' )Asien - Krisenpolster Devisenreserven
Asien Kurier 2/2009 vom 1. Februar 2009
Asien

Krisenpolster Devisenreserven

Von Horst Rudolf

Geld macht nicht glücklich, aber es beruhigt, wenn man die Kreditkarte vergessen hat. Auf Englisch: "cash is king". Über solche lockeren Sprüche lachte man vor wenigen Jahren noch. Doch seit Börsen und Banken im Herbst 2007 die aktuelle Weltfinanzkrise einläuteten, stehen sie wieder für einfache, aber verständliche Wahrheiten.

Wer - wie die USA oder selbst das entlegene Island - seinen Reichtum auf Kredite und nicht auf echtes Geld basierte, gehört heute zu den Absteigern und Risikoländern. Eigentlich logisch, dass nun die Hoffnung auf Staaten ruht, die wirtschaftliche und vor allem finanzielle Polster haben. Allgemein bekannt ist, dass China, Japan und auch die Golfstaaten zu den Ländern gehören, die auf beträchtlichen Devisenreserven sitzen. Und diese sieht man derzeit als Gradmesser für Reichtum und finanzielle Gesundheit an.

Seit Mitte 2006 hat China erstmals Japan bei den Währungsreserven überholt, Ende 2008 haben sich diese Bestände fast noch einmal verdoppelt. Auch die Öl-Staaten, allen voran Abu Dhabi und Dubai, haben in den vergangenen zwei Jahren mit den sprunghaft steigenden Energiepreisen mehr eingenommen, als in den 20 Jahren davor.

Auf der Liste der Devisen-Horter stehen aber auch ehemalige Habenichtse wie Russland, Indien oder Brasilien - bis vor wenigen Monaten. Denn die weltweite Zerstörung der kreditbasierten Geldmaschine hat die Reserven schneller schrumpfen lassen, als man jemals für möglich hielt.

Zwar können die meisten Golfstaaten auch bei einem Ölpreis von 40 bis 45 US-Dollar überleben, doch unterhalb dieses Preises wird die Luft dünner. Auch das devisenstarke Südkorea hat begonnen, sein Dollarpolster zu verkaufen, um das interne Wachstum des Landes nicht zu heftig einbrechen zu lassen.

Russlands Spekulanten haben ebenfalls so heftig überzogen, dass die Währungsreserven des Landes für alles mögliche gebraucht werden, aber keineswegs ausreichen, um das angeschlagene Finanzsystem zu sanieren.

Schon nach wenigen Monaten der Finanzkrise ist also Vorsicht bei der Hoffnung angesagt, Länder mit dicken Reserven könnten den aktuellen Problemen locker trotzen. Natürlich geht es solchen Staaten besser, als jenen, die bereits am Abgrund stehen. Doch eine Welt-Finanzbubble, lässt auch die Reserven von Ländern, die bisher als reich galten, schneller schmelzen, als die Gletscher der Antarktis.

Maria Bartiromo, die redegewandte Börsenjournalistin des US-Finanzsenders CNBC interviewte kürzlich den saudischen Prinzen und Großinvestor Alwaleed bin Talal in Riad zur Übernahme der Citibank durch die US-Regierung. Denn mit seinem Vermögen von geschätzen 21 Milliarden US-Dollar der "Kingdom Holding Company" ist er Großaktionär dieser Zitterbank. Der Prinz sitzt vor seinem Reitstall im Zelt, die teuren Stiefel im Sand, im Hintergrund die edlen Hengste aus der Zucht von Harun al Raschid, dem Pferd des Propheten. Seine Hoheit spielt mit den Perlen der Gebetskette, mit seiner Reitpeitsche, hinter der dunklen Sonnenbrille wirkt er cool, wie in einem Spielfilm - Finanzkrise, wie bitte?

Seit 1991 sei man Partner der Citi, die Situation hätte sich zwar etwas dramatisch entwickelt, doch man sehe noch viel Kapital in der Bank, zum indischstämmigen CEO Vikram Pandit habe er volles Vertrauen, und die Beteiligung der US-Regierung sei sicher keine Verstaatlichung, sondern nur eine Übergangsmaßnahme - ganz sicher. Der hoch profilierte arabische Investor kann einiges einstecken, denn er beurteilt die Lage eher aus persönlicher Sicht - vorerst.

Nur eine Flugstunde weiter, in den Emiraten, sieht die Bilanz bereits düster aus. Denn hier hatte man die Reserven als Garantie für gigantische Investitionsvorhaben genutzt, vor allem für tausende Bauprojekte - nun ist man plötzlich verschuldet. Das noch kürzlich dicke Devisenpolster reicht keineswegs mehr aus, den entstehenden Reichtum zu garantieren. Denn wie in jeder Bilanz muss man beide Seiten analysieren, um ein Unternehmen zu bewerten.

Die "unglaublichen Reichtümer" der Scheichs liegen ja nicht in Form von US-Dollarscheinen oder Goldbarren in den Tresoren, sondern wurden in alle möglichen Anlagen über den Globus verteilt - mehr oder weniger mit Risiko behaftet.

Mit dem Erfolg, dass der Wert der arabischen Staatsfonds sich in Jahresfrist von 800 Milliarden US-Dollar auf circa 400 Milliarden halbierte. Als im November 2008 der britische Premier Gordon Brown nach Saudi-Arabien, Katar und in die Emirate pilgerte, um einige "hundert Milliarden US-Dollar" für die knapp werdenden Reserven des IWF aufzutreiben, hätte er es eigentlich bereits wissen müssen.

Die Ölmagnaten haben inzwischen selbst Finanzprobleme. Seit Jahresbeginn brach der "Dubai Financial Market" um 33 Prozent ein, die Nachbarn in Abu Dhabi kamen mit gut 15 Prozent etwas besser weg. Doch der völlig überhitzte Immobilienmarkt wird auf absehbare Zeit herunterkühlen. Ein klares Indiz ist der "Eibor", die Interbankenrate der Emirate, die sich mehr als verdoppelt hat.

5.000 Kilometer weiter östlich, in China, ist das Geld zwar noch nicht knapp, doch plagen hier andere Probleme. Denn auch hier sind Devisenreserven nicht gleichzusetzen mit verfügbarem Kapital. Vor allem mit den ersten - je nach Sichtweise massiven oder zaghaften - Anlagen ihrer Devisenreichtümer im Ausland waren die Kommunisten in Beijing nicht gerade erfolgreicher - aber vielleicht war es ja nur schlechtes Timing.

Vor wenigen Jahren hatte der internationale Finanzanalyst Stuart Larkin der chinesischen Regierung geraten, ihre Überschüsse vor allem im eigenen Land einzusetzen, bei Infrastrukturmaßnahmen, in der Erziehung oder bei den vielen Engpässen im Landesinneren, wo verbreitete Armut schnell zu Spannungen und sozialen Verwerfungen führen kann. Nicht, dass die Führungsspitze diese Vorschläge grundsätzlich verwarf, doch - ebenso wie in der ehemaligen Sowjetunion - wiederholte man zuerst die historischen Fehler des kapitalistischen Systems. Man kaufte nicht europäische oder amerikanische Lehrer, Universitäten oder Know-how ein, sondern investierte in US-Staatsanleihen. Kurz, wie überall auf der Welt verwechselten auch die Chinesen Kapitalanlagen mit Investitionen.

Der Vizedirektor des Finanzinstituts beim chinesischen Staatsrats-Forschungszentrum für Entwicklung, Ba Shusong, definierte 2006: "Sicherheit und Flexibilität sind am wichtigsten. Auf dieser Basis können Devisenreserven für noch mehr effektive Investitionen eingesetzt werden?.

Von wegen: zwar legten die Chinesen bis 2007 fast zwei Drittel ihrer Währungsreserven in US-Papieren und damit vermeintlich sicher an, doch begann man gleichzeitig, ?kapitalistische Investitionen? vorzunehmen - um nun mit heftigen Verlusten dazustehen. So freute sich unter anderen der aufstrebende US-amerikanische Finanzinvestor ?Blackstone? über die reichen Großaktionäre aus China.

Doch während Blackstone in Deutschland bereits seit 2005 ?die Heuschrecke? genannt wurde, als deutsche Aktionäre und die SPD vor einem Kahlfraß durch den amerikanischen Privat-Equity-Fond warnten, waren die Chinesen noch in ihrer ersten Begeisterungs-Phase für vermeintlich sichere Kapitalanlagen im Westen. Nun ist nicht nur Blackstone, sondern auch die chinesische Begeisterung am Boden.

Doch solche teuren Irrtümer haben eine ironische Folge: sie tragen zur Rettung des maroden US-Finanzsystems bei. Und mit jedem US-Dollar, den die Chinesen dort anlegen und nicht in Euro oder Yen tauschen, retten sie das System und indirekt sich selbst. Denn sie finanzieren damit einen Teil des US-Haushaltsdefizits und stützen wiederum den US-Dollar. Denn würde dieser erheblich an Wert verlieren, wären auch die chinesischen Währungsreserven immer weniger wert. Leider haben die Chinesen nun erst recht ein Problem mit der wiederholt geforderten Aufwertung ihres Renminbi, denn dadurch reduziert sich im Gegenzug der Wert ihrer Auslandsguthaben in US-Währung.

Werfen wir noch einen abschließenden Blick auf die Japaner in der Nachbarschaft. Deren Probleme sind ähnlich entstanden, jedoch völlig anders gelagert. Denn trotz einer stagnierenden Wirtschaft sammelten die fleißigen Export-Weltmeister Jahr für Jahr Kapital und Devisen an - somit stellte sich die gleiche Frage: was tun mit soviel Geld?

Im Unterschied zu China verstreuten die Japaner ihre harten Yen über die ganze Welt. Da die Zinsen am Kabuto-cho, der Wall Street von Tokio, seit Jahren niedrig sind, nahm fast jede Bank der Welt - und so mancher cleverer Privatspekulant - Kredite in Yen auf und legte sie hochverzinslich in Australien, Neuseeland, Irland, Island oder notfalls in den USA an.

Dieser ?Carry-Trade? erreichte in den vergangenen Jahren riesige Ausmaße, denn das Geld wurde einfach von Japan in den Rest der Welt getragen - daher der Begriff - und weiterverwendet. Dummerweise basieren die meisten Carry-Trades auf Kreditgeschäften, mit der Folge, dass nun auch diese mehrstelligen Milliardenbeträge einen erheblichen Teil der weltweiten Schrumpf-Bubble ausmachen. Doch die Tatsache, dass die Banker die mühseelige bis brutale Rückabwicklung dieser Geschäfte diskret als ?De-leveraging? oder ?Unwinding of Carry-Trades? bezeichnen, hilft nicht weiter: mit jedem US-Dollar, der wieder in Yen konvertiert wird und nach Tokio zurückkehrt, steigt der Kurs des Yen weiter an - etwa 30 Prozent im vergangenen Jahr. Immerhin ergibt dies kurzfristig einen wünschenswerten Effekt: die Exporte sind rückläufig, die Devisenschwemme ebbt ab, die Inflation geht zurück - leider auch die Beschäftigung.

Welche Schlüsse ziehen wir daraus? Auch für die größten Devisenreserven gilt: sie helfen, die aktuelle Krise besser durchzustehen, aber ein Allheilmittel sind sie nicht. Doch wenn die Krise einmal überwunden ist, sollten sich auch die Regierungen der Überschussländer einmal Gedanken machen, wie man den erworbenen Reichtum langfristig produktiver einsetzt. Denn sonst könnte es bald heißen, ?wie gewonnen, so zerronnen?. Immerhin: die meisten Länder wären dankbar, vor einem solchen Problem zu stehen.


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