' )China - Interessante Perspektiven für ausländische Hersteller
Asien Kurier 3/2009 vom 1. März 2009
China

Interessante Perspektiven für ausländische Hersteller

Von Yuanyuan Ma (Chinabrand Consulting)

Mit einem 27-prozentigen Auftragseinbruch hat es die deutsche Investitionsgüterindustrie in der Rezession kalt erwischt. Doch das gigantische chinesische Konjunkturprogramm, das von 4.000 auf 10.000 Milliarden Renminbi aufgestockt werden soll, bietet deutschen B2B-Unternehmen neue Perspektiven. Wer schnell reagiert, kann davon profitieren.

Beim Kampf gegen die Rezession setzt die chinesische Zentralregierung auf massive Investitionen, um die Wirtschaft des Landes anzukurbeln. Ende vergangenen Jahres hat die chinesische Zentralregierung ein 4.000 Milliarden Renminbi (442 Mrd. Euro, 1 Euro=0,05 Renminbi, 3-Monatsmittel) schweres Investitionsprogramm angeschoben. Der größte Teil der Gelder kommt aus den Kassen der Provinzregierungen und aus der Wirtschaft, die Zentralregierung stellt im lediglich 1.180 Milliarden Renminbi zur Verfügung. Noch ambitionierter sind aber die chinesischen Provinzregeierungen. Sie folgen den klaren Appellen aus Beijing und planen weitere eigene Investitionen. Insgesamt ist jetzt von einem Paket in Höhe von 18.000 Milliarden Renminbi die Rede, wir gehen aber davon aus, das ca. 10.000 Milliarden Renminbi investiert werden.

Die Provinz Sichuan kündigte Investitionen von 3.000 Milliarden Renminbi in drei Jahren an, die Provinz Yunnan spricht von der gleichen Summe über 5 Jahre verteilt. Ein großer Teil dieser Gelder soll in die Infrastruktur fließen.

Die Städte und Provinzen sind aufgefordert, die Projekte so schnell wie möglich umzusetzen. Unterstützt werden sollen die folgenden sieben Bereiche:

- Bau von Wohnungen für untere Einkommensschichten (280 Mrd. RMB)

- Infrastruktur und Lebensgrundlagen in ländlichen Gebieten (370 Mrd. RMB)

- Ausbau der Eisenbahn, Autobahnen und Flughäfen (1.800 Mrd. RMB)

- Medizinische Versorgung, Bildung und Kultur (40 Mrd. RMB)

- Biologische Umwelt (350 Mrd. RMB)

- Stärkung von Innovation und Technologie zur Umstrukturierung der Wirtschaft (160 Mrd. RMB)

- Wiederaufbau von Katastrophengebieten (1.000 Mrd. RMB)

Ob diese gewaltigen Investitionspläne auch fristgerecht umgesetzt werden, hängt allerdings von der Chinese National Development and Reform Commission (NDRC) ab, die nicht alle Pläne genehmigt. Ein anderes Problem ist die Finanzierung der Projekte, denn die Provinzregierungen haben nicht die erforderlichen Mittel. Sie werden das Land zur Verfügung stellen und in der lokalen Wirtschaft, den Banken und eigenen Treuhandgesellschaften Geld einsammeln.

Auch deutsche Unternehmen können von diesem Programm profitieren. Öffentliche Infrastrukturprojekte, die mit staatlichen Geldern finanziert werden oder staatliche Zuschüsse erhalten, müssen in China gemäß § 3 Abs. 2 des "Law of PRC on Tenders and Bids" durch Bieterverfahren vergeben werden. Die Projekte werden über Internetplattformen ausgeschrieben. Fast jede Stadt verfügt über eine öffentlich zugängliche Ausschreibungsplattform. Beispielweise veröffentlicht die Stadt Beijing ihre Ausschreibungen in der Webseite (www.ccgp-beijing.gov.cn). Auf dieser Webseite werden die ausgeschriebenen Projekte, öffentliche Beschaffungen sowie Informationen zum Bieterverfahren veröffentlicht.

Außerdem bieten Serviceanbieter wie Chinabidding.org umfassende Regionen übergreifende Informationen zu Ausschreibungen an. Gegenwärtig sind rund 50.000 Projekte auf der Plattform veröffentlicht, eine Suchmaschine erleichtert die Selektion relevanter Informationen. Unternehmen können sich für 642 US-Dollar (englische Version) pro Jahr anmelden, die chinesische Version kostet 500 US-Dollar pro Jahr. Wichtige Industriebranchen sind Transport, Bauwesen, Umwelt, Telekommunikation und Computer, Maschinen, Medizin, Druckwesen, Textilien, Wissenschaft und Technologie, Landwirtschaft, Metallurgie, Erziehung, Materialen sowie Business-Services. Ein anderes Ausschreibungsportal ist Chinabidding.com, das von der Beijing BidLink Info-Tech Co. Ltd. betrieben wird. Das Unternehmen kooperiert eng mit dem chinesischen Wirtschaftsministerium und dem Finanzministerium. Das Angebot umfasst zur Zeit mehr als 6.000 Ausschreibungen, die über eine Suchmaschine nach Sektor, Zeitraum und Suchwort recherchiert werden können. Die vertretenen Industriebranchen sind Maschinen, medizinisches Equipment, Technik, Textil, Transport, Kraftstoffe, Metallurgie, Drucktechnik, Energie, Nahrungsmittel, Umwelt und Apparate. Chinabidding.com erhebt eine jährliche Gebühr von 900 Euro.

Das gesetzliche Regelwerk und das konkrete Vorgehen variieren in den verschiedenen Städten und Provinzen stark. So ist ein Bieterverfahren in manchen Städten erst für Projekte mit einem Investitionsvolumen von mehr als zwei Millionen Renminbi vorgeschrieben, in anderen Städten dagegen schon bei einer Million Renminbi.

Für deutsche Unternehmen ist relevant, dass sich zwei Firmen gemäß § 31 des chinesischen Ausschreibungsgesetzes als juristische Personen zu einem Konsortium zusammenschließen und als ein Bieter auftreten dürfen. Auch Bieterverfahren, bei denen das ausländische Unternehmen als Sublieferant agiert, sind möglich. Alleinangebote durch ausländische Firmen sind dagegen meist unzulässig. Da es chinesischen Unternehmen in vielen Bereichen an Know-how und Technologie fehlt, mit dem sie den Zuschlag erhalten könnten, ist das Interesse an Konsortien oder Lieferantenverträgen mit Ausländern auf der chinesischen Seite groß. Dadurch eröffnen sich ausländischen Herstellern interessante Perspektiven, und in den Bereichen Umwelt, Energie und Infrastruktur haben deutsche Unternehmen besonders gute Chancen ? wenn sie schnell reagieren.

Die immer wieder geäußerte Vermutung, dass chinesische Unternehmen bei öffentlichen Bieterverfahren ohnehin bevorzugt würden und bei der Vergabe oft Korruption im Spiel sei, trifft nach unserer Erfahrung nicht zu. Gemäß § 5.6.7 des Vergabegesetzes müssen allen Bieter fair behandelt werden. Die Vergabepraxis wird in China von den Behörden kontrolliert. (Anm. d. Red.: Die Realität ist in ausländischen Wirtschaftskreisen wohl bekannt.) Immerhin wurden im vergangenen Jahr faßt 5.000 ranghohe Beschäftigte wegen Korruption und weiterer Verstöße gegen Vorschriften oder Gesetze bestraft.

Es sind nicht Bevorzugung und Korruption, die ausländische Unternehmen in Bieterverfahren scheitern lassen, sondern fehlende detaillierte Informationen im Vorfeld der Vergabe. Ausländer werden bei öffentlichen Ausschreibungen in China nicht benachteiligt, wie oft fälschlich unterstellt wird, sie kennen sich nur schlicht nicht aus. Es kommt für ausländische Bieter darauf an, zu erfahren, welche Kriterien und Prozeduren bei einem lokalen Vergabeprozess wichtig sind. Beim Bieten sind Insider-Informationen, über die chinesische Unternehmen aufgrund ihrer Guanxi immer verfügen, eine Voraussetzung für den Erfolg.

Deutsche Unternehmen können den gravierenden Nachteil fehlender Guanxi in China durch investigative Market Intelligence ausgleichen. Während die klassische Marktforschung bei Ausschreibungen nicht greift, liefert investigative Market Intelligence wertvolle Einsichten über die Anforderungen, die an die Bieter gestellt werden. Bei den Ausschreibungen von Infrastrukturprojekten geht es vor allen Dingen darum, neben den veröffentlichten formalen Anforderungen die Erwartungen der Entscheider in den ausschreibenden Behörden und Organisationen zu kennen, aber auch die Fähigkeiten, Stärken und Schwächen der Mitbieter einzuschätzen. Auch das Netzwerk der Zulieferer, das im Rahmen der Forderung eines Anteils an lokaler Wertschöpfung (local content) bei chinesischen Ausschreibungen eine große Rolle spielt, sollte genau durchleuchtet werden. Da der Auftraggeber laut chinesischem Gesetz erst verhandeln darf, wenn er den Zuschlag erteilt hat, stellen die vergebenden Behörden und Organisationen zu den abgegebenen Angeboten umfangreiche und detaillierte Fragen. Es kommt darauf an, diese Fragen bereits zu kennen, bevor sie gestellt werden.

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