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Asien Kurier 5/2007 vom 1. November 2007
Thailand

Jammern auf hohem Niveau

Von Stefan Bürkle (AHK Bangkok)

Wenn man derzeit die Presse ? sowohl in Thailand als auch international ? liest, findet man viel negative Berichterstattung zu Thailands Wirtschaft. Angeblich läuft alles schlechter und langsamer als in den Vorjahren und die grosse Katastrophe wartet dicht hinter der nächsten Ecke.

Wie viel dies mit der Realität zu tun hat, ist eine andere Frage. Man wird hier an die deutsche Unsitte erinnert: jammern auf hohem Niveau. Tatsächlich sind die meisten Zahlen zur thailändischen Wirtschaft nach wie vor positiv. Zwar kann man nicht erwarten, dass die politische Entwicklung der letzten beiden Jahre einen Wachstumsschub hervorgerufen hätte, überraschen sollte aber die Tatsache, dass trotz politischer Unsicherheit Thailands Wirtschaft weiterhin ziemlich rund läuft. Bis zu 4,5 Prozent Wirtschaftswachstum sind für 2007 vorausgesagt - wenn auch von einer niedrigen Basis aus. Dies mag niedriger sein als das Potential des Landes, ist aber auch nicht alarmierend. Bei Wachstumszahlen darf man nicht die Liga vergessen, in der Thailand inzwischen spielt, denn das Land ist als Wirtschaftsmacht heute bereits Nummer 21 in der Welt.

Angeblich hat die politische Lage nach dem Militärputsch vom September 2006 die Konsumlust der Thais erheblich vermindert. In der Tat sind große Zuwächse derzeit nicht zu erwarten; in einzelnen Bereichen sind eher Rückgänge zu verzeichnen (die geringere Kaufneigung für Luxusautos trifft die deutsche Industrie hart). Aber gleichzeitig nimmt der Import von Konsumgütern zu (erstes Halbjahr 2007: 9%; August 2007: 13%). Hierzu gehören zum Beispiel auch Lebensmittel aus Deutschland. Noch 2006 war die Central Food Hall der alleinige Pionier für eine grosse deutsche Lebensmittelverkaufsveranstaltung unter dem Titel ?Oktoberfest?. Im laufenden Jahr sind neben der Kaufhauskette "Central" noch eine Reihe weiterer moderner Supermarktketten mit ähnlichen Veranstaltungen dabei. Mithin ist davon auszugehen, dass sich der Import deutscher Lebensmittel nach Thailand von 2005 bis 2007 nahezu verdoppeln wird. Wenn man aus Makrosicht den Index des privaten Konsums insgesamt betrachtet (Private Consumption Index), so steht dieser im August 2007 an seiner höchsten je gemessenen Position.

Private Investitionen hingegen bewegen sich auch in diesem Jahr relativ langsam und liegen nahe dem Nullwachstum. Allerdings steigt nach wie vor der Import von Kapitalgütern, zwar nur mit plus 3 Prozent im ersten Halbjahr 2007, aber immerhin schon mit plus 11 Prozent im August 2007. Sollte 2008 eine neue demokratisch legitimierte Regierung im Amt sein wird, dann werden private Investitionen wieder kräftig zunehmen. So kündigte beispielsweise die Sahviriya-Unternehmensgruppe an, ab dem kommenden Jahr etwa 11 Milliarden Euro im Stahlbereich investieren zu wollen. Weiterhin ist mit verstärkter staatlicher Investitionsneigung zu rechnen.

Die starke Entwicklung der thailändischen Währung gegenüber dem US-Dollar wird von vielen mit Sorge betrachtet. Ist doch die thailändische Wirtschaft besonders stark vom Export abhängig. Tatsächlich haben jüngste Schliessungen einzelner Werke, zum Beispiel im Textilsektor, diesen Befürchtungen Vorschub geleistet. Allerdings entwickeln sich die Exporte insgesamt nach wie vor mehr als robust, nämlich mit plus 19 Prozent im ersten Halbjahr 2007 und mit plus 18 Prozent im August 2007. Offensichtlich zeigt sich in Thailand, was sich in Deutschland, mit seiner ebenfalls starken Währung bewahrheitet hat: gute Exportzahlen sind nicht nur vom Preis, sondern auch von der Qualität, abhängig. So schlimm es für die betroffenen Mitarbeiter der geschlossenen Werke ist, muss man festhalten, dass diese Betriebe schon lange nicht mehr konkurrenzfähig waren und es eine recht billige Ausrede darstellt, diesen Umstand auf die Währungsentwicklung zu schieben. Ein Risiko für den Export jenseits der Währung ist die Wirtschaftskraft der wichtigsten Partnerländer, zu denen beispielsweise die USA gehört.

Von einzelnen Kommentatoren wird das Gespenst einer neuen Finanzkrise wie 1997/98 an die Wand gemalt. Bangkoks Immobilienboom muss hier manchmal zur Erklärung herhalten. Tatsächlich besteht aber kein Anhaltspunkt für ein solches Finanzproblem. Währungs- und Dienstleistungsbilanzen sind positiv und die Auslandsverschuldung insgesamt ist weit kleiner als die Währungsreserven des Landes. Folglich könnte selbst ein kurzfristiger Abzug ausländischen Spekulationskapitals ? anders als in den späten 1990er Jahren ? keine Finanzkrise auslösen.

Ausländische Investitionen würden kaum noch ins Land kommen, liest man zuweilen. Die Zahlen des thailändischen Board of Investment (BOI) sprechen eine andere Sprache. Nimmt man den Wert ?applications approved?, so sieht man von Januar bis August 2007 eine Wertsteigerung der ausländischen Investitionen um 31 Prozent und eine Zunahme der Zahl der dahinterstehenden Investitionsprojekte von 272 auf 307. Auch Investitionen aus Deutschland, die über einige Jahre nur gering waren, haben sich nach BOI-Angaben in den ersten acht Monaten 2007 beinahe verdoppelt. (Manchmal wird den Zahlen des BOI die Analyse der Nettokapitalflüsse durch die Bank of Thailand entgegengehalten. Diese hat allerdings schwerwiegendere methodische Schwachstellen als die BOI-Statistik. Dennoch sei festgehalten, dass das erste Halbjahr 2007 beim Vergleich der Nettokapitalflüsse niedrigere Investitionswerte zeigt als das absolute Rekordjahr 2006 mit seiner riesigen singapureanischen Investition, aber höhere Zahlen als das Vergleichsjahr 2005). Bedenklich stimmen mag hingegen, dass Zusatzinvestitionen bestehender Investoren stärker sind als komplette Neuinvestitionen. Wer bereits in Thailand ist, baut sein Engagement aus; neue Investoren werden zuweilen durch die Presseberichterstattung abgehalten. Beispiele für im Oktober 2007 angekündigte Reinvestitionen für das Jahr 2008 - alleine in der Automobilindustrie - sind Auto Alliance Thailand (Joint Venture von Ford und Mazda) mit 500 Millionen US-Dollar und Honda mit etwa 380 Millionen US-Dollar. Die Pläne verwundern aufgrund der guten Bedingungen in Thailand nicht. So sieht die Weltbank beispielsweise Thailand in der eben erschienenen Neuausgabe 2008 ihrer jährlichen Studie über die Bedingungen zur Wirtschaftstätigkeit in unterschiedlichen Ländern (?Doing Business?) auf fünfzehnt bester Position weltweit (siehe Tabelle).

Auch Thailands Handel mit Deutschland entwickelt sich zur Zeit positiv mit einem Zuwachs von etwa 11 Prozent im bilateralen Handel in 2007 (Thailands Export nach Deutschland: +14%; Import aus Deutschland: +7%). Erstmalig wird in diesem Jahr die 5 Milliarden Euro-Grenze im bilateralen Handel deutlich überschritten.

Ein interessanter und oft übersehener Bereich der bilateralen Wirtschaftsbeziehungen ist thailändischer Tourismus nach Deutschland, der höchst beachtliche Zuwachsraten zeigt. Die Zahl thailändischer Reisender nach Deutschland hat sich innerhalb von nur drei Jahren vom 46.000 (2003) auf 68.000 (2006) entwickelt. Kein anderer asiatischer Herkunftsmarkt weist ähnliche Wachstumsraten auf. Thailand ist Deutschlands drittwichtigster asiatischer Herkunftsmarkt für Reisende. Thailändische Touristen bleiben nicht nur lange im Land, sondern geben auch viel Geld aus (2006: etwa 140 Mio. Euro).

Im kommenden Jahr werden sich die kleinen Schlechtwetterwolken über Thailands Wirtschaftshimmel (die ? wie angedeutet ? manchmal fälschlich als schwerer Tropensturm beschrieben werden) verzogen haben. Es dürfte wieder mehr investiert und konsumiert werden.

Die großen deutschen Veranstaltungen kommen daher zur rechten Zeit. Zum neunten Mal findet vom 13. bis 16. November 2008 das Deutsche Technology-Symposium nebst Ausstellung (GTS08) statt. Von der AHK Bangkok und der deutschen Botschaft organisiert, präsentieren sich schwerpunktmässig Unternehmen aus den Branchen Maschinen- und Anlagenbau, Elektrik und Elektronik, Chemie, Bauindustrie, Umwelt, Verpackung, Materialwissenschaft und Transport mit Messeständen und Fachvorträgen. Thailändische Studenten dürften sich primär für den Bildungssektor interessieren, der mit Ständen deutscher technischer Hochschulen und dem Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD) präsent sein wird.

Vor dem Hintergrund zunehmender Exportzahlen thailändischer Produkte nach Deutschland und der Reisefreudigkeit der Thais, findet erstmals die parallele Veranstaltung "Lifestyle & Travel 2008" statt. Deutsche Konsumgüter: Moderne Wohnungseinrichtung und Gebrauchsgüter, Mode, Kosmetik, sowie Alles rund um den gedeckten Tisch, werden auch die erwarteten Fachbesucher und Entscheidungsträger aus Thailand und den Nachbarstaaten interessieren.





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