' )Indien - Reiche Inder ? Marktpotential für Unternehmen
Asien Kurier 3/2009 vom 1. März 2009
Indien

Reiche Inder ? Marktpotential für Unternehmen

Von Dr. Doreén Pick

Die Feststellung, dass sich im Indien der letzten Jahre fundamentale Umwälzungen ereignet haben, ist zu einem gern repetierten Gemeinplatz geworden. Allerdings sind die vielfältigen praktischen Auswirkungen des ökonomischen Transformationsprozesses bislang noch nicht so recht ins Bewusstsein der globalen Business-Community gedrungen.

So ist allenthalben von der neuen indischen Mittelschicht die Rede, die eine nahezu obsessive Affinität zu westlichen Massenkonsumartikeln besitzt. Dass Indien auch ein immenses Potential zum Absatz von Luxusprodukten besitzt ? diese Erkenntnis setzt sich hingegen nur allmählich durch. Dabei hat es das Milliardärs-Ranking des Forbes-Magazins aus dem Jahr 2008 schwarz auf weiß publik gemacht: Von den zehn reichsten Menschen weltweit besitzen vier ? Lakshmi Mittal (Mittal Steel), Mukesh und Anil Ambani (Reliance Group), Kushal Pal Singh (Immobilien) ? einen indischen Pass.

Aber selbst diese für viele Ohren überraschende Nachricht stellt gewissermaßen nur die Spitze des Eisberges dar, denn neben diesen Magnaten existieren noch weitere 50 indische US-Dollar-Milliardäre. Zu diesen Superreichen kommen weitere rund 123.000 Personen hinzu, die als High Net Worth Individuals (HNWI) firmieren. Darunter werden Personen geführt, die über ein Vermögen von mindestens einer Million US-Dollar verfügen. Bemerkenswert sind auch die entsprechenden Steigerungsraten. Nach Angaben des World Wealth Report von Merrill Lynch/Capgemini ist diese Schicht von 2006 zu 2007 um gut 23 Prozent angewachsen ? dies ist die höchste Wachstumsrate weltweit. Die Gründe für diesen enormen Anstieg sind vor allem in einem stetigen Wirtschaftswachstum und einer hohen Verzinsung von Spareinlagen zu sehen. Natürlich ist die globale Finanz- und Wirtschaftskrise auch an den Portfolios von Indiens Reichen nicht spurlos vorübergegangen und mussten diese Buchverluste von bis zu 60 Prozent hinnehmen. Der Trend zur Vermögensakkumulation dürfte ? nach einer temporären Durststrecke ? aber mittel- und langfristig weitergehen.

Auf jeden Fall stellt sich für westliche Unternehmen in Anbetracht weitgehend gesättigter Heimatmärkte fast zwangsläufig die Frage, auf welche Weise sie mit dieser neuen Reichenschicht ins Geschäft kommen können. Dabei dürften die HNWI insbesondere für Banken und Konsumgüterhersteller eine attraktive Zielgruppe darstellen. Allerdings gilt es keine Zeit zu verlieren: denn angesichts der Tatsache, dass diese Marktsegmente bislang noch nicht systematisch erschlossen wurden, dürften sich investitionswilligen Unternehmen zahlreiche Pionier-Vorteile eröffnen. Jedoch muss dabei stets bedacht werden, dass in einigen Branchen bereits indische Akteure präsent sind, die es zu übertrumpfen gilt. Dies gilt speziell für Offerten im Bereich des Private Banking. Der Wettbewerb in diesem Sektor, der jährliche Wachstumsraten von bis 40 Prozent aufweist, ist zweifellos knochenhart ? die Aussichten bleiben indes verlockend: So schätzt McKinsey, dass sich die indischen Vermögensanlagen von aktuell rund 92 Milliarden bis 2012 auf 350 bis 440 Milliarden US-Dollar erhöhen werden.

Die beiden zentralen Voraussetzungen, um an diesem rasanten Wachstum partizipieren zu können, sind ein ausgeklügeltes Vertriebsnetz sowie das nachhaltige Branding der eigenen Marke. Bei beiden Aspekten sind indische Banken ausländischen Wettbewerbern naturgemäß einen Schritt voraus. Als Benchmark kann hier die private ICICI Bank gelten, die in den letzten Jahren ihr Filialnetz massiv ausgeweitet hat und ihr Renommee etwa durch die Verpflichtung der Bollywood-Ikone Shah Rukh Khan für Werbespots beträchtlich vergrößern konnte. Die Deutsche Bank ist zwar bereits mit einigen Filialen vertreten ? ihr Außenauftritt ist aber noch zu zaghaft und ihr Bekanntheitsgrad zu gering, um die prätentiöse Reichen-Klientel nachhaltig beeindrucken und zum Vertragsabschluss motivieren zu können.

Interessant sind die HNWI auch für Konsumgüterhersteller. Denn die indischen Vermögenden kaufen deutlich mehr Schmuck, Uhren und Luxusreisen als ihre westlichen Vergleichskohorten. Die Geldmittel werden daneben bevorzugt auch für Designerkleidung, digitales Zubehör und Kosmetik ausgegeben. All dies sind Segmente, in denen sich ein Markteintritt westlicher Unternehmen lohnt. Ein Anbieter, der den Schritt auf den indischen Luxusmarkt gewagt hat, ist beispielsweise der thüringische Uhrenhersteller A. Lange & Söhne. Seitdem das Unternehmen im Januar 2008 die erste Handelskonzession vergeben hat, werden die Luxus-Chronographen aus Glashütte im Mumbaier Uhren- und Schmuckgeschäft "Beyond Luxury" verkauft. Die Nachfrage übersteigt das Angebot des Uhrenherstellers bei weitem, und so dürfte es lediglich eine Frage der Zeit sein, bis A. Lange & Söhne expandiert, um die Erträge weiter zu maximieren.

Die Wachstumspotenziale im Luxussegment besitzen auch eine kulturelle Facette, die darin zum Ausdruck kommt, dass Inder umstandslos bereit sind, Erfolg und Wohlstand offensiv zu demonstrieren: Der Erwerb von materiellem Wohlstand (Artha) wird in der hinduistischen Religion keineswegs als verwerflich angesehen, sondern gilt neben Dharma (Ethik), Kama (Vergnügen) und Moksha (Erlösung) als eine der vier vornehmsten Lebensmaximen. Substanzielle Marktchancen für Luxusgüterhersteller sind also vorhanden, zu ihrer Realisierung ist indes ein frühzeitiger Markteintritt erforderlich, wobei dieser sinnigerweise in kaufkraftstarken Bundesstaaten wie Maharashtra oder Tamil Nadu erfolgen sollte. Einen strategischen Wettbewerbsvorteil haben dabei insbesondere diejenigen Unternehmen, die über eine prägnante Marke verfügen. Analog zu den europäischen Konsumenten kaufen auch die Inder primär Produkte, die sie kennen und mit denen sie favorisierte Eigenschaften assoziieren. Da die indischen Medien seit Jahren expressive Bilder von begüterten, hedonistischen Westlern transportieren, sehen die Inder in der (partiellen) Übernahme des westlichen Lebensstils nicht zuletzt auch eine Möglichkeit, Anerkennung für ihren wirtschaftlichen Aufholprozess zu erhalten. Diesen Umstand können sich Unternehmen ? Finanzkrise hin oder her ? zunutze machen.


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