'
)
Im Zuge der Finanz- und Wirtschaftskrise schlägt nun die Stunde derjenigen, die es schon immer gewusst haben: Die Erfolge der (asiatischen) Schwellenländer seien allesamt maßlos übertrieben, aufgebauscht, lediglich Blendwerk gewesen und das Zentrum der Weltwirtschaft befindet sich ? wie eh und je ? beiderseits des Atlantik.
Ein asiatisch-pazifisches Zeitalter? Nur eine spinnernde Chimäre. Und es ist ja richtig: All die schönen Wachstums- und Aufstiegsprognosen wurden praktisch über Nacht zur Makulatur. Allerdings dürften die momentan grassierenden Kurzschlussanalysen kaum als tragfähige Orientierungsgrundlagen taugen. Einem besonders krassen Perzeptionswandel scheint dabei Indien unterworfen zu sein: Vom verklärten Übermorgenland wurde es kurzerhand wieder zum hoffnungslosen Problemfall degradiert. Auch wenn man sich in Neu-Delhi eingestehen muss, dass viele der hyperoptimistischen Annahmen und Erwartungen zum Teil auf Wunschdenken beruhten, wäre es völlig verfehlt, dem Land nun weitere Entwicklungschancen pauschal abzusprechen.Umso willkommener sind daher Abhandlungen, die einen seriösen Abgleich der indischen Vorzüge und Defizite vornehmen. Zu diesem Zweck hat Michael von Hauff diverse Indien-Experten versammelt, die sich auf verschiedene Aspekte fokussieren: Als größten Pluspunkt betrachten alle Autoren das demokratische Regierungssystem, dass trotz unbestreitbarer Mängel Garant für Stabilität und Vitalität ist. Hinzu kommt ein Institutionengefüge, das hinreichend flexibel für das Management der indischen Heterogenitäten ist und auch Anpassungen an (post-)moderne Entwicklungen zulässt. Auf der mentalen Ebene existiert ein ausgeprägtes kulturelles Selbstvertrauen, mit dem ? sehr wichtig ? auch ein Bewusstsein für die enormen Herausforderungen einhergeht. Zu ihnen gehört zuvorderst ein Abbau der vielfältigen himmelschreienden sozialen Ungerechtigkeiten. Denn der forcierte Modernisierungsprozess der letzten Jahre hat die sozialen, wirtschaftlichen und regionalen Disparitäten weiter vertieft. Insbesondere die weitgehende Abkopplung der ländlichen Räume könnte sich zu einem massiven Sicherheitsproblem auswachsen, wie die Naxalitenbewegung und die Lage im Nordosten zeigen. Zu den Ausgegrenzten im Land ?der zwei Gesichter? gehören Muslime, Kastenlose und Stammesangehörige. Da die Probleme in den abgehängten Gebieten durch Korruption und Patronage zusätzlich verschärft werden, kommt es neben der Gewährleistung eines ?inclusive growth? auch auf eine nachhaltige Verbesserung der Regierungsführung an.Gelingt es nicht, das Auseinanderdriften der Lebens- und Arbeitsbedingungen zu verhindern, könnte dem wirtschaftlichen Transformationsprozess die Legitimation entzogen werden, was die inneren Konflikte erst recht verschärfen würde. Erschwert wird ein erfolgreiches Vorgehen dadurch, dass zur Entfachung neuer wirtschaftlicher Dynamik die soziale Unsicherheit wohl zunächst partiell erhöht werden muss. Da aber alle zentralen Problemfelder wie Infrastruktur, Gesundheitswesen, Primärschulbildung, Umweltschutz durchweg eine soziale Komponente besitzen, stellt eine konsequente Armutsbekämpfung inklusive des sukzessiven Aufbaus effektiver Sicherungssysteme gleichwohl keinen Luxus, sondern eine unabweisbare Notwendigkeit dar. Angesichts der Fülle und Komplexität der Herausforderungen sowie angesichts der wachsenden internationalen Bedeutung Indiens plädiert der letzte Aufsatz für eine Fortführung der deutschen Entwicklungszusammenarbeit, um damit einen wirkungsvollen Beitrag zur globalen Stabilität zu leisten. Viel erreicht, noch mehr zu tun ? so könnten die Beiträge zusammengefasst werden.Michael von Hauff (Hrsg.), Indien ? Herausforderungen und Perspektiven, Metropolis-Verlag, Marburg 2009, 266 Seiten, 29,80 Euro, ISBN 978-3-89518-720-9