
In Zeiten weltweiter finanzieller Turbulenzen haben auch Verschwörungstheorien Konkunktur. Erinnern Sie sich? Die Krake von der Wall Street, die Rockefellers, nicht zuletzt die Gnomen von Zürich. Die weltweiten geheimen Verbindungen des Großkapitals wurden - oder werden immer noch - von den ?Kleinen da unten? als Drahtzieher des kapitalistischen Endsiegs angesehen.
Doch während diese Theorien noch das Internet bereichern, schreibt die Realität einer neuen Globalisierung bereits Geschichte - die heutigen Rockefellers heissen Nomura, ICBC (Industrial and Commercial Bank of China), Sberbank oder ADIA. Nie gehört? Kein Wunder, denn die bisher größte Anlagegesellschaft der Erde - die Abu Dhabi Investment Authority - hat in den vergangenen Jahren zwar über mehr Kapital verfügt, als das Bruttosozialprodukt vieler Staaten, doch die Herren mit den weissen Gewändern haben gelernt, dass man besser ohne Medienshow auskommt, wenn es um echtes Geld geht.Irgendwie ist es faszinierend zu beobachten, wie die bisher stärkste Wirtschaftsmacht der Erde von einem Immobilien- und Kreditskandal in den nächsten rutscht und die Zentralbanken der westlichen Welt mit Geldspritzen vormals honorige Banken retten müssen, während sich die Söhne von Beduinen und kommunistischen Untergrundkämpfern nun in die Feinheiten französischer Champagnermarken einweisen lassen.Was als Kolonisierung der Dritten Welt fünfhundert Jahre gedauert hat, und von Kritikern als Aufstieg der westlichen Welt durch die Ausbeutung der Bodenschätze der Entwicklungsländer bezeichnet wird, ist Geschichte. In den nächsten 50 Jahren könnte sich der Trend ökonomisch und geographisch umkehren und die bisher armen Länder zu den Kapitalisten des Globus aufsteigen - sofern sie Rohstoffe oder Exportgüter haben, die wir benötigen.Doch es gibt auch eine dritten Weg, den beispielsweise die Japaner aufgezeigt haben - sozusagen als Modell für die Amerikaner, wie man es machen muss. War Japan die vergangenen zehn Jahre nicht das kranke Land Asiens? Ja, aber trotzdem haben die Japaner gespart, was das Zeug hält, ihre Währung an den Amerikanern vorbei so schwach gehalten, dass Exporterfolge wieder zum Wirtschaftsmotor wurden, und nun sitzen sie auf fast 1.000 Milliarden US-Dollar (1 Billion US$) an Devisenreserven.Dieser Vorspann soll unsere Leser eigentlich nur auf das inzwischen heiss diskutierte Thema ?kaufen uns diese Länder auf?? einstimmen - mit ein paar neuen Untertönen. Denn in den westlichen Hauptstädten gilt bereits Alarmstufe Rot - ob im Bundestag oder im Repräsentantenhaus, die Stäbe und Beratergruppen sitzen vor ihren Bildschirmen und machen Planspiele, wie man der ungeahnten Milliarden-Attacken aus dem Ausland Herr werden kann.Und dazu besteht Anlass, denn gerade deutsche Unternehmen sind im weltweiten Vergleich unterkapitalisiert, worauf der Frankfurter Banken-Spezialist, Professor Wolfram Engels, bereits vor zwei Jahrzehnten hinwies - was aber damals niemanden alarmierte. Wenn er auch leicht übertrieb, die japanische Nomura-Bank könne die Deutsche Bank aus der Portokasse kaufen, herrschen heute Verhältnisse, die genau darauf hinauslaufen.Die Vereinigten Arabischen Emirate, die saudi-arabischen Fonds, die Kuweit Investment Authority, damit haben wir die Euro-Billionen-Grenze bereits überschritten, da die Araber bereits seit mehreren Jahrzehnten Kapital akkumulieren. Nun gesellt sich Russland hinzu, dessen hochgelobter Diktator in letzter Minute die Privat-Oligarchen entmachtete und damit wieder die Kontrolle über die Gas-Milliarden in staatlicher Hand hat. Und auch China, das jeden Tag auf grösseren und vor allem ungenutzen Devisen-Milliarden sitzt, hat nun ?vorsichtige? 200 Milliarden US-Dollar, zwanzig Prozent seiner Reserven, für einen internationalen Anlagefonds reserviert.Weltweit sind nun knapp 2 Billionen Euro in internationalen Investmentfonds verfügbar, die mit ihren Namensvettern nur noch die Bezeichnung gemeinsam haben.Denn diese ?Fonds? sind nicht nur Kapital-Sammelstellen, die Dividenden oder Kursgewinne für ihre Aktionäre erwirtschaften, sondern sie repräsentieren schlicht die mögliche Neuverteilung der internationaler Wirtschaftsmacht. Kein Wunder, dass Kanzlerin Angela Merkel dem chinesischen Ministerpräsidenten Wen Jiabao zwar versichert, man sehe die Entwicklung Chinas keineswegs als Bedrohung für Deutschland, sondern eher als Chance - doch gleichzeitig sitzt der deutsche Wirtschaftsminister Michael Glos mit seinen Spezialisten in Klausur. Denn kein Land der Erde möchte seine Ressourcen weitgehend in ausländischem Eigentum sehen.Die Mindestschwelle der Absicherung wäre der ?Angriff? auf strategisch bedeutsame Branchen, wie Rüstungsunternehmen oder Energiekonzerne. Doch sind die meisten dieser Unternehmen heutzutage so verschachtelt, dass auch andere Kriterien, wie Umsatz und Höhe der Beteiligung Bedeutung erhalten. Modelle wie die ?Goldene Aktie? werden diskutiert, mit deren Hilfe eine Regierung beispielsweise wichtige Stimmrechts-Anteile für sich behält, aber nicht gleichzeitig Kapital einsetzen muss.Franzosen und Amerikaner gehen da weitaus rigoroser vor, indem dort - was auch populistisch gut ankommt - nationale Interessen je nach Bedarf definiert werden, wofür es bereits mehrere Beispiele gibt. Doch Deutschland ist bisher mit ausländischen Investoren gut gefahren - den diese wollen alles andere, als ihre Geld schlecht anlegen. Und bisher hat China kaum 200 Millionen Euro investiert - verglichen mit 3 Milliarden aus Holland. Das Thema sollte daher ohne Emotionen angegangen werden.Denn ?eigene? oder ?westliche? Investoren sind nicht zwangsläufig bessere Kaptaleigner. Ob Gewerkschaften vor chinesischen Eigentümern tatsächlich mehr zittern müssten, als vor amerikanischen, ist nicht sicher. Denn letztendlich bleiben deutsche Gesetze weiterhin gültig und auch chinesische Unternehmer haben bereits gelernt, dass die zarte Pflanze Kapital langfristiger Pflege bedarf - und man sollte gelehrige Schüler nicht unterschätzen.