
Mit giftigen Farben bemalte Spielzeuge im Kindermund mögen nur skandalös erscheinen, falsche HIV-Präparate und ebenso gefälschte menschliche Blutpräparate im Krankenhaus können tödlich sein.
In den letzten Monaten hat das Vertrauen in chinesische Produkte stark gelitten. Mit dem Rückruf von nahezu einer Million Mattel-Spielzeugen, die mit bleihaltigen Farben bemalt waren, erreichte der Vertrauensverlust seinen vorläufigen Höhepunkt. Weltweit reagierten Unternehmen und Regierungen in der Hoffnung das Problem schnell zu lösen, ohne dabei den zunehmenden Globalisierungsprozess zu beeinträchtigen oder gar einen Handelskrieg zwischen dem chinesischen Milliardenreich und dem Rest der Welt auszulösen.Die politischen Herren in Beijing haben den internationalen Aufschrei wohl wahrgenommen: die Lebensmittel-Kontrollbehörde bestätigte jüngst, dass mehr als ein Fünftel der inspizierten Waren nicht einmal die minimalen inländischen Standards einhalten - und diese liegen "Meilen" unter dem EU- oder US-Niveau. Angaben der "General Administration of Quality Supervision, Inspection and Quarantine" (AQSIS) zufolge, erreichten im ersten Halbjahr 19,1 Prozent der für den Inlandsmarkt vorgesehenen Produkte nicht das vorgeschriebene Qualitätsniveau. Bei kleineren Herstellern erreichte die Substandard-Rate fast 30 Prozent. Ob dies nur Einzelfälle sind, ist die größte Sorge der Verantwortlichen. Beamte fanden in Hospitälern mehrere Hundert Flaschen mit falschen Blutproteinen, sowie in der Kindernahrung große Mengen an Zusatzstoffen und Konservierungsmitteln. Auch die Chinesen selbst, besonders an der Ostküste, achten zunehmend auf die Qualität ihrer Lebensmittel, was zu einem enormen Vertrauensverlust geführt hat.Angesichts höherer Standards für Exportprodukte, dürften die Sicherheitsdefizite den Inlandsmarkt eher betreffen. Lebensmittel-Inspekteure fanden im August Parrafinwachs, Farbstoffe, Formaldehyd und krebserregende Verbindungen in Produkten unlizensierter und kleinerer Hersteller.Die schlimmsten Auswüchse betreffen den Inlandsmarkt - doch ihre Auswirkungen sind laut außerhalb der chinesischen Grenzen zu hören. Das Reich der Mitte füllt die Regale von Wal-Markt, Tesco und Sainsbury's mit Billigprodukten. Die Sicherheitsbedenken nehmen mit der steigenden globalen Präsenz Chinas zu.Berichtet das US-Fernsehen über die süssen kleinen, aber leider toten, Hunde und Katzen, dann ist der Schuldige leicht jenseits des Pazifiks auszumachen: hier soll verdorbene Tiernahrung der Grund gewesen sein. Passend zum aufkommenden US-Wahlkampf konnten Beamte noch rechtzeitig und öffentlichkeitswirksam die für den Unabhängigkeitstag vorgesehenen Feuerwerkskörper beschlagnahmen. In welche Richtung die roten, gelben und goldenen Farbböller geflogen wären, war unvorhersehbar - wieder ein Fall, den protektionistisch eingestellte US-Politiker und Lobbyisten "ausschlachten" können. Für falsche "Pillen" und folglich unerwünschte kleine Babys können auch die EU-Bürokraten kein Verständnis haben. In den großen Volkswirtschaften beiderseits des Atlantiks ist "Made in China" zum warnenden Label geworden.Zu den größten Problemen des Landes zählen profithungrige Betriebe, die aggresiv und vorsätzlich ihre Gewinnspannen durch q ualitativ schlechtere Eingangsstoffe ausweiten wollen. Die subtilen, zunehmenden Qualitätsveränderungen fallen den Importeuren oft erst dann auf, wenn die Ware schon beim Verbraucher und die Negativmeldung in den Nachrichten ist. Umfangreiche Kontrollen finden beim Importeur sicherlich statt: mit den ursprünglichen Mustern, die der chinesische Produzent in gewünschter Qualität geliefert hatte. Und bei jedem neuen Produktionslauf wird gegen die Vorgaben etwas mehr verstossen.Selbst wenn dem Importeur ein Qualitätsschwund auffällt, tut er selten mehr als sich zu beschweren. Der Aufwand Qualitätsprobleme zu beseitigen wird als viel größer angesehen, als der Mangel an sich. Wird der Endkunde den Produktfehler überhaupt bemerken? Nur Lieferverzögerungen fallen generell auf.Verlangt der Importeur vom Lieferanten doch einen Ersatz auf Herstellerkosten, dann braucht er sich nicht zu wundern, dass manch ein Produzent die Zusammenarbeit aufkündigt - oder er verteuert den Preis. Und wenn der Einkäufer mit dem Wechsel des Lieferanden droht? Es bleibt eine leere Drohung, denn die Suche nach einem zuverlässigeren Produzenten und der Aufbau einer neuen Lieferbeziehung kosten Zeit und Geld.Viel wichtiger ist die Frage der rechtlichen Verantwortung wenn beispielsweise eine Frostschutz-Chemikalie ihren Weg in eine Zahnpastatube findet. Ausländischen Unternehmen wird langsam deutlich, dass die falschen oder verdorbenen Bestandteile zwar aus China stammen, die Produkthaftung jedoch bei ihnen liegt. Die fehlende Herstellerhaftung führt zu rechtlichen Implikationen. Die Kosten des Rückrufs von Waren trägt der Importeur. Ein Rechtsstreit in China ist nahezu unmöglich, nur in den seltensten Fällen gelang es, den Hersteller erfolgreich zu verklagen. Gewöhnlich werden die Waren vor dem Versand durch den Produzenten voll bezahlt. Und damit fehlt dem Käufer die Möglichkeit die Bezahlung wegen Mängel (teilweise) zu verweigern.Importeure können wohl vom Exporteur Schadensersatzleistungen verlangen. Doch gewöhnlich raten ausländische Anwälte von Prozessen vor chinesischen Gerichten ab: der Chance auf eine kleine Entschädigung steht die Tatsache meist feindlich eingestellter Richter gegenüber.Die Regierung der Volksrepublik ist sich des Problems wohl bewußt und verkündete jüngst neue Sicherheitsregeln unter anderem für Zahnpasta. Das Inspektionssystem für andere Waren soll überarbeitet werden. Im August veröffentlichte Beijing den ersten Fünfjahresplan zur Verbesserung der Lebens- und Arzneimittelsicherheit. Im ersten Halbjahr wurden 180 Lebensmittelfabriken geschlossen, wobei große Mengen an Süßigkeiten und Seafood, die Formaldehyd, Industriewachs und illegale Farbstoffe enthielten, beschlagnahmt wurden. Zwei Monate zuvor wurde der ehemalige Leiter der Lebens- und Arzneimittelbehörde, Zheng Xiaoyu, zum Tode verurteilt: das Gericht warf ihm vor, umgerechnet etwa 615.000 Euro Schmiergelder von der Pharmaindustrie für die Genehmigung neuer Medikamente kassiert zu haben.Landesweite Anstrengungen zur Überwachung von Produkten aus acht Kategorien verkündete die sozialistische Regierung im August. Dazu gehören Schweinefleisch, Agrarprodukte, verarbeitete Lebensmittel, Medikamente und Spielzeuge. Ein Plan zur Kontrolle des Herstellungsprozesses von industriellen Waren und Lebensmitteln im gesamten Riesenreich wurde vorgestellt. Bis Jahresende sollen alle Lebensmittelhersteller registriert werden; Schweine dürfen nur noch an ausgewiesenen Plätzen geschlachtet; Agrargroßmärkte und Exportzonen sollen kontrolliert werden.Bislang sind 400 Ausfuhrunternehmen auf der Liste des "Export Blacklist Systems". Ob dies auch zu Strafen führte ist unbekannt. Medienberichten zufolge verhafteten Hilfspolizisten in der nordöstlichen Provinz Heilongjiang 17 Mitglieder einer Bande, denen die Fälschung von Medikamenten vorgeworfen wird. Insgesamt beschlagnahmte die Polizei in 53 Fabriken 67 Sorten imitierter Arzneimittel.Vor dem Hintergrund zunehmender Kritik über Chinas Lebensmittelsicherheit, bemüht sich die Aufsichtsbehörde (AQSIQ) durch die Einführung eines neuen Qualitätssiegels Vertrauen zu schaffen. Das anno 2001 eingeführte System verlangt von den Herstellern die Lizensierung, wobei diese ihre Waren mit dem QS-Logo (Quality Safety) bedrucken dürfen. Bislang umfasst dieses 16 Lebensmittelkategorien. Nach amtlichen Statistiken wurden inzwischen 71.000 Lizenzen vergeben, dies soll bezogen auf die Gesamtheit der Gruppen 95 Prozent Marktanteil entsprechen.Auch ausländische Importe sollen geprüft werden. Zu gerne würde die chinesische Führung die gefälschten oder verdorbenen Produkte als ein weltweites Problem darstellen. Indonesische Fischereiprodukte traf bereits der Bann: die Lieferungen sollen verschmutzt gewesen sein. Und auch der Import von Hühner- und Schweinefleisch von sieben US-Unternehmen wurde suspendiert.ISO 14000, HACCP, QS, CQC: mit diesen Zertifikaten soll deutlich gemacht werden, dass Waren und Hersteller den durch professionelle Agenturen verifizierten Qualitätsstandards entsprechen. Um die Verbraucher zu überzeugen, werden üblicherweise mehrere Logos erworben - obligatorisch ist nur das CCC-Zertifikat. Wo Wettbewerb herrscht, können freiwillige Gütesiegel den Marktwert verbessern.China hat - nach den USA - den zweitgrößten Inspektions- und Verifikationsmarkt der Welt. Bis Ende des Juniquartals hatten in- und ausländische Agenturen mehr als 390.000 Gütesiegel vergeben, sowohl für das System Management als auch für die Produktqualität. Mehr als 2.600 professionelle Zertifizierungslaboratorien sind im Reich der Mitte geschäftlich aktiv.Die Verbraucher sind bei der Masse der Qualitätslogos skeptisch - sicher ist, dass die Regierung sowohl die Aufsicht als auch die Bestrafung betrügerischer Prüfinstitute, sowie Firmen, welche unberechtigt Qualitätslogos verwenden, verstärkt hat. Im Januar schloss die "Certification and Accreditation Administration of China" (CAAC) fünf Institute, elf weitere stehen unter Beobachtung.Beim Einkauf in China muss angesichts des schnellen Wachstums streng auf Qualität geachtet werden. Und diese kommt nicht von selbst. Für viele Unternehmen scheinen externe Prüfinstitute eine gute Lösung zu sein. Kein Wunder, dass das Outsourcing der Prüfabteilung für Firmen auf dem Expansionspfad populär ist. In-house Lösungen kosten zumindest mehr Geld.Ob externe Anbieter zum Unternehmen, seiner Produkte, seiner Struktur und seinem Management passen, muss jede Betriebsführung individuell entscheiden. Manch ein Manager hat da unrealistische Vorstellungen.Wer in China einkauft, sollte das Preis-/Wertverhältnis verstehen - man bekommt, was man bezahlt. In Kombination mit einem traditionellen Ansatz von Planung, Design, Technologietransfer, Überwachung und Kontrolle, läßt sich durchaus ein erfolgreiches Geschäfts- und Lieferantenverhältnis aufbauen. Unternehmen sollten an Background-Checks, Fabrik- und soziale Compliance Audits denken, bevor es zu einer Zusammenarbeit mit einem neuen Lieferanten kommt.Bei einem Handelsvolumen von 385 Milliarden Euro im ersten Halbjahr muss die Glaubwüdigkeit von "Made in China" unbedingt restauriert werden. Für die chinesische Regierung liegen die Probleme mit der Lebensmittel- und Produktqualität primär bei der großen Zahl von Kleinbetrieben mit ungenügender maschineller Ausrüstung und beim schlechten Management. Gegen den Protektionismus von Provinzregierungen und lokaler Verwaltungen, sowie einer schlechten Durchsetzung von Gesetzen, muss mit mehr Ressourcen angegangen werden. Ausländische Unternehmen sollten die Initiative ergreifen und bei ihren Lieferanten Kontrollsysteme implementieren, bevor die erste Lieferung auf die lange Reise geht.