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Asien Kurier 3/2007 vom 1. September 2007
China

Zurück nach China?

Von Daniel Müller

Chinas beachtliche Wirtschaftsdaten machen nun schon seit Jahren Schlagzeilen. Galt der fortwährende Aufschwung lange Zeit als quasi naturwüchsiger Selbstläufer, so kristallisiert sich inzwischen immer deutlicher heraus, dass er durch einen Mangel an Fachkräften empfindlich gebremst, ja gefährdet werden könnte. Diesen Engpass dürften nicht nur chinesische, sondern auch und gerade deutsche Firmen, die in China produzieren, zu spüren bekommen.

Die politische Führung ist dieses Manko nicht entgangen ist und so begann sie schon vor Jahren, kontinuierlich in den Ausbau des Bildungssektors zu investieren, um den Wirtschaftsaufschwung künftig auch durch eigene Innovationen stützen zu können. Aber noch sind die Bildungsausgaben vergleichsweise gering: derzeit werden lediglich 1,2 BIP-Prozent des für Forschung und Entwicklung aufgewendet. Hinzu kommt zwar ein bemerkenswertes privates Engagement, wobei die Chinesen bis zu 30 Prozent des monatlichen Einkommens für die Ausbildung ihrer Kinder mobilisieren und sich vor allem Englisch-Kurse einer großen Beliebtheit erfreuen ? das strukturelle Bildungsdefizit können diese Anstrengungen jedoch nicht beheben.

Die größte Bedarfslücke droht ? ähnlich wie in Deutschland ? bei der Anzahl von Universitätsabsolventen. Diese müsste deutlich gesteigert werden, damit die Nachfrage an Fach- und Führungskräften in den nächsten Jahren gedeckt werden kann. Allerdings würde selbst eine massive Aufstockung der chinesischen Hochschulkapazitäten diesen Umstand nur abmildern, da die chinesischen und mehr noch die ausländischen Unternehmen primär Fachkräfte mit Auslandserfahrung, die mit den Usancen der westlichen Wirtschaft vertraut sind, benötigen.

Für in China operierende deutsche Unternehmen stellt sich mithin die Frage, wie sie ihren Bedarf an qualifizierten und erfahrenen Mitarbeitern zukünftig decken können. Eine Quelle, die bisher nur ansatzweise genutzt wurde, stellen chinesische Studenten dar, die ihr Studium in Deutschland absolviert und zum Teil erste Berufserfahrungen gesammelt haben. Auch wenn der Fokus auslandsinteressierter Studenten immer noch stark auf einem Studium in den USA liegt, hat sich ihre Zahl in Deutschland in den letzen Jahren sukzessive erhöht. Deutschland ist mittlerweile nach den USA, Japan, Großbritannien und Australien das fünftbeliebteste Land für chinesische Auslandsstudenten. Immerhin 4.000 chinesische Studenten hatten 2006 ihr Studium in Deutschland begonnen.

Doch rund zwei Drittel der Absolventen kehren nach Studienende nicht in ihre Heimat zurück, wo sie dringend gebraucht werden. Vielmehr versucht der Großteil, in Deutschland zu bleiben. Eine Rückkehr nach China erscheint für viele Absolventen nicht attraktiv genug. Vor diesem Hintergrund dürfte es für deutsche Unternehmen von großem Interesse sein, was chinesische Absolventen von einem künftigen Arbeitgeber in China erwarten.

Song Mi, Vorstandsmitglied der Vereinigung Chinesischer Akademischer und Studentischer Gesellschaften in Deutschland, hatte 1999 ihr Wirtschaftsstudium in Münster aufgenommen. Seit ihrem Abschluss in 2006 arbeitet sie für eine mittelständische Unternehmensberatung in Düsseldorf. Bereits als Jugendliche hatte sie ihr Interesse für Deutschland entdeckt und sich für ein Germanistikstudium in Beijing eingeschrieben. Nach dieser Ausbildung war die Entscheidung, nach Deutschland zu gehen, naheliegend. Aber auch für sie stellte sich mit dem Studiumsabschluss die Frage nach der Rückkehr in ihr Heimatland. ?Es war definitiv für mich eine Option nach China zurückgehen, da ich dort meine Marktkenntnisse und meine Kontakte optimal einsetzen könnte?, so die 31-jährige Volkswirtin. Viele ihrer chinesischen Bekannten haben mit dieser Überlegung direkt nach dem Studium Deutschland verlassen, um in China zu arbeiten. Andere sind trotz dieses Pluspunkts geblieben.

Für die chinesischen Absolventen ist die Entscheidung, wo sie ihr Berufsglück suchen, indes eine Gleichung mit mehreren Variablen: Für eine Arbeit in Deutschland spricht vor allem der vergleichsweise sichere Arbeitsplatz, der hohe Urlaubsanspruch, das Arbeitsumfeld und eine umfassende Sozialversicherung. ?Gleichzeitig sehen wir aber auch, dass Berufsentwicklung und der Aufbau einer Karriere für Ausländer in deutschen Unternehmen relativ schwierig sind? bedauert Mi und nennt auch das teure Privatleben sowie die schwierige Integration in die deutsche Gesellschaft als Hürden für einen Berufsstart in Deutschland. Aber auch eine Rückkehr nach China wird von den Absolventen nicht problemlos gesehen: Während für die Heimkehr vor allem gleiche oder bessere Entwicklungsmöglichkeiten in den Unternehmen vor Ort, ein vielfältigeres und günstigeres Leben und die Nähe zu Familie und Freunden sprechen, fehlt vielen infolge ihrer Abwesenheit ein weit gefächertes persönliches Netzwerk, das in China von zentraler Bedeutung ist.

Deutsche Unternehmen, die diese Punkte hinreichend berücksichtigen, dürften das Interesse der Absolventen für einen Job in China wecken können. Wichtig sind vor allem gute Entwicklungsperspektiven in der Firma, Weiterbildungsangebote, ein Gehalt, dass das Studium in Deutschland widerspiegelt, angemessene Sozialleistungen und eine relative Sicherheit für den Arbeitsplatz. ?Mit diesen Vorteilen können Unternehmen ganz sicher Absolventen für einen Berufseinsatz in China gewinnen? meint Mi. Unterstützung bei der Personalgewinnung können deutsche Unternehmen vor allem beim ?Career Service China? der Auslandshandelskammer in Beijing erhalten.

 

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