' )China - Krise verschiebt Wachstumszentren
Asien Kurier 4/2009 vom 1. April 2009
China

Krise verschiebt Wachstumszentren

Von Corinne Abele (gtai)

Die Krise hat die Volksrepublik China nicht verschont und zeigt sich praktisch ausschließlich realwirtschaftlich. Einfallstor sind jedoch nicht riskante Anlagen chinesischer Banken, sondern die Integration der "Werkbank der Welt" in den internationalen Handel.

Beobachter zeigten sich überrascht vom Ausmaß des Außenhandelseinbruchs im Januar 2009. Unbereinigt sanken die Exporte um knapp 18 Prozent, die Importe brachen sogar um über 40 Prozent ein. Vor allem der Einfuhrrückgang lässt für die Produktionsentwicklung in naher Zukunft Schlimmes befürchten. Am stärksten scheinen diejenigen Unternehmen betroffen zu sein, die sich auf OEM- (Original Equipment Manufacturing-) Produktion im Auftrag und im Namen weniger ausländischer Kunden konzentriert hatten. Häufig findet diese im Rahmen der Exportveredelung statt, die noch immer 47,3 Prozent der chinesischen Ausfuhr ausmacht. Der Bereich ist gekennzeichnet durch einen hohen Anteil von Konsumgütern, "Production on Demand", schnelle Abarbeitung der Aufträge und eine geringe Lagerhaltung. Bleiben die Auftragsbücher leer, kommt die Produktion innerhalb kurzer Zeit zum Erliegen.

Zu den besonders betroffenen Industriesektoren zählen Textil- und Spielzeugfertigung, aber auch die IT-Branche, die Computer und Notebooks in alle Welt liefert. Vor allem letztere ist traditionell Hochburg taiwanischer Unternehmen in China, die ein Großteil ihrer Vorprodukte nach wie vor aus Taiwan beziehen. Seit Oktober 2008 brechen Chinas Importe von dem Inselstaat mit jedem Monat stärker weg. Unter Berücksichtigung der chinesischen Neujahrsfeiertage gingen die Ausfuhren nach China und Hongkong im Januar 2009 im Vergleich zum Vorjahresmonat gemäß taiwanischer Zollstatistik um die Hälfte zurück; im Dezember 2008 waren sie sogar um 54 Prozent gesunken. Die Zahlen lassen erahnen, welche Produktionsrückgänge vor allem in den exportorientierten Wachstumszentren Südostchinas noch bevorstehen.

Die alten Wirtschaftsmotoren der Küstenregion - Zhejiang, Shanghai, Guangdong - haben bereits deutlich an Schwung verloren. Stärker am Binnenmarkt orientierte Gebiete wie Chongqing oder Jiangxi haben sich bisher als krisenresistenter erwiesen. Relativ unbeeindruckt zeigte sich im 2. Halbjahr 2008 auch Tianjin. Dort wird sowohl für den Export als auch für den Binnenmarkt produziert. Gewaltige Infrastrukturinvestitionen tragen zur Entstehung der neuen Wirtschaftsregion "Binhai New Area" bei. Auch in Sichuan sorgt der Wiederaufbau nach dem großen Erdbeben im Mai 2008 für Impulse. Trotz Krise dürfte es in China daher Wachstumsregionen geben, die auch für deutsche Lieferanten Chancen bieten und stärker als bisher in den Fokus rücken sollten.

Die Wirtschaftskrise trifft vor allem das Perlflussdelta hart. Tausende für den Export produzierende (Klein-)Unternehmen haben ihre Tore bereits geschlossen. Mindestens 20 Millionen von rund 130 Millionen Wanderarbeitern haben nach Regierungsangaben bislang ihren Arbeitsplatz verloren. Das entspricht einer Arbeitslosenrate von rund 15 Prozent in dieser Bevölkerungsgruppe; andere Schätzungen gehen von 30 Prozent aus.

Nicht zuletzt um Unruhen zu vermeiden, versucht die Regierung vor allem der Landbevölkerung unter die Arme zu greifen. Aufgrund der Erfahrungen vorangegangener Konjunkturkrisen 1994/95 sowie 1998/99 verlegt sie sich dieses Mal nicht auf indirekte Stimulierungsmaßnahmen wie Zins- oder Steuersenkungen,

sondern füllt die Taschen der Bauern direkt mit Geld: durch subventionierte Produktbeschaffung, Erhöhung der staatlichen Ankaufpreise für Getreide und den Aufbau eines Gesundheitssystems. Zwar kann dies zur Vermeidung existenzieller Not beitragen. Experten sind jedoch äußerst skeptisch, ob durch derartige Maßnahmen der Privatkonsum 2009 ausreichend verstärkt werden kann, um merklich zum Wachstum des Bruttoinlandsprodukts beizutragen.

Gleichzeitig versuchen vor allem die Provinzregierungen in Guangdong, Zhejiang oder Fujian, die (ehemaligen) Arbeitgeber mit Hilfe speziell eingerichteter Fonds zu stützen. Zuvor von der Zentralregierung gesetzte Ziele für die Modernisierung der heimischen Industrie und einen effizienteren Ressourcenumgang werden dabei häufig über Bord geworfen. Dem steuert die Führung in Beijing mit zehn industriespezifischen "Verjüngungs- und Unterstützungsprogrammen" (Zhenxing Guihua) entgegen, die andere Akzente setzen.

Unter anderem werden gezielt Technologie- und Modernisierungsprojekte und damit inländisches Know-how in den jeweiligen Branchen gefördert. Nach wie vor begreift die Zentralregierung die Krise auch als Chance, alte, ineffizient arbeitende Produktionskapazitäten aus dem Markt zu nehmen. Dabei ziehen Beijing und die Regionalregierungen nicht immer am gleichen Strang.

Sogenannte Verjüngungsprogramme wurden inzwischen bereits für die Automobil- und Textilindustrie, den Maschinen- und Schiffsbau, die nicht-eisenhaltige Metallfertigung sowie für die Eisen- und Stahlindustrie erlassen. Das Programm für die Automobilindustrie enthält gemäß der "Dongfang Zaobao" (Oriental Morning Post) absatzfördernde Maßnahmen wie die Reduzierung der Verkaufssteuer für Pkw bis zu einem Hubraum von 1,6 l sowie eine geplante Abwrackprämie. Vorgesehen ist aber auch die Errichtung eines speziellen Regierungsfonds in Höhe von 10 Milliarden Renminbi Yuan (***) für selbständige Innovation ("indigenous innovation") in der Branche. Unter anderem soll die Serienproduktion von Pkw mit innovativer Antriebstechnik (Hybrid- oder Elektroantrieb, Brennstoffzellen) gefördert werden. Weitere derartige Programme sind derzeit für die petrochemische Industrie, für die Elektronik- und informationstechnologische Branche, für die Leichtindustrie sowie für die Logistikbranche in Bearbeitung.

Den in Not geratenen, zumeist kleinen Firmen in der Küstenregion dürften diese Programme nur wenig helfen. Sie benötigen zuallererst Finanzspritzen, um den Einnahmeausfall zu überstehen. In den exportorientierten Ostprovinzen dominiert die Privatwirtschaft, die traditionell nur zu einem geringen Teil Finanzierungsmöglichkeiten durch den offiziellen Bankensektor erhält. Gemäß dem Economic Census aus dem Jahr 2005 erreichten private Betriebe an der Gesamtunternehmenszahl in Jiangsu beispielsweise einen Anteil von knapp 77 Prozent und in Zheijiang von 74 Prozent - deutlich höher als der Landesdurchschnitt.

Inwieweit vor allem kleinere private Unternehmen von dem seit November 2008 deutlich gestiegenen Kreditvolumen profitiert haben, bleibt fraglich. Bankanalysten zufolge entfielen im Januar 2009 allein 42 Prozent auf kurzfristige Wechsel, die zur Überbrückung von Liquiditätsengpässen durchaus geeignet sind. Allerdings ermöglicht die derzeitige Wechsel- und Einlagenzinsstruktur Unternehmen mit Zugang zum offiziellen Bankensektor auch, über Zinsdifferenzen Einnahmen zu kreieren. Inwieweit das anschwellende Kreditvolumen als Indikator für ein Anspringen der Investitionstätigkeit herangezogen werden kann, ist daher mit einem dicken Fragezeichen zu versehen.


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