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Asien Kurier 3/2007 vom 1. September 2007
Asien

Die Märkte zittern: Wirtschafts- oder nur Finanzkrise?

Von Horst Rudolf

?Ihr Geld ist sicher, aber für Ihr Kapital kann ich nicht garantieren?. So formulierte es ein Frankfurter Banker am Freitag, dem 10. August. Doch zumindest an diesem Tag kam es nicht zum grossen Krach: die sonst so behäbige Europäische Zentralbank (EZB) schüttete auf einen Schlag 150 Milliarden Euro über Banken- und Börsen aus, um die vielleicht größte Finanzkrise nach dem zweiten Weltkrieg gar nicht erst entstehen zu lassen.

Nur wenige Stunden später, an der Wall Street, der Drehscheibe des modernen Kapitalismus, drehte der Börsen-Guru des weltweit wichtigsten Finanz-Senders CNBC vor laufenden Kameras durch und beschimpfte den neuen amerikanischen Zentralbank-Gouverneur Bernanke nach Strich und Faden.

Denn im Gegensatz zu seinem Vorgänger, Alan Greenspan, der schon vor Jahren marode Firmen mit Staatsgeldern vor dem Zusammenbruch rettete, tat Bernanke nicht, was Millionen von Spekulanten erhofften. Nein, er bewahrte einen kühlen Kopf und war erst am darauffolgenden Montag bereit, durch Freigabe einiger Milliarden US-Dollar die Funktion der Geldmärkte wieder zu stabilisieren, nachdem die plötzliche Geldnachfrage das Zinsgefüge aus dem Gleichgewicht gebracht hatte.

Was war passiert? Eigentlich nichts, was man unter seriösen Bankern und Finanzfachleuten nicht schon seit Jahren vorausgesagt hatte. Die Formel für die Krise lautet: (Subprime + Carry Trades + Hedge Fonds) x Leverage-Effekt = ?American Greed?. Übersetzen wir American Greed mit ?den Hals nicht vollkriegen?, ist das Ergebnis der Gleichung schon vorweggenommen. Widmen wir uns nun den einzelnen Elementen:

?Subprime? beschreibt elegant, was wir landläufig mit ?faule Immobilienkredite? übersetzen. Dahinter steht, dass amerikanische Banken bespielsweise mexikanischen Grenzgängern, die sich beim Nachbarn 5.000 Dollar liehen, 100.000 echte Dollar Kredit geben, um in den Vororten Miamis ein Häuschen zu erwerben. Bei fünf Prozent Eigenkapital und Einkommensverhältnissen, die jedem Wüstenrot-Berater peinlich wären, wurde ein amerikanisches Immobilienwunder finanziert.

Neben den Immobilien-Subprimes, bei denen es zuerst knirschte, krankt die Wirtschaftsmacht USA daran, dass die Mehrzahl der Unter- und Mittelklasse-Haushalte kaum über Sparvermögen verfügt. Wer am 25. des Monats im Wal Mart an der Kasse steht, zahlt mit Kreditkarten und Schecks, die erst nach dem Zahltag in folgenden Monat eingelöst werden, da sie sonst platzen würden. Doch dies nur zur Erinnerung und zukünftigen Beurteilung der Krisenlage.

?Carry Trades? waren ursprünglich vergleichsweise harmlos und existierten schon früher in der deutschen Form der Zinsarbitrage: an einem Ort - heutzutage Japan - nimmt man einen Kredit zu niedrigen Zinsen auf und legt das Geld in einem Land mit höheren Zinsen an - Irland, Neuseeland oder USA bieten sich heute an.

Das geht solange gut, wie man diese Geschäfte kurzfristig beenden kann und keines der Länder auf die Idee oder in die Lage kommt, seinen Wechselkurs kurzfristig zu ändern. Kostet der Neuseeland-Dollar nur noch 80 japanische Yen statt zuvor 95, dann wird aus dem profitablen Geschäft ein herber Verlust.

Über Hedge Fonds redet alle Welt, doch sind uns unsere Leser hoffentlich nicht böse, wenn wir daran erinnern, dass ?hedgen? eigentlich absicheren heisst , was ursprünglich eine gute Sache war. Nach dem Waren-Hedging entwickelte sich das Finanzhedging, wo es um Termin-Gegengeschäfte zu finanziellen Transaktionen im mehrstelligen Bereich ging.

Doch bei den Hedge-Fonds geht es heutzutage um eine Sammlung von Aktien, Wertpapieren oder anderen - auch obskuren - Titeln, die den geplagten Kunden die Qual der Wahl abnehmen und vor allem das Einzelrisiko verschiedener ?Asset-Klassen? (Anlageformen) durch einen grossen Topf (theoretisch) besser verteilen. Im Gegensatz zu traditionellen Aktien- oder Rentenfonds darf hier jedoch mit Krediten, Terminverkäufen und Anlagemodellen operiert werden, die nur noch entfernt an die ursprünglich sinnvolle Erfindung erinnern (s. Kasten).

Vor allem das letzte Wort unserer Krisen-Formel klingt harmlos, ist aber bei weitem das gefährlichste: ?Leverage? heisst Hebel oder Multiplikator. Einzelschuldner mit ihren ungedeckten Schecks oder überzogenen Kreditkarten (ohne Leverage) können meistens nur das Geld verlieren, dass sie schulden. Finanzinstitutionen und halbprofessionelle Marktteilnehmer sind jedoch in der Lage - dank Leverage und cleverer Bilanzierung - ein Mehrfaches an Geld zu ?produzieren? bzw. umzusetzen (aber auch zu verlieren), als sie ?eingeschossen? haben. Ein Grundkapital von einer Million generiert also das fünf- bis zehnfache an operativen Mitteln und kann durch häufiges Umschichten zum 50- bis 100-fachen Umsatz führen.

Dieser Finanzmultiplikator steht nun im Vordergrund und auch die amerikanische Zentralbank verfügt über keinerlei verlässliche Zahlen oder auch nur Schätzungen, wie gross diese Finanzmärkte überhaupt sind. Wenn es dann an einer Stelle des Apparates kracht, kontrahiert sich diese Blase. Verlangen die Kunden plötzlich ihre Einlagen am Schalter, sind höchstens 5 bis 10 Prozent physisch vorhanden.

In normalen Zeiten des Geldmanagements kommt dieser Fall kaum vor. Doch wenn Panik ausbricht, kommt es zum ?Credit Crunch?, auf Hochdeutsch Geldklemme. Zwei deutsche Banken sind bereits in diesen Crunch geraten und haben den SOS-Fonds in Anspruch genommen ? die IKB in Düsseldorf und die Landesbank Sachsen. Beide sind an der Geldklemme von US-basierten Hypothekengeschäften bzw. sogenannten ?Commercial Papers? gescheitert. Die gute Nachricht: bei uns werden die faulen Eier zügig entsorgt, in den USA werden noch unangenehme Überraschungen für neue Aufregung sorgen.

Für unsere asienorientierte Leser sieht die Lage zumindest langfristig weniger düster aus. Denn im Gegensatz zu den Amerikanern sitzen ehemalige Kommunisten wie in China auf echten angesparten Vermögen. Zwar gibt es auch hier Übertreibungen, vor allem beim Konsum- (und damit Privatkredit-) Verhalten der Bevölkerung, ebenso wie an heissgelaufenen Börsen, doch dahinter stehen solides Wachstum und vor allem solidere Staatsfinanzen.

Als am 17. August die Emerging Markets auch in Asien massiv einbrachen, waren es nicht nur Panikverkäufe asiatischer Spekulanten, sondern auch amerikanische Banken, die dringend Geld brauchten. Und schon drei Tage später sprangen von Bangkok bis Seoul wieder alle Signale auf grün. Wenn dies auch verfrüht erscheint, unterstreicht dies die Tatsache, dass die Fundamentals in der Region einfach besser aussehen, als in den USA.

Denn dort stellt sich die Frage, ob die Krise der Finanzmärkte nicht doch auf die reale Wirtschaft durchschlägt - das Risiko ist hoch. Die US-Zentralbank hat nun alles getan, das Fieber des Patienten zu senken, aber ohne klares Rezept gegen die vielfältigen Krankheiten. China kann sich eine Wachstumsdelle leisten, für Amerika - aber dann auch für Europa - ist höchste Wachsamkeit angesagt.

 

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