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Thailand hält seit vergangener Woche wieder einmal den Weltrekord in Leichtlebigkeit und Optimismus. Während nach einer ersten Hochrechnung der Weltbank weltweit etwa 100 Millionen Menschen von den plötzlichen Preisschüben des Grundnahrungsmittels Reis bedroht sind, freut sich der thailändische Handelsminister Mingkwan Sangsuwan, dass es nun mit der Wirtschaft des Landes rapide aufwärts gehen werde. Ein massiver Konsumschub soll folgen, da der Minister ein Viertel seiner Mitbürger als Reisbauern identifiziert hat, und bald werde das Land und vielleicht die ganze Region durch Reisexporte vielleicht so reich, wie den Nahen Osten.
Nun, die Thais haben gerade ihr "Songkran", das karnevaleske Neujahrsfest und massiven Alkohol-Konsum hinter sich und außerhalb der Hauptstadt sieht man die Situation mehr als nüchtern. Denn wenn die Medien weltweit Hunger-Demonstrationen in Ländern wie Haiti, Indien, Bangladesch, Mexiko, Ägypten, Kamerun und sogar auf den Philippinen zeigen, hat das Feiern wohl ein Ende. Denn inzwischen hat auch der Generalsekretär der Vereinten Nationen - selbst ein Asiate - die Krise beim Namen genannt. Denn innerhalb weniger Wochen hat sich auf den Märkten für Reis etwas ereignet, wofür die Rohölmärkte Jahre brauchten: die Preise haben sich in kurzer Zeit massiv nach oben verschoben, teilweise um bis zu 100 Prozent. Gerade die Kurzfristigkeit der Entwicklung hat bei den Betroffenen Panik und bei den internationalen Beobachtern die Befürchtung einer akuten Krise aufkommen lassen. Denn Reis als Nahrungsmittel der Massen ist der ?Symbolmarkt? für ?Soft Commodities?. Hinter der jüngsten Krise steckt jedenfalls mehr, als Nachfrage und Misswirtschaft. Die ebenso dümmliche Feststellung des neuen thailändischen Premierministers Samak, alles sei eine Frage von Angebot und Nachfrage, und die Thailänder sollten weniger Reis konsumieren, um den Reisbauern durch verstärkte Exporte endlich höhere Einkommen zu garantieren, liegt auf dem Niveau seines Ministers - er sollte lieber die Nachrichten verfolgen. Denn schon die Nennung der Philippinen ? jahrelang ein wichtiger asiatischer Reisexporteur ? zeigt, dass es keineswegs eine eindimensionale oder gar einfache Erklärung gibt. Denn obwohl die Krise für Außenstehende überraschend und massiv ausgebrochen ist, sind ihre Ursachen im Gegensatz dazu zumeist langfristiger Natur ? und vor allem extrem vielfältig. Und es wird möglicherweise noch schlimmer kommen, denn die Reiskrise ist nur eine aktuell in den Blick der Welt geratene Krise. Denn bereits seit Monaten schwelen Getreidekrisen, Stahlkrisen und andere Rohstoffmangel-Krisen, die nicht nur die armen Bewohner der Welt betreffen, sondern auch die besser versorgten - die Rohstoffinflation wird zur allgemeinen Inflation, bei Gütern, aber auch bei Dienstleistungen. Die ?logischen? Gründe für die Kapriolen der (Reis)preise sind bekannt: - Verstärkte Nachfrage aus Wachstumsregionen wie China und Indien und vor allem die Verschiebungen im Konsumverhalten von deren Bürger. Doch schon das Beispiel China zeigt, dass der Teufel im Detail steckt. Denn wer weiss schon, dass das Hauptnahrungsmittel armer Chinesen nicht Reis, sondern Nudeln war, und dass mit steigendem Wohlstand nicht nur mehr Chinesen, sondern auch deren circa 250 Millionen Haustiere inzwischen Reis (fr)essen? - Ein seit Jahren aufgebauter Kostendruck (cost-push), der sich aus steigenden Energiepreisen entwickelt hat. Die Inflation der Öl- und Gaspreise ist insofern besonders hinterhältig, als ihre Effekte über die Herstellungs- und Transportkosten sich auf fast alle Produkte (z.B. Düngemittel) und Dienstleistungen übertragen. - Ein weltweiter Konjunkturaufschwung, nicht nur in den neuen riesigen ?Tigerstaaten? wie Indien, China, Russland und den Golfstaaten, sondern bis vor kurzem auch in den USA und Europa, was bis zum vergangenen Jahr die Kaufkraft und damit auch die Preistoleranz der Konsumenten erhöhte. - Der überstürzte weltweite Umstieg auf Ethanol und andere Agrarderivate hat nicht nur Knappheiten entstehen lassen, sondern vor allem dazu beigetragen, Produkte der Grundernährung, wie Mais, Getreide und Reis zu Handelswaren umzufunktionieren, die sich nicht mehr am Nahrungsbedarf, sondern am Ölpreis orientierten. Eigentlich wollte man das Klima retten, nun nennen es die Experten wie der UNO-Agrarpabst Jean Ziegler und der Finanzspezialist Rick Sentelli von der Warenterminbörse CBOT in Chicago plötzlich den "Ethanol-Wahnsinn?. Zu diesen Faktoren hat sich ein neues "Gift" gesellt, für das die Professoren der Volkswirtschaft noch keine Theorien in ihren Lehrbüchern haben. Nach der Planwirtschaft und der Ausbreitung der verschiedenen Formen der Marktwirtschaft im Rahmen der Globalisierung gibt es nun eine neue internationale Variante: die "Spekulationswirtschaft" - die weiterhin schwelende Welt-Finanzkrise lässt grüßen. Seit wenigen Jahren beobachten wir Öl- und Gaspreise, bei denen auch Fachleute nicht mehr sicher sagen können, ob deren Höhe durch tatsächliche Relationen von Angebot und Nachfrage bestimmt werden, oder ob spekulative Engagements in unbekannter Größenordnung den ?Wert? determinieren. Nachdem dieses Spiel ausser Kontrolle geraten ist, liegt es nahe, auch andere Produkte einzubeziehen, auch wenn diese auf mittlere Frist erneuerbar sind. Auf jeden Fall bietet sich schon jetzt an, die Angst vor dem Mangel spekulativ zu nutzen. Denn trotz Subprimes und Bankenpleiten steht weltweit immer noch zu viel Geld beziehungsweise Kapital zur Verfügung: teilweise echtes, teils künstlich geschaffenes. Und mit den jüngsten Zinssenkungen der ?FED? wird dies auch so bleiben. Warenterminmärkte waren lange Zeit ein gutes Mittel der langfristigen Preisstabilisierung und der Risikoverteilung. Doch inzwischen sind auch diese in die Hände von Finanzorganisationen und Zockern übergegangen, wobei die Unterschiede nur definitorisch sind. Früher war es nur eine überschaubare Gruppe von Spezialisten, Händlern und Banken, die in Chicago Getreide, Kaffee oder gefrorene Schweinebäuche ? zumeist wetterbedingt ? auf Termin handelten. Heute kann jeder Sohn reicher Eltern in Odessa per Internet am weltweiten Waren-Termin-Roulette teilnehmen ? und genau dies geschieht auch. Drei Faktoren bestimmen daher die ?Weltmarktpreise? weit über die fundamentalen Daten hinaus: nicht mehr heutige, sondern für die Zukunft angenommene Wertentwicklungen, die Übernahme des Handels (vor allem des Zwischenhandels) durch Außenstehende, die an den Waren oftmals gar nicht interessiert sind, sowie die immer stärkere Vermischung von Waren-, Informations- und Finanzmärkten. Damit bleibt nur zu hoffen, dass verantwortliche Regierungen und Organisationen ihre Hausaufgaben schneller machen als die Professoren.