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Asien Kurier 4/2007 vom 1. Oktober 2007
Myanmar

Retten Mönche das Land ?

Von Horst Rudolf

Zum Aussteigen wird nicht geklingelt - heisst es an der Börse. Doch den Generälen in Naypyidaw, der neuen Hauptstadt Myanmars, dröhnen seit Tagen die riesigen Gongs der Shwedagon-Pagode in Yangon in den Ohren - bisher als Warnung, bald vielleicht als Schlußgeläut.

Eigentlich ist es nicht die übliche Aufgabe eines Wirtschafts-Korrespondenten, die politische Situation in einem Land zu durchleuchten, doch in Myanmar sind in diesen Tagen beide Bereiche derart eng verwoben, dass dies keine Bedeutung mehr hat. Denn das Desaster - oder bereits der Anfang vom Ende, wie manche vermuten - begann bereits vor drei Wochen, als die Regierung völlig unerwartet die Preise für Treibstoffe, vor allem Dieselöl, aber auch das begehrte Flüssiggas um 100 bis 500 Prozent heraufsetzte.

Der Aufschrei, der durch das verarmte Land ging, ist verständlich, denn die Preise für Energie schlagen heutzutage sehr schnell in alle Bereiche durch. Wenn nun eine Busfahrt vom Stadtrand ins Zentrum und zurück jeweils 300 Kyat kostete und die Volknahrung ?Mohinga-Suppe? etwa 400, dann muss eine Arbeiter oder Angestellter bei 25 Arbeitstagen 25.000 Kyat bezahlen - womit wir bereits das Einkommen eines Bürgers erreicht haben.

Damit erklärt sich auch, warum diesmal nicht ein politisch motivierter Volksaufstand droht, sondern eine Hunger-Revolution. Dass der Militärregierung das finanzielle Wasser bis zum Hals steht und die Streichung der Subventionen ökonomisch sinnvoll war, ist dabei irrelevant - ihnen wird völliges wirtschaftspolitisches Versagen angekreidet.

In den ersten Tagen der Proteste, die vor allem von bekannten Oppositionsfiguren angeführt wurden, reagierten die Militärs mit Härte: Bedrohung durch ?Braunhemden?, die hier ?Weisshemden? heissen, Gefangennahme, Folter, Gefängnis. Doch die staatliche Propaganda-Machine, die die Schuld auf ?ausländische Drahtzieher? schob und den Demonstranten unterstellte, sie wollten vor allem die gerade erfolgreich abgeschlossene Nationalversammlung und Verfassungsschreibung sabotieren, lies schnell den Verdacht aufkommen, das Ganze sei eine Verschwörung der Regierung selbst.

Deren Ziel musste eine Doppelstrategie sein, nämlich die nicht mehr aufzuschiebenden Preisanpassungen durchzuboxen und durch scharfe Unterdrückungsmassnahmen das Volk von den Straßen zu halten, bis die wirtschaftliche Talsohle durchschritten ist. Denn neue Gasfelder, Pipelines und Staudämme sind im Ausbau, die Exporte steigen und die Touristenströme verstärken sich wieder.

Doch diesmal scheint es, dass das Rennen verloren ist, denn die neuen Devisenquellen werden erst in einigen Jahren sprudeln und die Töpfe sind bereits heute leer - in einem Land, das vor 50 Jahren der grösste Reisexporteur der Welt war. Und mit Ideologie und Disziplin wie in Nordkorea ist den Burmesen kaum mehr beizukommen, im ehemals reichsten Land Südostasiens - und seitdem nur noch die Offiziere Schuhe ohne Löcher haben, um stramm und diszipliniert zu marschieren.

Doch das verarmte und verängstigte Volk hätte keine Chance gegen die Gewehre und müsste weiter leiden - wäre nicht etwas eingetreten, mit dem eigentlich keine Seite gerechnet hatte. Eine ?Safran-Revolution? (wegen der orangefarbenen Mönchskutten), ein friedlicher Aufstand der Mönche hat die Situation innerhalb weniger Tage auf den Kopf gestellt. Während noch - wie dazumal in der deutschen Geschichte - die Führung der ?State Sangha Maha Nayaka Committes?, ähnlich der deutschen Bischofs-Konferenz in mittelalterlicher Vorzeit, berieten, marschierten hunderte und inzwischen tausende von jungen Mönchen durch die Strassen von Myanmars Städten.

Denn die ?Mönchs-Power? ist mit deutschen Verhältnissen nicht vergleichbar. 300- bis 400.000 aktive junge Mönche werden vom einem Volk verehrt und respektiert, in dem fast jeder Junge und viele Mädchen eine Zeit lang als Mönche gelebt haben oder von diesen ausgebildet wurden. Ein tätlicher Angriff auf Mönche wäre damit eine kaum noch zu beherrschende Eskalation - doch wenn die Mönche ihre Aktionen nicht abbrechen, ist es mit der Regierungsarbeit und dem System nicht mehr weit her.

Ob dies geschieht und vor allem, was danach kommt, kann weder ein Journalist noch ein Wahrsager voraussagen - und auf einen solchen hatte sich die Führung in Naypyidaw allzu lange verlassen.





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