
Optimale Investitionsbedingungen für den Mittelstand soll zukünftig eine deutsch-vietnamesische Industriezone bieten. Eine Absichtserklärung wurde Mitte September zwischen der in Bad Doberan ansässigen Selck Gruppe GmbH und der Stadt Hai Phong unterzeichnet. Unternehmer aus dem Bundesland an der Ostseeküste besuchten zusammen mit Bundesratspräsident Dr. Harald Ringstorff (Ministerpräsident von Mecklenburg-Vorpommern) das südostasiatische Land.
Gerade kleinere Mittelständler befinden sich oft in der Zwickmühle, dass sie einerseits aus strategischen Gründen nach Asien expandieren wollen, andererseits aber zurückschrecken, da ein solcher Schritt viele Unwägbarkeiten birgt und zudem Ressourcen bindet. Treibende Kräfte für diesen Schritt sind ein steigender Kostendruck bei der Produktion durch internationale Konkurrenz, sowie die Tatsache, dass die größten Wachstumsmärkte in Asien liegen.Nachdem der große Run von Mittelständlern nach China etwas abflacht, rückt Vietnam mehr und mehr in den Fokus deutscher Unternehmen. Der Standort hat viele Qualitäten zu bieten: Eine sehr gute Sicherheitslage gepaart mit hoher politische Stabilität sowie handwerklich äußerst begabte, lernwillige und pünktliche Arbeitskräfte, die man nicht umsonst die ?Preußen Asiens? nennt.Insgesamt wird das Investitionsklima in Vietnam hoch gelobt. Die rechtlichen Rahmenbedingungen werden internationalen Standards angeglichen, der WTO-Beitritt führt zu einer weiteren Öffnung des Landes. Nicht zuletzt werden Investitionen durch eine starke Verbundenheit zwischen beiden Ländern erleichtert. Immerhin sprechen mehr als 100.000 Vietnamesen Deutsch, viele von ihnen haben in Deutschland (besonders in der ehemaligen DDR) studiert und fühlen sich dem Land noch heute verbunden ? eine große Zahl der Absolventen sitzt inzwischen in hohen Ämtern von Wirtschaft und Politik. Durch das andauernd starke Wirtschaftswachstum ist Vietnam zum bedeutenden Absatzmarkt ? auch und gerade für Produkte des Maschinenbaus und der Schiffszulieferindustrie - geworden. Das Land mit 85 Millionen Einwohnern weist mit durchschnittlich 7,5 Prozent Wachstum seit dem Jahr 2000 nach China die weltweit höchsten Wachstumsraten aus ? wenn auch von einer bescheidenen Basis: das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf beträgt nur etwa 750 US-Dollar. Die Industrie wächst seit vielen Jahren mit 15 - 20 Prozent.Die nordostvietnamesische Hafenstadt Hai Phong ist mit seinen 1,7 Millionen Einwohnern die drittgrößte Stadt des Landes und besitzt den zweitgrößten Hafen des Landes (bislang bis 20.000 DWT). Industrieller Schwerpunkt der Stadt ist der Schiffsbau, der dort auch schon traditionell verankert ist. Weiterhin werden in der Nähe Erze und Kohle abgebaut. Durch seine Lage im Mündungsgebiet des Roten Flusses und damit der Nähe zur Hauptstadt Hanoi (ca. 100 km) und zu China (ca. 200 km) bietet die Stadt der Logistik-Branche eine strategisch sehr günstige Lage. Derzeit werden weite Infrastrukturbereiche ausgebaut, so beispielsweise eine vierspurige Erweiterung des Highway 5 in die Landeshauptstadt und zum internationalen Flughafen, daneben sind der Ausbau des Hafens und der Eisenbahnverbindung nach China geplant. Eine ausreichende Stromversorgung scheint auch für die Zukunft gesichert zu sein. In der Umgebung werden derzeit mehrere Kraftwerke gebaut, um mit der wirtschaftlichen Entwicklung Schritt halten zu können.Die entscheidenden Vorteile des Standorts für Investoren dürften die vorhandenen, qualifizierten Arbeitskräfte im Bereich Metallverarbeitung und Maschinenbau sein. Durch die Tradition Hai Phongs im Bereich Maschinen- und Schiffsbau, sowie zahlreiche Ausbildungszentren und Universitäten ist die Personalsituation im regionalen Vergleich recht vorteilhaft. Gerade die Maritime University mit ihren Fakultäten für Schiffsbau und Ingenieurwesen, ist ein echter Standortvorteil. Insbesondere bei handwerklichen Tätigkeiten haben sich die lokalen Arbeitskräfte als sehr lernwillig und lernfähig erwiesen und ermöglichen somit eine hohe Produktqualität.Die Region Hai Phongs ist nicht so überlaufen, wie jene um die Boomstadt Ho-Chi-Minh City, wo es inzwischen schon erste Berichte über Arbeitskräftemangel gibt. Gleichzeitig verfügt die Stadt über eine gute Infrastruktur und durch die Nähe zu Hanoi können auch die dortigen Institutionen (internationaler Flughafen, internationale Schule, internationales Krankenhaus) genutzt werden.Allerdings ist der Schritt gerade für kleinere Mittelständler ohne Asienerfahrung eine große Herausforderung. Typische Probleme sind eine schlechte Standortauswahl, fehlende Erfahrung mit der lokalen Rechtslage und Verwaltung, Fehlen von interkultureller Kompetenz oder der Umgang mit dem Personal. Hier soll die deutsch-vietnamesische Industriezone eine Lösung aufzeigen. Dem Vorhaben steht auch die Lokalverwaltung von Hai Phong positiv gegenüber. Sie hat bereits ihre Unterstützung zugesagt. ?Eine solche Kooperation kann eine Brücke zwischen Vietnam und dem deutschen Mittelstand darstellen?, erklärte auch Dr. Harald Ringstorff.Ziel des Vorhabens ist es, deutsche und europäische Unternehmen in Hai Phong anzusiedeln. Das Vorhaben richtet sich insbesondere an Unternehmen der Schiffsbauzulieferindustrie, des Maschinenbaus und der metallverarbeitenden Industrie. Mit verschiedenen Dienstleistungen soll die Industriezone Investoren ein ?Rundum-Sorglos-Paket? anbieten. Dadurch soll es besonderes kleinen und mittelständischen Unternehmen erleichtert werden, mit relativ geringem Aufwand den Schritt nach Süd-Ost-Asien zu wagen. Neben der Unterstützung bei der Registrierung und Lizenzierung sollen auch Dienstleistungen wie Rechtsberatung, Personalservices und Qualifizierungsmaßnahmen, Informations- und Telekommunikationsdienst, sowie Bauleistungen bis hin zu fertigen Hallen angeboten werden.Das Timing für dieses Projekt scheint vielversprechend zu sein, da die Nachfrage europäischer Unternehmen nach Produktionsstandorten in Vietnam rapide steigt. Nach Aussagen der der deutschen Auslandshandelskammer in Vietnam setzt derzeit ein wahrer Boom an Anfragen von deutschen Unternehmen aus den verschiedensten Branchen ein: So erreichten die AHK im ersten Halbjahr 2007 alleine rund 2.000 Anfragen deutscher Unternehmen. Im nächsten Schritt wird die konkrete Nachfrage bei deutschen Mitteständlern nach Flächen ermittelt. Interessenten können sich an die Firma "Investment & Development Consulting" wenden (siehe Kasten).Eine solche Industriezone in Verbindung mit den guten Investitionsbedingungen in Vietnam bietet für deutsche Unternehmen einen hervorragenden Standort, um eine hohe Fertigungstiefe zu erzielen und damit ein hohes Maß an Wertschöpfung zu generieren.