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Asien Kurier 1/2008 vom 1. Januar 2008
Indien

Probleme erkannt, Lösungen angestrebt

Von Ansgar Sadeghi

Eine Produktionsstätte irgendwo im indischen Puna. Die Produktion läuft auf Hochtouren, die Arbeiten sind aufeinander abgestimmt, die Auftragslage ist gut. Dann jedoch fällt der Strom aus; eine unfreiwillige Pause entsteht. Europäische Controller würden wohl angesichts der Kosten, welche die Ausfallzeit verursacht, die Hände über dem Kopf zusammenschlagen.

In Indien nimmt man die Dinge etwas gelassener. Stromausfälle sind überall im Land auch für Produktionsunternehmen keine Seltenheit. Aber man ist sich sehr wohl bewusst, dass die Stromversorgung ein großes Problem darstellt, das der Lösung bedarf. Und die darf ruhig auch einmal innovativ sein.

Es besteht dringender Handlungsbedarf: Manch ein potentieller Investor betrachtet ängstlich die Zahlen: 10 bis 15 Prozent ? so der Jahreswirtschaftsbericht Indien (2006/2007) der deutschen Botschaft in Neu Delhi ? beträgt die durchschnittliche Versorgungslücke bei der indischen Stromerzeugung. Von den im zehnten Fünfjahresplan anvisierten 60.000 Megawatt zusätzlich bereitgestellter Stromenergie konnten bis 2007 zum Ablauf des Fünfjahresplans nur 30.000 Megawatt realisiert werden. Ganz ohne Hilfe wird Indien seine Probleme in der Stromversorgung wohl nicht lösen können. Nach Angaben der Deutschen Botschaft werden in nächster Zeit 220 Milliarden Euro für Investitionen in Indiens gesamte Infrastruktur veranschlagt. 40 Prozent dieser Summe müssen voraussichtlich im Rahmen von Public-Private-Partnerships aufgebracht werden. Indiens Stromproduktion ist auf dem Weg zu einer verstärkten Privatisierung. Mehrere Faktoren erschweren jedoch die Realisierung privater Initiative im Energiesektor. So wird beispielsweise die Landwirtschaft oftmals durch kostenlose Elektrizität subventioniert. Für private Finanzierer, die mit ihren Investitionen Geld verdienen müssen, mag dies schwer zu tragender Ballast sein. Andererseits unterstützt diese Subvention gerade die armen ländlichen Bevölkerungsgruppen. Hier müssen Indiens Regierungsverantwortliche abwägen und den schmalen Grad für einen Mittelweg zwischen privatwirtschaftlichen Interessen und einer Energiepolitik zum Wohle aller, finden.

Die indische Regierung hat den Handlungsbedarf erkannt: Handels- und Industrieminister Kamal Nath zufolge genießt die Entwicklung der Infrastruktur ?höchsten Vorrang?, wobei nicht alleine die geplanten Ausbauten von Flughäfen und anderer Großprojekte gemeint sind, sondern auch die Förderung der oftmals vernachlässigten ländlichen Regionen. Dass zur Lösung von Infrastrukturproblemen sehr unterschiedliche Ansätze existieren, zeigt der Energiesektor deutlich. Neun Großkraftwerke, so genannte ?Ultra Mega Power Projects?, sind zurzeit in der Planung. Die Regierung setzt auf einen Energiemix: Bedeutendster Energielieferant ist und bleibt in Indien die Kohle. Auch die Kernenergie spielt bei Lösungsansätzen für die Stromversorgung eine Rolle, wenngleich bisher nur etwa drei Prozent des Energiebedarfs mit ihr gedeckt werden. Indien setzt jedoch auch auf regenerative Energien: Das Land ist weltweit viertgrößter Windenergie-Produzent und rangiert bei Biogasanlagen an zweiter Stelle. Klimaschutz ist auch bei Indiens Energieversorgung ein Thema: Allerdings wägt die Regierung stets ab, inwieweit der Klimaschutz den wirtschaftlichen Aufschwung gefährden könnte. Die Optimierung der Stromversorgung hat Priorität und im Zweifelsfall ? wenn keine umweltverträglichen und wirtschaftlichen Lösungen gefunden werden ? dürfte dem Klimaschutz wohl die geringere Bedeutung beigemessen werden. Laut der Entwicklungsbank der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) könnte das südasiatische Land bis zum Jahr 2015 weltweit drittgrößten CO2-Emittenten werden. Der notwendige Aufbau der Stromversorgung in Indien bietet also Risiken und Chancen zugleich; Chancen, Wege zu finden, Wirtschaftlichkeit, Klimaschutz und eine Verbesserung der Lebensqualität vieler Inder miteinander zu verbinden.

Hilfe, um diese Chancen zu verwirklichen, kommt auch aus Deutschland. Im Jahr 2008 zahlt das Bundesentwicklungsministerium 72 Millionen Euro für ?die Förderung Klima schonender Energieversorgung und zur Stärkung des Umweltschutzes?. Ein konkretes und vom Ministerium unterstütztes Projekt ist etwa der Anbau einer Pflanze namens Jatropha curcas, deren Samen Öl für die Produktion von Biodiesel enthält. Das Projekt finanziert mit insgesamt 1,105 Millionen Euro unter anderem den Bau von Ölpressen. Und es unterstützt Kleinbauern im Bundesstaat Andhra Pradesh mit Beratung, Ausbildung und Training dabei, ihre Arbeit auf den Anbau der Ölpflanze umzustellen. Aber deutsche Unterstützung konzentriert sich nicht allein auf regenerative Energien. Sie darf es nicht, weil diese Energien stets nur einen Teil der Gesamtlösung darstellen können. Die KfW-Entwicklungsbank fördert deshalb unter anderem die Energieeffizienz thermischer Kraftwerke. Turbinen und Kessel sollen modernisiert werden, bevor kleinere Maßnahmen die Sanierungsarbeit ergänzen. Ziel ist hierbei eine verbesserte Nutzung von Energieträgern wie Kohle, sodass der Brennstoffeinsatz vermindert werden kann. Das dient der Umwelt ebenso wie der Wirtschaftlichkeit in der Energieversorgung und kommt allen zugute: Unternehmen in Indien, dem Klimaschutz und nicht zuletzt: auch der Bevölkerung des Landes.





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