NEU !  Asien Kurier-Vollausgabe
ab 2012 nur noch für Abonnenten
StartseiteArchivBücherProdukt-PiraterieAnzeigen / Ads
Abo, Kontakt Asiatische Webseiten Industriereports Dokumente Über uns
Asien Kurier 2/2007 vom 1. August 2007
Hongkong

Finanzmetropole Asiens

Von Wolfgang Ehmann (AHK Hongkong)

Kaum eine Industrie machte in der jüngeren Vergangenheit Hongkongs so viele Schlagzeilen wie die Finanzwirtschaft. Banken, Broker und Berater - jeden Tag gibt es eine neue Rekordmeldung.

Antriebsfeder dieser Entwicklung waren unter anderem die Listing festlandchinesischer Unternehmen Unternehmen an der Hongkonger Börse in Form von ?H-Aktien und sogenannter Red Chips. Letzteres sind Firmen aus der Volksrepublik, die entweder behördlich genehmigt gelistet sind, oder solche, die mehrheitlich von festlandschinesischen Interessen kontrolliert werden. Mittlerweile liegt der Anteil dieser Unternehmen bei 45 Prozent der Börsenkapitalisierung der im Hang Seng Index notierten Aktiengesellschaften. Es hat dem Börsenbarometer zu historischen Höchstständen verholfen.

Dazu gehört beispielsweise der Börsengang der ?Industrial and Commercial Bank of China? (ICBC) mit der weltweit grössten Aktienemission von rund 16,4 Milliarden Euro.

Märkte bewegen sich bekanntlich in Zyklen, daher sollen hier weniger die Sensationsmeldungen der zentrale Fokus sein. Vielmehr gilt es den strukturellen Unterbau zu untersuchen, der das Verhältnis der Finanzmärkte von Hongkong und in China beleuchtet und möglicherweise Rückschlüsse auf die Zukunft zulässt.

Artikel 109 des ?Basic Law?, der zwischen Grossbritannien und der Volksrepublik China ausgehandelten Verfassung für die Sonderverwaltungsregion Hongkong (ab dem 1. Juli 1997) reflektiert den ausdrücklichen Wunsch beider Parteien, den Status der Stadt als internationales Finanzzentrum zu erhalten. Die Stadtregierung ist verpfichtet, bei der Gestaltung seiner wirtschaftlichen und rechtlichen Rahmenbedingungen dieser Massgabe zu entsprechen. Die Tatsache, dass eine solche Vorschrift im Grundgesetz verankert wurde, spricht für die Entschlossenheit beider Seiten, die exponierte Rolle Hongkongs auch nach dem Souveränitätswechsel weiter bestehen zu lassen. Historisch ist das nur folgerichtig, denn die Voraussetzungen waren in diesem Finanzzentrum schon zu Zeiten der Formulierung der Verfassung in den frühen 80iger Jahren längst gegeben. Ungewöhnlich ist auch, eine solche Vorgabe in einem Dokument der Verfassung zu verankern. Es impliziert eine Vorbestimmung und Vision, vor allem der politischen Herren in Beijing, wie die zentralen Standorte und Wachstumsregionen der Volksrepublik sich zukünftig positionieren können.

Das Konzept von einem Land mit zwei Systemen beschreibt die sozialistische Marktwirtschaft Chinas auf der einen Seite und die kapitalistische freie Marktwirtschaft Hongkongs auf der anderen. Auf die Finanzwirtschaft bezogen ist dies die Kombination eines verhältnismässig geschlossenen, sich aber entwickelnden Systems in China und eines offenen, entwickelten, effizienten und hoch wettbewerbsfähigen System in Hongkong, welches auf auf einer langen Geschichte freier marktwirtschaftlicher Prinzipien basiert. Die resultierenden Unterschiede ermöglichen den Marktteilnehmern die jeweiligen relativen Stärken und Schwächen zur Wohlstandsmehrung zu nutzen. Die Schaffung entsprechender Kommunikationskanäle gehört zu den Errungenschaften der jüngeren Vergangenheit in der Kooperation der Verwaltungen dies- und jenseits der Grenze.

Eine hohe Sparneigung auf dem Festland von rund 45 Prozent und eine boomende Exportindustrie bedeuten reichlich vorhandene liquide Mittel, die nach ertragsbringender Verwendung suchen. Mangelnde Breite und Tiefe der Finanzmärkte in China, sowohl für institutionelle als für private Anleger, verstärkt durch die Devisenkontrollmechanismen, sind teilweise eine Erklärung für den spektakulären Aufstieg, besonders der Börse in Shanghai.

In der jüngeren Vergangenheit wurde daher auf höchster politischer Ebene ein Massnahmenkatalog verabredet, welcher den beiderseitigen Kapitalfluss erleichtern helfen soll. Eine nicht unwichtige Rolle spielt dabei der wachsende Unmut in den USA über den nachhaltigen, drastischen Handelsbilanzüberschuss der Volksrepublik und den stetig lauter werdenden Stimmen nach einer Aufwertung des chinesischen Yuan, um diesem Trend entgegen zu wirken. In diesem Prozess spielt der Finanzplatz Hongkong eine instrumentale Rolle: zum Einen ist die Stadt schon heute die grösste Quelle ausländischer Kapitalbeschaffung für festlandschinesischer Unternehmen; jene Gesellschaften geben hier inzwischen mehr Aktien aus als in London oder an der New Yorker Wallstreet. Gleichzeitig werden mehr Möglichkeiten für inländische Anleger geschaffen, um ihr Geld ausserhalb der Volksrepublik anzulegen. Bislang bleibt dieser Weg allerdings noch den institutionellen Anlegern in China vorbehalten (QDII, Qualified Domestic Institutional Investor), hauptsächlich lokale Banken. Dieses Modell ermöglichte beispielsweise einer chinesischen Bank eine drei Milliarden US-Dollar schwere Beteiligung am US-amerikanischen Hedge Fonds Blackstone. Dass diese Transaktion massgeblich durch einen Hongkonger Kontakt vermittelt wurde, demonstriert sehr anschaulich das Zusammenspiel der Finanzmärkte in China, Hongkong und dem Rest der Welt.

Auf längere Sicht wird die Entwicklung der inländischen Finanzmärkte eine herausragende Rolle spielen. China ist schon heute die zweitgrösste Volkswirtschaft in Asien und die viertgrösste der Welt. Mit Blick auf die hohe Sparneigung und die wirtschaftliche Grösse gilt es Instrumente zu entwickeln, die den effektiven Kapitalfluss innerhalb des Landes, wie auch über die Landesgrenzen hinaus, zu ermöglichen. Mit dem hohen Grad der Expertise und Internationalisierung dürfte der Finanzmetropole in diesem Prozess auch zukünftig eine bedeutende Rolle zukommen.

Dies soll unter anderem mit einer zunehmenden Präsenz ausländischer Geldinstitute auf dem Festland erreicht werden. Hier besteht zweifellos ein Heimvorteil bei den Hongkonger Banken, die auf Grund ihrer Marktnähe und ihres sprachlichen und kulturellen Verständnisses einen Vorsprung geniessen. Schon in der Vergangenheit wurden Fortschritte erzielt, um ausländischen Instituten den Markteintritt zu erleichtern. Daneben arbeiten die Regierungsbehörden auf beiden Seiten daran Investoren auf dem Festland grössere Anlagemöglichkeiten auf beiden Seiten zu schaffen. Dazu soll der Erwerb von ?H?-Aktien gehören. Ein weiterer wichtiger Schritt wird der Ausbau von Transaktionen in Festlandswährung Yuan (Renmimbi) abzuwickeln sein. Die technischen Voraussetzungen hierfür sind bereits geschaffen. Schliesslich gilt es die institutionellen Infrastruktur der Finanz- und Regulierungsbehörden stärker zu vernetzen. Hongkong wickelt schon heute einen guten Teil des internationalen Zahlungsverkehrs für die Volksrepublik ab und ist bestens positioniert diese Funktion weiter auszubauen.

Wie schon in anderen Bereichen wird auch in der Finanzwirtschaft die Symbiose der Formel ?ein Land, zwei Systeme? offenbar. Die Stadt bietet ideale Voraussetzungen als Experimentierfeld und Testlabor für die Umsetzung festlandschinesischer Wirtschaftspolitik in einem kontrollierten Umfeld. Hier lassen sich in kleinen Schritten einzelne Komponenten einer grösseren Gesamtheit testen und die Auswirkungen von Massnahmen simulieren, ohne die Stabilität der Volkswirtschaft zu riskieren. Gliechzeitig profitieren beide Parteien von den neu geschaffenen Synergien, die langfristig beiden Systemen mehr Wohlstand bringen.





©  2007 bis 2012 Asien Kurier.
All rights are reserved  (Nutzungsrechte / Titelschutz)
Unsere Webseiten sind für den Firefox-Browser und eine Auflösung von 1280 x 1024 pixel optimiert.
Opera und Safari-Browser sind gerne gesehen; auf Microsoft / IE können wir verzichten.