|
Chinesische Fahrzeughersteller drängen nach Übersee und scheuen sich nicht an voluminöse Übernahmen zu denken. An der dauerhaft defizitäre Chrysler Group, ein Geschäftsbereich von Daimler Chrysler, hat der Hersteller ?China First Automobile Works? (FAW) Interesse angemeldet. Ein erfolgreicher Deal käme einem Meilenstein in der Automobilbranche gleich.
Hohe Importzölle auf Pkws behinderten bisher für ausländische Automobilhersteller den Markteintritt und sie hielten chinesischen Unternehmen unliebsame Konkurrenten vom Hals. Und zudem beschränkten Restriktionen der Regierung die Anzahl chinesischer Produzenten. Neben FAW spielen die ?Dongfeng Motor Corporation? (DMC) und die ?Shanghai Automotive Industry Corporation? (SAIC) eine ernstzunehmende Rolle. Marktbehindernde Restriktionen bestehen zwar weiterhin, doch wird diese Barriere langsam durchbrochen. Das Handelsministerium forciert mittlerweile die exportorientierte Produktion von Autos und Autoteilen (vorwiegend) in den Industrieregionen Jiangsu, Zhejiang und Shanghai. Dank eines Wirtschaftswachstums von 11,5 Prozent im Juniquartal 2007 (Quelle: Nationalamt für Statistik) können auch kleinere Fahrzeugproduzenten noch profitabel arbeiten. Bei einem kontinuierlich steigenden Wohlstand zeigt auch die Mittelklasse zunehmend Interesse am ?Statussymbol Auto?: Angaben der ?China Association of Automobile Manufacturers? (CAAM) zufolge wurden vergangenes Jahr 7,22 Millionen Fahrzeuge, davon 3,8 Millionen Pkws, verkauft - ein Viertel mehr als im Jahr zuvor. Das Absatzpotential ist gross: europäische und US-amerikanische Hersteller haben ihre Investitionenen in Kooperation mit Joint Venture-Partnern ausgedehnt. Und während General Motors weltweit einen Verlust von 8,6 Milliarden US-Dollar (2005) einfuhr, konnte der US-Multi in China letztes Jahr um 32 Prozent gestiegene Verkaufszahlen vermelden. BMWs Luxusmarke Rolls Royce verkaufte sich im Jahr 2006 in China um 60 Prozent besser als ein Jahr zuvor. Ausländische Hersteller haben mit ihren in China preisgünstig produzierten Fahrzeugen den Markt überflutet. Pkws wurden im Jahr 2003 um 15 bis 20 Prozent billiger, als vor dem Beitritt zur WTO. Internationale Marken erfreuen sich, dank ihrer besseren Qualität, eines Marktanteils von etwa 70 Prozent. Dieses bedeutet aber nicht, daß chinesische Hersteller Verluste einfahren. Bei den nicht gerade freiwillig gegründeten Gemeinschaftsunternehmen gewinnen die chinesischen Partner an Erfahrung und technologischem Fachwissen. Doch neigen sie leicht dazu, vom ausländischen Know-how abhängig zu werden, statt eigene Innovationen zu schaffen. Erreichten Marken wie Chery, Geely und Brilliance vor ein paar Jahren nur einen kleinen Marktanteil, so stieg ihr Anteil am Geschäft mit den Neufahrzeugen in den ersten fünf Monaten 2006 auf rund 30 Prozent. Selbstzufrieden suchen sie nun nach neuen Märkten und Markteintrittschancen außerhalb der chinesischen Grenzen. Heftiger Wettbewerb kennzeichnet den globalen Markt für Billigautos und den Herstellern bleiben nur geringe Gewinnmargen. Wollen sich die chinesischen Newcomer erfolgreich positionieren, so müssen sie die Kosten radikal senken. Chinesische Produzenten profitieren sicherlich vom Fachwissen ihrer Joint Venture-Partner, doch ob ihre Strategie erfolgreich aufgehen, bleibt abzuwarten. In den Entwicklungsländern Südostasiens, Nahost, Afrikas und Lateinamerikas hat dieser Ansatz bislang gut funktioniert. Dort wird ein Großteil der Fahrzeuge für den Export hergestellt, um anschließend mit Niedrigpreisen die Industrieländer zu erobern. Doch mit den lokalen Gesetzen und Vorschriften des europäischen und US-amerikanischen Marktes, werden es die Chinesen nicht leicht haben. Auf China entfallen heute 0,7 Prozent des internationalen Fahrzeug- und -zubehörhandels. Binnen zehn Jahren soll ein Anteil von 10 Prozent erreicht werden. Lag das Exportvolumen im Jahr 2005 bei 11,8 US-Dollar, so soll es bis zum Jahr 2010 auf 70 bis 100 Milliarden steigen. Experten erwarten, dass China den nordamerikanischen Automobilmarkt ab dem Jahr 2015 überholen könnte. Diese Entwickung würde fatale Auswirkungen auf die westlichen Märkte haben. Handelsminister Bo Xilai ermahnte die Industrie bereits, besser langsam in die ausländischen Märkte einzudringen: ?ist erst der Ruf eines chinesischen Autos zerstört, so wird der Ruf der gesamten chinesischen Industrie ernsthaft leiden?. Nur halb zu teuer wie seine direkten Mitbewerber wird der Jiangling Motors Landwind (SUV) seit November 2005 auf dem deutschen Markt angeboten. Ein Überlebensspiel für Fahrer und Passagiere ! Crashtests des ADAC zufolge hätten sie einen Frontalaufprall bei 60 km/h nicht überlebt (siehe Kasten). Ein gutes Beispiel für die Qualitätsprobleme, mit denen sich chinesische Hersteller dringend befassen müssen. Mehr als 15.000 Pkws will das 2003 von BMW und der Brilliance China Automotive Holdings Ltd. gegründete Joint Venture allein in diesem Jahr in beiden Ländern an den preisbewussten Autofahrer bringen. Nächstes Jahr sollen es ambitionierte 20.000 bis 25.000 Autos werden. Brilliance hat sich die Eroberung der europäischen Märkte zum Ziel gesetzt: mit seiner Stärke, die aus der Umsetzung innovativer Ideen und der Fähigkeit, sich in neuen Märkten schnell zu adaptieren, besteht. Doch müssen die Chinesen beweisen, dass sie mehr können als nur zu reproduzieren und modifizierte Bestseller anzubieten. Auch Nordamerika bietet für preisgünstige Autos ein großes Potential. Die Markteintritts-Verhandlungen von Chery und Geely stagnieren nicht erst seit dem alarmierenden Rückruf von 18 Millionen Mattel-Spielzeugen. Laut Herrn Zhang Li, Beamter im Handelsministerium, haben die Unternehmen den Qualitätsanspruch auf den internationalen Märkten unterschätzt. Die besonderen Marktanforderungen und Konditionen wurden nicht analysiert und die Modelle den Ansprüchen westlicher Kunden nicht angepasst. So lassen sich schwer solide Handelspartner zu finden und Beziehungen etablieren. Geely, das einzige Privatunternehmen seiner Branche mit Sitz in Zhejiang, eine Flugstunde südlich von Shanghai, hat einen enormen Wandel durchlebt: vom Kühlschrank- und Fahrradhersteller zum Fahrzeugproduzenten mit zwölf Fabriken, die in der Lage sind jährlich 100.000 Fahrzeuge und 200.000 Motoren herzustellen. In Jugoslawien, der Ukraine und im Nahen Osten werden die Fahrzeuge bereits vermarktet - das Exportziel heisst jedoch Nordamerika. Ohne die Sicherheits- und Emissionsanforderungen erfüllen zu können, will Geely den ?7151 CK Sedan? ab Ende 2008 für weniger als 10.000 US-Dollar anbieten. Es mangelt zudem an Komfort und Extras wie Schiebedach oder beheitzten Sitzen. Eine kürzlich veröffentlichte Studie von J. D. Power zeigt mit welchen Problemen chinesische Hersteller zu kämpfen haben: auf 100 Pkws kamen 374 Fehler, während es bei US-Pkws nur durchschnitlich 118 waren. Geely behauptete als Antwort, dass diese Probleme beseitigt und gleichzeitig Änderungen vorgenommen wurden, um die strikten Vorschriften der amerikanischen Behörden zu erfüllen. Erfolgreich konnte sich ?Changfeng Motors? im US-Fahrzeugmarkt positionieren. Die langjährige Partnerschaft mit der japanischen Mitsubishi Corp. trägt Früchte und gemeinsam wollen sie durch Diversifizierung im nordamerikanischen Markt antreten. Das Gemeinschaftsunternehmen debütierte auf der ?North American Auto Show 2006? unter anderem mit dem ?Liebao CS6?, einem SUV (Sport Utility Vehicle) für fünf Passagiere, welcher die italienische Firma Pininfarina entwarf und den Fiat mit einem vier Zylinder-Dieselmotor produziert soll. Changfeng ist den gehobenen Anforderungen amerikanischer Verbraucher entgegengekommen und hat ein Anti-Blockier-System, ein GPS-Navigationssystem, DVD-Bildschirme für die Passagiere auf dem Rücksitz und ein Schiebedach in die Liste der Extras aufgenommen. Weitaus wichtiger ist jedoch, dass es Changfeng Motors geschafft hat, den US-amerikanischen Crash- und Emissionstest zu bestehen. Das Unternehmen ist nun auf der Suche nach einem zuverlässigen und glaubwürdigen Partner, der bereit ist eine langjährige Partnerschaft einzugehen. Kurzfristig gesehen, sind chinesische Fahrzeuge noch nicht wettbewerbsfähig. Auch wenn es gelingen sollte alle technischen Anforderungen der europäischen und der US-Märkte zu erfüllen, wären die Autos aus dem Milliardenreich noch weit davon entfernt, sich erfolgreich dauerhaft zu etablieren. Die Gründe dafür liegen nicht nur in den strengen Vorschriften und anspruchsvollen Verbrauchern im Westen, sondern auch in China müssen die Unternehmen ihre Prozesse und Strukturen restrukturieren. In die Forschung und Entwicklung investieren chinesische Auto-Produzenten gerade mal ein Prozent ihres Umsatzes; nur Chery macht mit 13 Prozent und Geely mit 6 bis 7 Prozent eine positive Ausnahme. Westliche Mitbewerber geben für F+E fünfmal mehr Geld aus. Auf eigene Forschungsbeine gestellt, sehen sich die Chiensen mit Schwierigkeiten konfrontiert, in denen ausländische Hersteller längst führend sind. Auch bei einem erfolgreichen Markteintritt werden sich die meisten Newcomer kaum dauerhaft etablieren können. Obwohl chinesische Fahrzeuge mit koreanischen Autos hinsichtlich Qualität vergleichbar sind, erwarten Experten, dass sie in den nächsten drei bis fünf Jahren (der typischen Lebenszeit eines Modelltypes), nicht wettbewerbsfähig gegen US-amerikanische Autos antreten können. Doch vielleicht werden die Verbraucher gerade deswegen ihre Meinung ändern und sich für Pkws ?Made in China? entscheiden.