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Asien Kurier 6/2007 vom 1. Dezember 2007
Thailand

Abschied eines Wirtschaftsaktivisten

Gespräch mit Dr. Paul Strunk, Geschäftsführer der deutsch-thailändischen Auslandshandelskammer

Von Horst Rudolf

Schreibt man nicht zur Ernennung, sondern zur Pensionierung eines bekannten Unternehmers, oder besser Unternehmensberaters, einen ?Nachruf?, muss es triftige Gründe geben - vor allem will der Asien Kurier als schnelles Internet-Medium seine Leser nicht mit dem üblichen Nachlesen langweilen.

Doch im Fall von Dr. Paul Strunk, der in Thailand und auch in den Nachbarländern der Region als AHK-Geschäftsführer in Bangkok sehr vielen Deutschen (und bei weitem nicht nur diesen) bekannt ist, fragten eine ganze Reihe von Lesern, ?was wussten wir eigentlich über den Mann?? - zumal dieser - wer rastet, der rostet - schon einen neuen Vertrag als juristischer Berater in der Tasche hat.

Die Antwort: eigentlich wenig, auch wenn natürlich die meisten deutschsprachigen Unternehmer in Thailand wissen, was er in den 19 Jahren an und aus der Kammer gemacht hat. Aus der häufig gesichteten Farbe seines Anzugs könnte man schliessen, der promovierte Jurist sei eine typische ?Graue Eminenz? gewesen. Doch dazu ist er zu leutseelig, wenn er bei den zweimonatlichen Businesstreffen im Bangkoker Restaurant ?Bei Otto? zwischen den vielen Graugezwirnten zirkuliert.

?Nein?, meint ein Kleinunternehmer, ?Dr. Strunk hätte auch Botschafter werden können?. Doch da kontert der Betroffene: ?Botschafter? Nein, ich arbeite lieber im Mikrobereich?. Priorität für das Professionelle und Bescheidenheit aus Überzeugung sind sicher Eigenschaften, die er nicht ganz leugnen kann.

Der Grund, über Paul Strunk etwas zu schreiben, was auch Leser ausserhalb Thailands interessiert, ist derselbe, der ganze Scharen von Praktikanten in das ?GTCC?, das German-Thai Chamber of Commerce an den Chao Phraya River zieht - sofern sie einen der begehrten Plätze ergattern: Den Horizont über Deutschland hinaus in eine der dynamischsten Wachstumsregionen der Erde zu erweitern. Und vielleicht darüber nachzudenken, warum ausgerechnet ein deutscher Akademiker der ?alten Schule? gerade in Asien erfolgreich war.

Niemand weiß, warum es nach wie vor eine nennenswerte Anzahl ?braver deutscher Juristen?, denen man eher konservative Lebensweisen unterstellt, in die heißen Ecken der Welt zieht. Der Student Strunk war mehr als brav: Nachdem er in Köln mit dem Jura-Studium begonnen hatte - wie damals üblich angereichert mit BWL und VWL - absolvierte er das Erste Staatsexamen in Freiburg und das Zweite in Stuttgart - als Nummer 1 von 250 Konkurrenten.

Folgerichtig engagierte ihn eine renommierte Kölner Kanzlei und übertrug dem jungen Aufsteiger erst einmal die heißesten Kartoffeln am anderen Ende der Welt, wie die laufenden Verfahren um ?El Teniente? in Chile. Damit war schon das erste Auslandsblut geleckt; danach wurden Praktika in Lissabon, Pescara (Italien) und absolviert, um das aufkeimende Interesse für internationalen Rechtsvergleich umzusetzen.

Zwei Jahre später, anno 1972, lockte dann erstmalig das ?Grosskapital? als juristische Herausforderung. In der Mannesmann-Zentrale in Düsseldorf wurde es gleich spannend: Vertragsentwürfe für die Irak-Türkei Öl-Pipeline, große internationale Ausschreibungen, und immer im Team mit Kostenrechnern und Technologen.

Es ging nach Osteuropa und Indien, neue Felder für einen jungen Juristen - bis zu dem Tag, vielleicht auch nach vielen Reisen in die Dritte Welt - als nach acht Jahren Einsatz für einen ?kapitalistischen Konzern? plötzlich die Erkenntnis durchbrach, dass es sich, wie er sagt ?zwar gut für die Reichen arbeiten läßt, aber auch arme Menschen sympatisch sind.?

Natürlich wurde aus dem inzwischen erfahrenen Juristen kein Armenhelfer im afrikanischen Busch, aber eine Stelle als Entwicklungsberater für die UNO-Wirtschafts- und Sozialkommission für Asien Pazifik (ESCAP) in Thailand im Auftrag des deutschen Entwicklungshilfeministeriums (BMZ) konnte er nicht abschlagen - zumal 1980 deren Hauptquartier im brodelnden Bangkok eine faszinierende Startposition darstellte.

Der wohl interessanteste Auftrag und Höhepunkt der UNO-Karriere war - trotz politischer Blockade durch die US-Amerikaner - als erste ?Langnase? 1987 das wieder auferstehende Vietnam zu beraten, noch bevor die GTZ oder gar die KfW auch nur an einen Einstieg in das vom Krieg zerrütteten Land dachten. Und hier wurde Paul Strunk nun doch zum idealistischen Entwicklungshelfer. Denn im saisonal kalten Hanoi gehörte zum Überleben, dass man sich mit der ?Triumph-Gabriele? Reiseschreibmaschine auf einem Brett auf den Rand der Badewanne setzte, um durch das heiße Wasser die nächste Erkältung zu bekämpfen.

Doch nach den Jahren als UNO-Experte kam das - damals überraschende - Angebot, die Führung der deutsch-thailändische Handelskammer in Bangkok zu übernehmen, gerade recht. Denn Dr. Strunk hatte inzwischen für sich beschlossen: ?Ich wollte deutsch bleiben und nicht auf ewig die Diplomatensprache der UNO praktizieren?.

Damals schien es auch, dass bei der Kammer in Bangkok mal wieder die Zeit für einen ?Manager? reif war, der juristische Klarheit und deutsche Organisation in den Vordergrund stellt, ergänzt durch die umfassende Erfahrung in einer internationalen Behörde, deren komplizierter Zusammenhalt vor allem durch weltweit geltende Spielregeln garantiert wird.

Eigentlich ein seltener Fall, dass der richtige Mann zur richtigen Zeit am richtigen Platz eine Funktion übernimmt, die auf ihn zugeschnitten war. Doch in den folgenden Jahren Jahren räumte der promovierte Akademiker mit dem Hang zur handfesten Praxis nicht nur in der Kammer auf.

Er hatte auch reichlich Gelegenheit, Neues und Konstruktives zu gestalten, wie den Ausbau einer inzwischen überregional bekannten Messeveranstaltung, auch wenn sie immer noch unter dem Titel ?GTS? für ?German-Technology-Symposium? firmiert - das nächste Mal im November 2008. Ein Höhepunkte der Karriere war die Asien-Pazifik-Konferenz der Deutschen Wirtschaft im Jahre 2004, die Dr. Strunk weit mehr als lobende Worte des deutschen Wirtschaftsministers einbrachte und an der mehr als 800 hochrangige Vertreter aus Wirtschaft und Politik teilnahmen.

Doch der rührige ?Pensionär? mit dem ereignisreichen aber makellosen Lebenslauf sieht das heute fast aus buddhistischer Sicht: Für ihn waren die Jahre in Thailand nicht nur Herrenjahre, sondern vor allem Lehrjahre, in denen er verstand, dass eine ausgewogene Sicht der Dinge, das positive Denken der Thais und die Klugheit, nicht alles auszusprechen (auch wenn man es besser weiß) keine Beschränkung, sondern eine Bereicherung der deutschen Lebensweise darstellt.





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