' )Buchbesprechung - Stagnation in Myanmar
Asien Kurier 5/2009 vom 1. Mai 2009
Buchbesprechung

Stagnation in Myanmar

Von Daniel Müller

Es scheint als handle es sich hierbei um ein ungeklärtes Naturphänomen: Ausgerechnet diejenigen Regionen und Länder, die der Vorstellung eines Paradieses auf Erden ziemlich nahe kommen, sind gemeinhin durch ökonomische Rückständigkeit, politische Unterdrückung und soziale Verwerfungen gekennzeichnet.

All diese Attribute treffen fraglos auch auf Myanmar (ehem. Burma) zu. Aber mehr noch: Hier scheint der Kontrast zwischen buddhistischer Friedfertigkeit auf der einen und brutaler Repression durch die Militärjunta auf der anderen Seite besonders krass ausgeprägt zu sein. Dabei ist die Lebenswirklichkeit im Land der tausend Pagoden natürlich wesentlich komplizierter und nuancenreicher, als es diese beiden Extrembilder erahnen lassen. Da das Land nur im Falle von schweren Naturkatastrophen und militanten innenpolitischen Auseinandersetzungen auf den Radarschirm der Weltöffentlichkeit gerät, muss das Wissen über Myanmar eher als dürftig bezeichnet werden. Diesen Missstand ein Stück weit abzumildern, ist das proklamierte Ziel des in einer zweiten und komplett überarbeiteten Auflage vorliegenden Buches von Klemens Ludwig.

Ludwig, der während seiner Zeit als Asienreferent der angesehenen ?Gesellschaft für bedrohte Völker? verlässliche Kenntnisse über die sozialen, politischen und humanitären Notlagen von Minderheiten in Asien gesammelt hat, versucht ein ausgewogenes Landes-Panorama jenseits von Verklärung und Skandalisierung zu zeichnen. Er führt ein in die komplexe Realität eines Vielvölkerstaates, legt den Anteil, den die ethnische Diversität an vielen Problemen des Landes hat, offen und skizziert die politischen Entwicklungslinien vor und nach der Unabhängigkeit, wobei er ausführlich auf die Kräfte- und Akteurskonstellationen zwischen der Demokratiebewegung und den Militärmachthabern eingeht. Darüber hinaus werden aber auch die religiösen Präferenzen, die sozialen Traditionen und die verschiedenen Facetten des kulturellen Erbes geschildert.

Was die politische Zukunft Myanmars anbelangt, so geht Ludwig nicht davon aus, dass die mittlerweile ein halbes Jahrhundert währende Unterdrückung inklusive schwerster Menschenrechtsverletzungen in absehbarer Zeit ein Ende finden wird. Da sich das Militär gegenüber den Forderungen der Bevölkerung nach Freiheit und Teilhabe in der Defensive sieht, spricht wenig für ein substanzielles Nachgeben der

Armeeführung, die fürchtet, unter demokratischen Verhältnissen für ihre Vergehen zur Verantwortung gezogen zu werden. Hinzu kommt, dass die Generäle damit begonnen haben, diverse Bodenschätze ? über die Myanmar in reichlichem Maße verfügt ? zu exportieren, was dazu führt, dass auch von den Nachbarn kein ernsthafter Druck zur Demokratisierung zu erwarten ist.

Eine neue Entwicklung stellt indes das allmähliche Aufkommen eines Massentourismus dar. Hier gibt Ludwig zu bedenken, dass ausländische Touristen zwar Devisen in die Kassen der Machthaber spülen und ? schlimmer noch ? selbst Anlass für massive Menschenrechtsverstöße sein können, es aber sehr wohl möglich ist, durch ein verantwortungsvolles Verhalten einen Anstoß zu Veränderungen zu geben. Eine fortgesetzte Abschottung nach außen, so die abschließende Einschätzung von Ludwig, würde jedenfalls mit Sicherheit nicht dazu beitragen, die Lage zu verbessern. Was Myanmar brauche, sei vielmehr ein Anschluss an die Standards der restlichen Welt.

Klemens Ludwig, "Birma", 2., völlig neu bearbeitete Auflage, Verlag C.H. Beck, München 2009, 174 Seiten, 12,95 Euro, ISBN 978-3-406-58459-6


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