' )Asien - Die Weltwirtschaftskrise - nicht Untergang, sondern Rettung?
Asien Kurier 5/2009 vom 1. Mai 2009
Asien

Die Weltwirtschaftskrise - nicht Untergang, sondern Rettung?

Von Horst Rudolf

Szenario 1 - 2012: der Spotmarktpreis für Rohöl hat 265 US-Dollar erreicht. Weltweit sind die Inflationsraten auf die höchsten Werte seit Jahrzehnten gestiegen. Noch weitaus dramatischer sind die Konsequenzen: waren bereits 2007/08 die ersten sozialen Reaktionen auf die damals steigenden Rohstoffpreise zu spüren, kommt es 2012 zu regelrechten Volksaufständen von den Philippinen über viele Länder Afrikas bis hin nach Argentinien.

Szenario 2 - 2012: nach dem Ausbruch der Welt-Finanzkrise 2008, in deren Folge sich zuerst die Banken, dann die Versicherungen und zuletzt die gesamte Realwirtschaft weitaus schlimmer als 1929 in eine Abwärts-Spirale begeben hatte, ist die Menschheit mit dem weitgehenden Zusammenbruch des globalen Handels an einem Wendepunkt angelangt.

Die Rettungsversuche der Regierungen 2008/09 in Form von massivem Defizit-Spending waren verpufft, da bereits ein kontraktiver Kreislauf die Geld-Waren-Zirkulation weitgehend außer Funktion gesetzt hatte. Hungersnöte und kriegerische Auseinandersetzungen um Rohstoffe breiten sich aus.

Szenario 3 - 2030: die Arbeitslosenquote in den Vereinigten Staaten hat im Durchschnitt die 25-Prozent-Rate überschritten. In den Vororten der meisten Industriestädte, aber auch in New York, herrschen Zustände wie in düsteren Science-Fiction-Filmen: Bandenkriege, völlige Gesetzlosigkeit, Kampf ums Überleben. Wer kann, ist aufs Land gezogen und versorgt sich dort selber. Tierzüchter und Agronomen sind gefragter als Computerexperten - denen häufig der Strom fehlt, da die Infrastruktur weitgehend zusammengebrochen ist.

Was sollen solche Szenarien, angesichts der heutigen Realität, wird sich mancher Leser fragen. Die Antwort mag überraschen, ist jedoch bitterer Ernst: wäre die derzeitige Welt-Finanz- und Wirtschaftskrise nicht ausgebrochen, stünden die Chancen für das Eintreten eines oder mehrerer der obigen "Planspiele" mehr als gut.

Entgegen der weit verbreiteten - und durchaus sinnvollen - Diskussion über alle möglichen Aspekte und Konsequenzen der heutigen Wirtschaftskrise ist dies keineswegs eine akademische Übung, sondern soll sehr ernsthaft die anscheinend völlig vergessenen "guten Seiten" dieser Krise in Erinnerung bringen - bekannter Maßen haben Menschen und Politiker vor allem ein Kurzzeit-Gedächtnis.

Die obigen Szenarien sind keine Science Fiction, sondern nur Varianten einer tatsächlichen Bedrohung. Oder haben Sie bereits vergessen, was vor nur 18 Monaten geschah?

Innerhalb kurzer Zeit hatten sich die Rohstoffpreise - ausgehend vom Erdölmarkt - massiv erhöht. Auf der einen Seite geschah dies vor dem Hintergrund des anhaltend starken Wachstums von Ländern wie China, Indien, Russland und der Golfstaaten, zum anderen flossen immer mehr unkontrollierte und vor allem Kredit finanzierte Gelder in Spekulationen mit Rohstoffen, die jeden Tag teurer wurden.

Die ersten "Hunger-Demonstrationen" begannen, auch in Asien, als in der Folge steigender Düngemittel- und Energiepreise eine Preis-Kosten-Spirale, zur Hälfte real, zur Hälfte spekulativ angeheizt, die Weltmärkte in Bewegung versetzte - nach oben.

In Deutschland demonstrierten Milchbauern für höhere Abnahmepreise, in Asien verhandelte man über die Schaffung von Preiskartellen zur Kontrolle der Reismärkte. Während die Spekulanten immer mehr Geld von traditionellen Quellen in die neuen Zocker-Waren verschoben, reichte es in Millionen armer Haushalte nicht mehr für die tägliche Reisration - schon vergessen?

Vergessen - oder besser verdrängt - hatten wir alle, dass bereits 1972 unter anderem der Finanzspezialist und Bankenberater, der deutsche Professor Wolfram Engels, seinen Studenten (und auch Politikern) ins Stammbuch schrieb, dass weltweit operierende Finanzinstitutionen das global verfügbare Geldvolumen bereits um das mehr als 20-fache der Realwirtschaft, d.h. des weltweit akkumulierten Brutto-Sozialproduktes, ausgedehnt hatten.

Damals, als es das Wort "Bubble" noch nicht gab, warnte der Frankfurter Professor sehr ernsthaft davor, dass dieses System eines Tages "explodieren oder besser implodieren" könnte, mit unabsehbaren Folgen für die Weltwirtschaft. So erklärte Prof. Engels die Funktion dieses Bubble mit dem bereits bekannten Kredit-Leverage-Effekt - damals trockene Kost für Studenten der Volkswirtschaft.

Heute wissen wir, dass die Realität 2008 viel schlimmer ist: riesige Geld- bzw. Kapitalströme, in Form von Euro, Yen und US-Dollar, aber auch weniger beachtete wie der Neuseeland- oder Singapur-Dollar, werden in Sekundenschnelle durch die Computersystem geschoben, um mit Kursdifferenzen, Zinsen oder schlicht mit Gebühren Geld zu machen - und fast immer auf Kreditbasis.

M1, M2 oder M3 wurden zu fast mittelalterlichen Maßstäben, angesichts stündlich neu geschaffener Derivate, CDVs (Collateral Default Swaps) und Millionen künstlicher "Finanzprodukte", die das "Welt-Geld-Volumen" dramatisch aufblähten - und vor allem nicht sichtbar, nicht einmal mit den Augen eines Allan Greenspan.

Die Bubble platzte nicht nur, weil zugrunde liegende Fundamentale wie Immobilienkredite (Subprimes), faule Konsumentenkredite oder leidende Hedgefonds schief lagen - das war auch in den vergangenen Jahren häufig so - sondern weil sich der Prozess irrealer und ungesicherter Geld- und Kreditbeziehungen seit einiger Zeit immer mehr beschleunigt und ausgeweitet hatte. Letztendlich machte das "echte Geld" der Realwirtschaft nur noch einen Bruchteil der unsichtbaren - zumeist Kredit basierten - Weltfinanzen aus.

Wer bereit ist, diese Analyse nachzuvollziehen, kommt zu drei erstaunlichen Schlüssen. Der erste, nahe liegende: wäre diese Blase nicht jetzt schon geplatzt, hätten wir in wenigen Jahren fast sicher vor einem finanziellen Endspiel gestanden, weit heftiger als 1929. Gott sei Dank, dass es jetzt geschah und wir damit eine Chance haben, das System noch einmal zu reparieren.

Nun die weiteren guten Nachrichten für unsere Leser: sind die Weltfinanzen - weitgehend unsichtbar - tatsächlich derart aufgebläht, dass sie etwa das 20-30-fache des "Welt-Sozialproduktes" ausmachen (Lehman Brothers hatten ihr Finanzvolumen auf das 32-fache des Deckungskapitals gehebelt), ist die Gefahr einer baldigen Inflation vielleicht geringer, als Experten heute befürchten.

Denn selbst wenn derzeit einige Billionen Euro, Yen oder US-Dollar zur Wiederbelebung der eingebrochenen Nachfrage bereitgestellt werden, steht dieser riesig erscheinenden Kaufkraft-Schöpfung eine noch viel größere "Finanzblase" gegenüber, die in den nächsten Jahren erst einmal abgebaut werden muss. Würde nur ein Teil ?saniert?, wofür einiges spricht, wäre selbst dieser weitaus größer, als das befürchtete panikartige "Gelddrucken" mit Inflationsfolgen.

Dabei haben die meisten Bürger vor allem Angst, dass zukünftig die Steuern steigen, wenn sich die Staaten massiv verschulden - was doch heißt, in den nächsten Jahren wird das ausgegebene Geld irgendwie wieder herein geholt.

Doch genau dies ist einerseits eine Versicherung gegen massive Inflation, andererseits eine Garantie, dass die Zinsen weiter moderat bleiben werden - jahrelang. Denn welche Regierung könnte riesige Schulden bedienen, wenn die Zinsen gleichzeitig hoch gehen?

Doch Vorsicht ist trotzdem angesagt: denn nicht die reale Situation der Märkte bestimmt das menschliche und ökonomische Verhalten, sondern Erwartungen und Herdentrieb - daher steigen die Aktien schon wieder, und Geld bzw. Kapital wartet erneut weltweit auf Anlage.

Sollten sich die positiven Trends schneller als ursprünglich erwartet verselbständigen, steigt natürlich die Gefahr, dass die Inflationsbremsen zu schnell gelockert werden - die Bubble wird nicht sauber abgebaut.

George Soros, der Theorie und Praxis gleichermaßen kennt, drängt daher die Regierungen darauf, zukünftig nicht nur die Verfügbarkeit der Geldmengen zu kontrollieren, sondern vor allem die erneute Entstehung von ?Finanzblasen? durch unsichtbare private und institutionelle Kreditausweitung zu verhindern. Wenn einer der exponiertesten ?Kapitalisten? der Welt nun der Meinung ist, der Markt kann doch nicht alles richten, sollte man dies ernst nehmen.

Einige der langfristig positiven Effekt der Krise sind den meisten Beteiligten noch gar nicht bewusst: politisch antiamerikanisch eingestellte Regierungen, wie Venezuela, der Iran oder auch Russland haben durch die Krise und vor allem die sinkenden Ölpreise bis auf weiteres an Möglichkeiten eingebüßt, ihre ?flüssige Macht? voll auszuspielen bzw. den Gashahn als politischen Hebel zu nutzen.

Dass die Inflationsspirale bei den Rohstoffen, die sehr schnell zu dem ersten Szenario hätte führen können, bis auf weiteres gebrochen wurde, hat nicht nur positive Auswirkungen auf unser Leben und mildert die aktuelle Krise erheblich.

Vor allem führte die Kombination beider Faktoren - beginnende Rohstoffkrise und durchschlagende Finanzkrise - zu einer sehr heilsamen Entwicklung.

Denn nachdem der massive Preisdruck erst einmal entfiel, stoppte man an vielen Stellen den irrsinnigen und häufig kontraproduzenten Wettlauf um die Produktion ?alternativer? Energien. Denn nicht alle Verfahren oder Ideen waren tatsächlich alternativ, ökonomisch sinnvoll und vor allem umweltfreundlich. Das Zerstören von Reisfeldern zum Anbau von Ölpalmen und viele andere - auch gefährliche - Energieprojekte werden jetzt erst einmal überdacht, dank der Krise.

Doch an das vielleicht gefährlichste Welt-Szenario denken die wenigsten Analysten in diesem Zusammenhang: die bisherige Entwicklung der westlich-kapitalistischen Marktwirtschaft endet zwangsläufig in 20 bis 50 Jahren, wenn bei einem durchschnittlichen technischen Fortschritt von 2,5 bis 4 Prozent ein großer Teil der Arbeitnehmer hoch entwickelter Staaten endgültig von Maschinen, Robotern und Computern ersetzt werden. Der sogenannte Produktivitätszuwachs ist umgekehrt proportional zur Beschäftigung. Im Klartext: Maschinen ersetzen Menschen.

Das US-Szenario für 2030 war daher keineswegs absurd, und die Ereignisse um die wohl typischste US-amerikanische Einrichtung - die Autoindustrie in Detroit - gibt einen Vorgeschmack. Wohin mit all den überflüssigen und (ökonomisch) unrentablen teuren Arbeitern?

Ohne die aktuelle Krise hätte US-Präsident Obama wohl kaum eine Chance , dem dekadenten Land, dessen Infrastruktur und viele Industriezweige veralten, die Realität ungeschminkt aufzutischen und der stagnierenden Wirtschaftsmacht einen langfristigen Wachstumsschub zu ermöglichen.

Denn ohne eine durchgreifende Erneuerung des Erziehungs- und Sozialsystems sowie der physischen und realen Infrastruktur des Landes sähen die USA 2030 tatsächlich viel schlimmer aus, als das Sowjetsystem beim Zusammenbruch vor zwei Jahrzehnten.

China, Indien, Südostasien, selbst Afrika und die Schwellenländer Südamerikas oder des europäischen Ostens haben diese Probleme - noch - nicht, denn bei ihnen liegt das Wachstum auf Jahrzehnte hinaus über dem Produktivitätszuwachs der Wirtschaft - also gibt es Arbeit und damit Kaufkraft, wenn auch nicht immer ausgewogen.

Der bereits ?entwickelte? Teil der Welt hat - etwas vereinfacht formuliert - die Chance einer wirtschaftlichen Zukunft, die Umverteilung der Unternehmensgewinne und Produktivitätssteigerung auf die Bevölkerung zur Erhaltung der Kaufkraft, schlicht verpasst.

Der im Jahr 2030 arbeitslose Autowerker, der dann nicht mehr vom Lohn, sondern von Dividenden seiner Firma als ?Volksaktionär? gelebt hätte, hat sich leider als Totgeburt unseres Wirtschaftssystems erwiesen - leider. Doch wo sonst soll die Kaufkraft zum Erwerb all der schönen und immer besseren Produkte herkommen?

Wenn Obama - in geringerem Umfang gilt dies auch für Europäer - nun angesichts der Krise nicht nur Geld für Konsumgüter verteilt, sondern sehr langfristig das Land auf allen Gebieten wieder qualitativ auf einen höheren Stand bringt, schafft er damit zunächst einmal einen Aufschub dieser ?kapitalistischen Entwicklungskrise?, die in absehbarer Zeit zu massiver Arbeitslosigkeit der Bevölkerung geführt hätte.

Wenn nun die ?Kapitalisten? aufschreien, hier werde ein ungeheurer Umverteilungsprozess in Gang gesetzt, der letztlich mit Enteignung endet, haben sie augenscheinlich recht. Doch geschähe dies nicht, wäre in 2 bis 3 Jahrzehnten sowieso die Kaufkraft der Menschen der Industrieländer bereits zu gering, um wiederum die Unternehmen am Leben zu erhalten - das logische Ende unseres Systems.

Ohne die heutige Krise oder die Einsicht, dass es in Detroit und andern Orts nicht so weitergehen kann, stünde die übernächste Generation bereits vor dem Aus, und Spekulanten wären Geschichte.

Doch keine Angst: die Regierungen sind weltweit keineswegs Willens und in der Lage, den erfolglosen Sozialismus neu aufzulegen. Vielmehr wird langfristig das geschehen, was auch in dieser Krise anläuft: Eigentümern und Unternehmern wird zwar Druck gemacht und Tantiemen reduziert, doch sind sie zum Funktionieren der komplexen Apparate, Firmen und Institutionen inzwischen unabdingbar.

Kommt es also langfristig in den saturierten Ländern zu einer Neudefinition der Marktwirtschaft bzw. des kapitalistischen Systems, steigen die Chancen, dass die Kaufkraft nicht mehr bei den zukünftigen Robotern oder deren Eigentümern verbleibt, sondern - hoffentlich - wieder unters Volk kommt und der notwendige Kreislauf Produktion-Ware-Kaufkraft-Geld-Produktion erhalten bleibt.

Nein, diese Vorstellung stammt nicht von einem krisengeschädigten Autor, sondern wurde von Zeitgenossen eines Professor Engels vor einem halben Jahrhundert entwickelt, so von Norbert Blüm, dem ehemaligen Vorsitzenden der CDU-Sozialausschüsse. Er war bis 1957 nicht nur Werkzeugmacher bei der Adam Opel AG in Rüsselsheim, sondern damals auch ein Visionär.

Der Krise sei Dank, ohne Zynismus, dass nun wieder eine Chance besteht, ein veraltetes und von Geldgier angefressenes System noch einmal so zu reformieren, dass auch unsere Kinder die obigen Szenarien nur aus Schulbüchern oder an der Universität kennen lernen.


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