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Asien Kurier 2/2008 vom 1. Februar 2008
Macao

Asiatischer Zocker-Kapitalismus

Von Horst Rudolf

Am 20. Dezember 1999 war es soweit. Ebenso wie schon vorher die britische Kronkolonie Hongkong wurde auch die kleine Halbinsel an der Mündung des Perlenflusses als Sonderverwaltungsgebiet dem mächtigen Nachbarn China einverleibt - wenn auch mit ein paar autonomen Rechten.

Das bekannteste hat sich sehr schnell weltweit herumgesprochen: Macao ist die asiatische Zocker-Konkurrenz zum amerikanischen Las Vegas. Und glaubt man den Statistiken, dann werden hier bereits Umsätze an den runden oder viereckigen Tischen gemacht, die Las Vegas aufhorchen lassen. Doch für die Mehrzahl unserer Leser, die noch nicht ihr Glück in der neuen Spielstadt versucht haben, wollen wir die Eindrücke einer kürzlichen Reise in die ehemalige Kolonie Portugals schildern.

Zuerst: Versuchen Sie lieber nicht, an Weihnachten oder Neujahr oder gar am 7. Februar, dem chinesischen Neujahrstag, zu den gut 500.000 Einwohnern auf gerade mal 25 Quadratkilometern einzureisen, es sei denn, Sie haben früh Ihre Fähre oder den Flug gebucht und vor allem gute Nerven. Denn ein paar Millionen Festlands-Chinesen haben sicherlich dieselbe Idee.

Falls Sie es schaffen, noch einen Platz auf einer der Schnellfähren aus Hongkong, die im halbstündigen Rythmus aus Kowloon oder von der Hauptinsel nach Macao rasen, zu ergattern, fängt das Abenteuer erst an, obwohl die Überfahrt mit nummerierten Sitzplätzen und Bordverpflegung die gut einstündige Fahrt sehr zivilisiert beginnen läßt. Doch im Terminal-Gebäude ist der Traum von einem goldgeränderten Urlaub erstmal unterbrochen.

Denn vor Ihrer Idee, einen exotischen Casino-Urlaub fernab der Sicherheits-besessenen und daher nicht mehr so gastfreundlichen USA in einem Fünf-Sterne-Hotel, wie dem ?Venetian Macao Resort? zu erleben, stehen erst einmal mindestens 30 Reihen à 50 Meter vor allem chinesischer Mitreisender. Das bedeutet bei zügiger Abfertigung - falls Sie das Ende irgendeiner Schlange richtig identifiziert haben und nicht einfach weitergeschoben werden - erst einmal eine Stunde Geduld innerhalb eines völlig überfüllten Abfertigungsraumes.

Danach kommen Sie in die ?Bahnhofshalle?, ohne den geringsten Glamour, aber mit vielen geschäftstüchtigen Reiseveranstaltern, die Ihnen nicht nur eine sofortige Stadtrundfahrt verkaufen, sondern Sie vor allem davon abhalten wollen, ein Rückfahrtticket für den Abend oder die Nacht zu buchen - ohne das Sie die Insel sowieso nicht mehr verlassen können, denn die abendlichen Warteschlangen zurück nach Hongkong - für alle, die das Geld für die Hotelübernachtung nicht er-, sondern verspielt haben, sind legendär.

Doch nehmen wie lieber an, Sie gehören natürlich nicht zu den ?Tagesspielern?, sondern wollen tatsächlich im neuesten Super-Luxus-Hotel der Stadt, dem ?Venetian? absteigen. Bei happigen Baukosten von 1,6 Milliarden Euro wird Ihnen nicht nur das absolute Las-Vegas-Feeling geboten, sondern natürlich auch die Luxuskarosse vom geschäftigen Terminal.

Was dann kommt, ist natürlich vom Feinsten, den die Chinesen haben westliche Vorbilder nicht nur bei Computerteilen und Plastikprodukten längst überholt, sondern sind fest entschlossen, als Meister des schnellen Geldes auch auf den Casino-Sektor Geschichte zu schreiben. Eigentlich müßte man sie dafür sogar loben, denn bevor die Kleinkolonie vereinnahmt wurde, war sie bereits fest in der Hand des Monopols ?Sociedade de Jogos de Macau?, das vom Immobilien-Mogul Stanley Ho von Hongkong aus kontrolliert wurde - und wegen heftiger Prostitution, Schwarzmarktgeschäften, brutaler Gangs und natürlich Glücksspielern berüchtigt war.

Tatsächlich ist das Aufräumen dieser Exzesse und der Übergang zum ?geregelten Zocker-Kapitalismus? erfolgreich verlaufen. Schade ist nur, daß mit zigtausenden (chinesischen) Besuchern täglich die wenigen verbliebenen portugiesischen Kleinode an Kirchen, kulturellen Bauten und alten Häusern fast unter den Menschenmassen und MacDonalds verschwinden. Ihr Überleben verdanken sie sicher nur der rechtzeitigen Erkenntnis, daß ?Geschichte? auch einen monetären Wert hat und von Touristen aus aller Welt gerade im kolonialen Macao gesucht wird.

Kein Wunder, denn im Gegensatz zu Las Vegas, wo jetzt nach etwa vierzigjähriger Existenz die Infrastruktur und das Stadtbild einen gewissen Grad der Logik und zumindest einer speziellen Form verrückter Ästetik erreicht haben - ist man in Macao noch lange nicht soweit.

Denn die wunderbaren Luxushotels und blinkenden Spielhöllen sind keiner planerischen Logik, sondern wahrscheinlich den Immobilienpreisen und anderen Zufällen gefolgt - Chaos pur. Kann man in dem, was von der ?Altstadt? noch erhalten ist, am Abend noch einigermaßen gepflegt schlendern - natürlich mit Menschenmassen, die Palma de Mallorca im Juli entsprechen - dann bewegt man sich vom ?Venetian? zum ?Sands Macao? lieber im Taxi. Denn zwischen einigen der Hotelpaläste liegt - nichts.

Doch auch dies wird sich bald ändern, denn die Immobilienlöcher sollen in wenigen Jahren mit Investitionen in Höhe von 14 bis 30 Milliarden Euro gefüllt werden; entsprechend etwa dem Bruttosozialprodukt von Myanmar, Kambodscha und Laos zusammengenommen.

Daher die Empfehlung an unsere Leser: Haben Sie Kapital? Dann investieren Sie schnell noch im Macao-Boom! Haben Sie (nur) Geld? Dann fahren Sie lieber nach Las Vegas oder nach Lissabon - und in einigen Jahren dann nach Macao.





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