
Nord- und Südkorea wollen ihre Beziehungen vor allem über eine stärkere wirtschaftliche Zusammenarbeit verbessern. Beide Seiten einigten sich beim Besuch des südkoreanischen Präsidenten Roh in Pjöngjang auf mehrere Großprojekte. Besonders die Infrastruktur des Nordens wird ausgebaut und modernisiert. Viele Fragen sind aber offen, und die Reaktionen auf die Übereinkunft entsprechend zurückhaltend. Unklar ist auch, ob und inwieweit sich ausländische Unternehmen an den Projekten beteiligen können.
Die Republik Korea (Süd) und die "Demokratische" Volksrepublik Korea (Nord) wollen ihre wirtschaftliche Kooperation stark intensivieren. Hierauf haben sich die beiden Seiten beim Pjöngjang-Besuch des südkoreanischen Präsidenten Roh Moo-hyun vom 2. bis 4. Oktober verständigt. Zu den Projekten gehören unter anderem die Errichtung einer Wirtschaftssonderzone um die nordkoreanische Hafenstadt Haeju herum, die Ausweitung des Hafens Haeju, der Bau eines Werftenkomplexes in Nampo westlich von Pjöngjang, die Erweiterung des bestehenden Industrieparks von Kaesong und die Modernisierung der Bahnstrecke von Kaesong nach Sinuiju an der chinesischen Grenze sowie der Autobahn von Kaesong nach Pjöngjang.Zu den Kosten der Projekte gibt es keine einheitlichen Angaben. Das Hyundai Research Institute (HRI) hat berechnet, dass das Kooperationspaket insgesamt 11,2 Milliarden US-Dollar verschlingen werden. Allein 4,6 Milliarden US-Dollar würden auf den Bau der Haeju Special Economic Zone entfallen; weitere 2,3 Milliarden US-Dollar seien für die verschiedenen Infrastrukturprojekte zu veranschlagen. Anderen Schätzungen zufolge ist sogar mit Gesamtkosten von bis zu 60.000 Milliarden Won (46,4 Milliarden Euro) zu rechnen.Unklar ist auch die Finanzierung der Vorhaben. Zwar will die Regierung in Seoul nach Pressemeldungen auch an große internationale Organisationen wie Weltbank und IWF herantreten; doch diese dürften solchen Finanzierungswünschen angesichts der vielen politischen und wirtschaftlichen Risiken eher mit Zurückhaltung begegnen. Von daher wird das Paket nach Ansicht von Beobachtern voraussichtlich vor allem aus Staatsanleihen, möglicherweise aber auch teilweise über Steuererhöhungen finanziert.Sollten die Projekte Wirklichkeit werden, könnte die koreanische Halbinsel mit einem beträchtlichen Wachstumsschub rechnen. Der Süden erhofft sich zum Beispiel durch ein modernisiertes Transport und Verkehrssystem im Norden eine Senkung der logistischen Kosten sowie ferner neue geschäftliche Möglichkeiten für den Telekommunikations- und Finanzsektor. Nach Auffassung des HRI profitieren von den Infrastrukturvorhaben im Süden besonders das verarbeitende Gewerbe und der Dienstleistungssektor; im Norden würden die Versorgungswirtschaft und das Baugewerbe sowie die Industrie den größten Nutzen ziehen.Ungeachtet dessen äußert sich etwa die südkoreanische Großindustrie, deren Spitzenvertreter mit Roh nach Pjöngjang fuhren, gegenüber einem Engagement in Nordkorea noch sehr zurückhaltend. Gründe sind unter anderem Behinderungen in Bezug auf die Kommunikation, der sehr schlechte Zustand des Transportsektors und Schwierigkeiten bei der Zollabwicklung. Über allem steht dazu die Frage, ob es der Führung in Pjöngjang mit der Entnuklearisierung und einer Entspannung auf der koreanischen Halbinsel wirklich ernst ist, oder ob sie nur möglichst günstig an wirtschaftliche Hilfe zum weiteren Überleben herankommen möchte.Ob sich auch ausländische Unternehmen an den Kooperationsprojekten beteiligen können oder dies tun wollen, ist ebenfalls noch sehr unklar. Aus Sicht Seouls wären wahrscheinlich Investitionen in der Industriezone Kaesong am wünschenswertesten, zu denen die südkoreanische Regierung in jüngerer Zeit immer wieder aufgefordert hat. Aber auch hier gibt es eine Reihe ungelöster Fragen, so vor allem die Anerkennung von Produkten "Made in Kaesong" als südkoreanische Erzeugnisse.Grundsätzlich gilt allerdings, dass jede Übereinkunft mit Nordkorea ein Schritt nach vorne ist, denn ein Abbau der politischen Spannungen würde auch zu mehr wirtschaftlichen Kontakten führen. Hiervon könnten gerade Unternehmen aus der EU profitieren, deren Produkte und Know-how zum Beispiel in der Landwirtschaft, in der Konsumgüterindustrie und in der IT-Branche vom Norden besonders gefragt sind. Zu konkreten Geschäften dürfte es zu Anfang nur in Einzelfällen kommen; im Vordergrund steht zunächst, die Lage in Nordkorea besser kennen zu lernen, Kontakte aufzubauen und Informationen zu sammeln.