisch allen Bereichen gegeben, seien es Finanzdienstleistungen, Design, Qualitätssicherung oder die Vermarktung. Besonders zugute kommt den Marktteilnehmern der freie Fluss von Informationen und die Tatsache, dass hier durch die hohe Mobilität der Geschäftswelt viele Informationen, Gedanken und Ideen konvergieren. In Hongkong findet man auf verdichteten Raum jede gewünschte Expertise und die Bewohner sind eine hohe Schlagzahl gewohnt - vieles passiert, im wahrsten Sinne des Wortes, über Nacht.





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