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Asien Kurier 4/2008 vom 1. April 2008
Indien

Mächtiger Auftrieb

Von Tanja Busch

Tulsi Tanti war die ständigen Stromausfälle leid. Also kaufte der Unternehmer 1994 zwei Windräder für seine Textilfabrik im Bundesstaat Gujarat und stieg ein Jahr darauf mit seinen drei Brüdern selbst ins Geschäft ein: Er besorgte Anlagen der deutschen Windturbinenfirma Südwind und bot Kunden als Erster in Indien schlüsselfertige Windkraftanlagen an ? ein weltweit einzigartiges Modell, dass sich auf dem Subkontinent durchgesetzt hat: Hersteller suchen die Standorte, kaufen Land, verhandeln mit den Netzgesellschaften und warten die - oft entlegenen - Anlagen.

Heute ist Suzlon weltweit der fünftgrößte Hersteller von Windturbinen und Marktführer in Asien. Auf dem Subkontinent, östlich von Mumbai bei Dhule, entwickelt die Firma derzeit den weltweit größten Windpark mit einer Kapazität von 1100 Megawatt (MW). Dort hat auch kürzlich der britische Energiekonzern BP mit einer 40 MW-Anlage sein erstes Windkraftprojekt in Asien umgesetzt.

Indien ist einer der wachstumsstärksten Märkte für Windenergie, hat eine Erhebung des dänischen Beratungsinstituts BTM Consult ergeben. Mit einer installierten Neuleistung von 1700 MW in 2007 rangiert das Land hinter den USA, Spanien sowie China auf Platz vier ? und knapp vor Deutschland mit einem Zubau von 1667 MW. Auch hinsichtlich der Gesamtleistung liegt Indien mit rund neun Gigawatt (GW) weltweit auf dem vierten Rang. ?Indien hat als Windkraftstandort ein viel größeres Potential als Deutschland, schon aufgrund seiner Größe - das Land ist fast zehnmal so groß und hat mehr als zehn mal so viele Einwohner. Es ist kein Grund abzusehen, warum sich das Wachstum abschwächen sollte?, sagt Stefan Gsänger von der World Wind Energy Association (WWEA).

Eine Ursache des Aufwinds ist die drohende Energieknappheit, vor allem an fossilen Rohstoffen. Gleichzeit wächst der Energiehunger: ?Indien braucht dringend neue Energiequellen, um sein hohes wirtschaftliches Wachstum aufrechtzuerhalten?, sagt Ramesh Kymal, Geschäftsführer des Windanlagenherstellers Vestas India. Zur Überwindung der Energiekrise will Indien den Anteil der erneuerbaren Energien an der gesamten Stromerzeugung von sieben Prozent auf ein Zehntel in 2010 erhöhen und auf ein Fünftel in 2020.

Ein wichtiger Hoffnungsträger ist dabei die Windenergie. Schon heute wird Dreiviertel der alternativen Energie in Indien mit Hilfe von Windkraft erzeugt, was nach Angaben der Beratungsgesellschaft KPMG im weltweiten Vergleich überproportional hoch ist.

Anteil an der Vorreiterrolle hat neben Pionier Tanti auch die Regierung, die schon 1992 ein extra Ministerium einrichtete: Das Ministerium für neue und erneuerbare Energie kümmert sich darum, dass vermehrt Alternativen zu Kohle, Erdgas oder Öl eingesetzt werden. Florian Kieck von der Beratungsfirma Southasia Consulting sieht darin vor allem ein ökonomisches - weniger ein ökologisches - Anliegen. ?Es geht der Politik in erster Linie um eine bezahlbare Versorgung für alle Bewohner des Landes?, sagt er.

Das Ministerium schätzt allein das Potential der Windkraft auf 45 GW. Um mehr Windenergie zu produzieren, bietet die Regierung Investoren zahlreiche Sonderkonditionen wie niedrige Importzölle, kostengünstige Kredite und Steuererleichterungen. Hinzu kommen Förderungen der einzelnen Bundesstaaten, die allerdings sehr unterschiedlich liberal sind. Und so produziert allein Tamil Nadu über die Hälfte an Windkraft in Indien, vor allem an den windigen Küstenregionen im Südteil der Region.

Die guten Förderbedingungen der Politik sorgen dafür, dass heute rund 95 Prozent der Investitionen in die Windenergie aus dem privaten Sektor stammen - überwiegend von Firmen, die einen hohen Energieverbrauch haben und für den Eigenbedarf produzieren. Die Betriebe können sich dadurch einerseits von den relativ hohen Strompreisen, die die bundesstaatlichen Stromversorger von Gewerbetrieben verlangen, unabhängig machen. Andererseits werden sie so bei Strommangel als letzte vom Netz genommen.

Das sind gute Aussichten für die rund 15 Windkrafthersteller auf dem Markt, wobei etliche auf den technologischen Vorsprung in Deutschland setzen. So lässt etwa Marktführer Suzlon sämtliche mechanische Komponenten in Berlin, Hamburg und Rostock entwickeln. In Hamburg soll nächstes Jahr ein weiteres Forschungs- und Entwicklungscenter entstehen. Und Enercon India, mit einem guten Viertel die Nummer 2, profitiert vom Wissen der Auricher Mutter.

Neu in den Markt einsteigen will der deutsche Hersteller Kenersys, der in Münster vormals als RSB Consult Windkraftanlagen konstruiert hat und 2007 von der indischen Kalyani Group übernommen wurde. Zu dem Industrieunternehmen gehört auch die Stahlschmiede Bharat Forge. ?Die ersten Windräder werden wohl 2009 fertig sein?, erzählt Andreas Reuter, Geschäftsführer von Kenersys. Experten rechnen damit, dass indische Unternehmen weitere deutsche Ingenieurbüros übernehmen werden, um so vom westlichen Know-how zu profitieren. Noch ist Indien Nettoimporteur von Windkraftanlagen und deren Komponenten.

Neben der Anlagentechnik wenden mehrere Bundesstaaten nach deutschem Vorbild das Förderprinzip des Erneuerbare-Energien-Gesetzes an. Karnataka, Uttar Pradesh und Uttataranchal zum Beispiel zahlen einen festen Einspeisetarif für Strom aus erneuerbaren Energien. Anlagenbetreiber bekommen für jede Kilowattstunde Strom aus Ökoquellen einen festgesetzten Geldbetrag - und erhalten dadurch Investitions- und Kalkulationssicherheit. ?Wenn möglichst viele Bundesstaaten einen festen Einspeisetarif über einen bestimmten Zeitraum einführen würden, könnte der indische Markt noch stärker wachsen?, schätzt Gsänger vom WWEA. ?Eine einheitliche Regelung in Indien wäre daher optimal.?

Investoren im Windkraftgeschäft haben derzeit noch mit anderen Problemen zu kämpfen: Der Landkauf wird immer schwieriger. ?Die lohnenden Standorte für Großprojekte werden knapp?, hat Kieck festgestellt. Da es mittlerweile detaillierte Windkarten für die meisten erschlossenen Küstenregionen gebe, seien die Grundstückspreise um ein Vielfaches gestiegen. ?Zuvor problemlose Verhandlungen gestalten sich plötzlich recht kompliziert, weil die Landeigentümer mehr Geld fordern?, erzählt Kieck. ?Die Projekte werden dadurch fast unfinanzierbar.? Auch Kenersys-Geschäftsführer Reuter hat festgestellt: ?Der Landerwerb ist extrem mühselig. Es gibt häufig Hunderte von angeblichen Eigentümern. Es muss aufwendig geklärt werden, ob denen tatsächlich das Land gehört.?

?Windmogul? Tanti ist längst über seine Heimat hinaus in den USA und Europa aktiv. Die Beratungsgesellschaft The Boston Consulting Group nahm seine Firma im Dezember erstmals in ihre Liste der 100 ?New Global Challengers? auf, die als umsatzstarke Konzerne aus den Schwellenländern die - oft westlichen - Marktführer bedrohen. Tanti hatte mit der Übernahme des Hamburger Windanlagenherstellers Repower für 1,3 Milliarden Euro in 2007 sein Vorhaben bekräftigt, zu den wichtigsten Mitbewerbern wie die dänische Vestas aufzuschließen. Im Februar dieses Jahres versuchte Suzlon Medienberichten zufolge, Repower-Technologie nach Indien abzuziehen, was der indische Konzern jedoch dementierte. Ein Ziel bleibt: Suzlon will zu den drei größten Windkraftherstellern der Welt gehören.

 

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