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Asien Kurier 1/2007 vom 7. Juli 2007
Asien

Zehn Jahre nach der Krise

Von Horst Rudolf

Geburtstage und Jubiläen sind in der Regel Anlass zur Freude. Doch ebenso, wie ein Pensionär das 65. Lebensjahr nur begrenzt bejubelt, ist der zehnte Jahrestag des Ausbruchs der sogenannten ?Asienkrise? kein Anlass zu jubeln ? oder doch?

Wir meinen: Ja! Denn die Asienkrise wurde vergleichsweise schnell überwunden. Im Gegensatz zu früheren Krisen dieser Art, die vor allem die westliche Welt betrafen, war der Schaden gerade noch überschaubau und artete vor allem nicht zu einer Weltwirtschaftskrise aus. Und im Gegensatz zu den späten Zwanziger Jahren war die Krise in Asien eigentlich keine Wirtschafts-, sondern eine Währungs-, und Finanzkrise.

Da die Mehrzahl unserer Leser die Asienkrise mehr oder weniger in Erinnerung haben oder sie sogar am eigenen Leib oder in der eigenen Firma durchleben mussten, wollen wir keine Nachlese betreiben, sondern vor allem Lehren ziehen und eine Analyse der jetzigen Situation betreiben. Vor allem wollen wir der Frage nachgehen, ob die Wiederholung oder Neuauflage einer Asienkrise möglich oder gar wahrscheinlich ist.

Die Tatsache, dass die Krise von 1997 in Thailand ihren Ausgang nahm und es auch vor einigen Monaten aussah, als ob der thailändische Baht erneut das Währungsgefüge der Region verunsichern wollte, klingt alarmierend. Im Gegensatz zum Szenario vor einem Jahrzehnt war es diesmal zwar ein ähnliches Vorspiel, doch das krisenhafte Gefühl und die nachfolgende Schockwelle an der thailändischen Börse wurden nicht durch eine finanzielle Krise ausgelöst, sondern vielmehr durch heftige Massnahmen der Zentralbank, mit dem Ziel, einer solchen vorzubeugen.

Die ?Mini-Krise? wurde diesmal durch den Arzt verursacht, nicht durch den Patienten. Erinnern wir uns, in der Mitte der Neunziger begann der sagenhafte Aufstieg Asiens: China schwor dem Kommunismus ab, Indien produzierte nicht mehr Kuhdung, sondern Computerexperten, Japan baute immer bessere Autos und Elektronik und aus einer Reihe fast unbekannter Länder wurden Tiger-Staaten.

Kein Wunder, dass die Euphorie über diese bespiellose Entwicklung gerade in einem Land ausuferte, dass nicht gerade für preussische Disziplin und britisches Understatement, sondern für Lebensfreude und Begeisterungsfähigkeit bekannt war. Das ?Italien Südostasiens? freute sich seiner Wachstumsraten, Bangkoks Hochhäuser schossen in den Himmel und die inzwischen immer wieder gebeutelten westlichen Börsianer und Investoren waren glücklich, wieder eine Region und Länder entdeckt zu haben, wo spekulieren noch Freude machte.

Thailand, auf dem Weg vom Entwicklungsland in die Neuzeit, das man noch wenige Jahrzehnte zuvor nur über die Lufthansa-Drehscheibe Rangoon erreichte, wurde die interessanteste und für eine zeitlang lukrativste Zielscheibe weltweit operierener Anleger und Spekulanten ? auch so mancher deutschen Bank mit klingendem Namen, die die Finanzierung von Wolkenkratzern am Chao Phraya River als sichere Anlage empfahl.

Was schon der Deutschen Bundesbank in den siebziger Jahren Kopfschmerzen bereitete, nämlich die Tatsache, dass ein wirtschaftlicher Aufschwung, gepaart mit Exporterfolgen nur durch kräftige Aufwertungen kontrolliert werden konnte, wuchs Thailand mangels wirtschaftlichem Gewicht und angesichts unvergleichlich kleinerer Finanzmärkte über den Kopf. Die Währung stieg in kurzer Zeit auf phantastische Höhen ? bis die Bubble platze, wie man dies heute nennt.

2006 begann eine ähnlich geartete Bewegung, aus dem sehr natürlichen Grund, dass es Thailand und dem Baht wieder vergleichsweise gut geht und nach wie vor die Finanzmärkte zu klein sind, um massive spekulative Kapitalzuflüsse zu verkraften. Doch im Gegensatz zu 1997 ist man in Thailand ? und natürlich auch in der Region ? hochsensibel und setzt alles daran, eine Wiederholung der Krise zu verhindern.

Eigentlich war die brutale Massnahme der Zentralbank, auf kurzfristige Kapitalzuflüsse eine 30-prozentige ?Mindestreserve? zu erheben, erfolgreich. Wer die Krise bekam, war nicht das Land, sondern vor allem eine Gruppe von Spekulanten an der SET, der ?Stock Exchange of Thailand?, die nicht gerade zu den Ärmsten des Landes gehören und der Zentralbankchefin bzw. dem Finanzminister tags darauf die Hölle heissmachten.

Konsequenterweise beruhigten sich die asiatischen und internationalen Finanzmärkte sehr schnell. Seitdem wird das Währungsthema heftig diskutiert, der Finanzminister wurde ausgewechselt und die Zentralbank weiter entmachtet ? mit dem nicht eleganten aber wirkungsvollen Ergebnis, dass der Kurs des Thaibaht zwar relativ hoch bleibt, aber nicht mehr weiter steigt.

Nein ? Thailand kriselt in regelmässigen Abständen vor sich hin. Die Banken, die nach der Krise von 1997 überlebten und einigermassen saniert wurden, lecken sich noch immer ihre Wunden. Jede Fehlentwicklung wird beobachtet, meistens öffentlich kritisiert - und gerade diese Unsicherheit hält Spekulanten inzwischen davon ab, das Spiel zu wiederholen.

Auch in Thailand selbst nie richtig verdaute langfristige Reformideen, wie die Initiative Thailand zu einer ?Sufficiency Economie? zu entwickeln, haben neuerdings wieder Konjunktur. ?Sufficiency Economie? ist eine veredelte und philosophisch untermauerte Form der Sozialen Marktwirtschaft, die den Wachstumsfanatikern im Land weder verständlich noch sympatisch war.

Doch heute ist man vorsichtiger. Thailand wird sicher nicht erneut zum Auslöser einer Asienkrise. Wenn die Region zittern sollte, dann vor den Shanghai ? Chinesen, die das Wort ?Krise? noch nicht kennen, oder vor der schwelenden Gefahr der ?Carry Trades?, die den Japanern längst aus dem Ruder gelaufen sind ? doch darüber ein anderes Mal.





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