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Die Tianjin Binhai New Area soll für norchinesische Hafenstadt Tianjin werden, was Pudong für Shanghai bereits ist: ein Zentrum geballter Wirtschaftskraft, modernster Logistikanlagen, innovativer Technologien und international wettbewerbsfähiger Firmen. Allein von 2009 bis 2011 sollen in Transportinfrastruktur, Energie- und Wasserversorgung sowie Umweltschutz rund 300 Milliarden Renminbi investiert werden. Bislang trotzt Tianjin erfolgreich der Wirtschaftskrise. Immer mehr ausländische Unternehmen zieht es in die nördliche Küstenregion.
Die Volksrepublik China soll auch im Nordosten des Landes ein hochmodernes Wirtschaftszentrum erhalten - die Tianjin Binhai New Area (TBNA). Shanghais Stadtteil Pudong stand Modell, das Ziel ist aber noch ambitionierter: Noch besser als die bestehenden Sonderzonen in Shenzhen und Shanghai werde das Gebiet werden, erklärt Katheryn Xu, Direktorin der Tianjin Hi-Tech Holding Group lächelnd. Schließlich habe man aus den Erfahrungen gelernt. Dazu zählen nicht nur flexible wirtschaftliche Rahmenbedingungen mit großer Entscheidungsautonomie, sondern auch gewaltige Investitionspakete, um die Infrastruktur der rund 2.270 m2 großen Küstenregion auf Vordermann zu bringen. Allein 2009 bis 2011 sind in den Schwerpunktbereichen Transportinfrastruktur, Energie- und Wasserversorgung sowie Umweltschutz über 300 Bauprojekte mit Gesamtinvestitionen von rund 300 Milliarden Renminbi Yuan geplant. Trotz Wirtschaftskrise befinden sich die Vorhaben in der Umsetzung.Es wundert daher nicht, dass es in der rund 140 km südöstlich von Beijing gelegenen Hafenstadt Tianjin mitüber 11 Millionen Einwohnern selbst in Krisenzeiten boomt. In den ersten zwei Monaten 2009 erreichte das Investitionswachstum 39,4 Prozent, während es in Beijing um knapp 21 Prozent sank und in Shanghai bei einem Zuwachs von 0,9 Prozent fast stagnierte. Lediglich in den West- und Zentralprovinzen, wie Jiangxi oder Sichuan, sowie in der Nordostprovinz Liaoning wurden ähnliche Wachstumsraten erzielt. Grundlage für die beeindruckenden Steigerungsraten sind dort jedoch häufig geringe Ausgangswerte. Dies trifft auf Tianjin, eine der wachstumsstärksten Regionen Chinas, nicht zu.Während in den traditionellen Wirtschaftszentren die Wachstumsraten purzeln, erreichte die nördliche Hafenstadt im 1. Quartal 2009 mit 20,3 Prozent mit deutlichem Abstand die höchste Steigerungsrate für industrielle Wertschöpfung in ganz China. Im traditionellen Geschäftszentrum Shanghai schrumpfte sie hingegen um 5,6 Prozent und legte in Guangdong nur mäßig um 6,8 Prozent zu.Im Gegensatz zu dem traditionellen Wirtschaftszentren Shanghai, Guangzhou oder Shenzhen scheint die Krise Tianjin bislang wenig anzuhaben: Im 1. Quartal 2009 legte das Bruttoinlandsprodukt (BIP) der Stadt um 16 Prozent zu; landesweit lag der Zuwachs bei 6,1 Prozent. Die weiteren Wachstumsziele sind ambitioniert, Fachleuten zufolge jedoch durchaus erreichbar: Bereits 2010 soll bei einer durchschnittlichen jährlichen Steigerungsrate von 17 Prozent das BIP etwa 350 Milliarden Renminbi betragen, wobei ein industrielles Wachstum von 17 Prozent und ein Wachstum des Dienstleistungssektors von 20 Prozent jährlich anvisiert wird. Selbst wenn diese Ziele aufgrund der Krise nicht ganz erreicht werden sollten, wird der Standort im landesweiten Vergleich in den nächsten Jahren deutlich an Wettbewerbsfähigkeit gewinnen.Warum trotzt die größte offene Küstenstadt Nordchinas dem Wirtschaftsabschwung? Eine in vielfacher Hinsicht diversifizierte Wirtschaftsstruktur dürfte einer der Hauptgründe sein. So baut die Stadt ihren Exportanteil zwar kontinuierlich aus, setzt jedoch nach wie vor einen bedeutenden Teil ihrer Rohstoffe,Waren und Güter im Binnenmarkt ab. 2008 erreichte Tianjins Ausfuhr knapp 41,4 Milliarden US-Dollar, wovon fast 70 Prozent von Unternehmen mit ausländischem Investitionsanteil produziert wurden. Etwa 1.000 Firmen, so schätzt Xu, mussten aufgrund des Exportausfalls in den vergangenen Monaten die Tore schließen. Im Vergleich zu Shenzhen, wo die Betriebsschließungen bereits im Februar 2009 rund 10.000 erreicht hatten, eine geringe Zahl.Des weiteren ist die Industriestruktur in der Region eine gute Mischung aus traditionellen und modernen Sektoren. Die Ölfelder Bohai und Dagang liefern jährlich mehr als 13 Millionen Tonnen Rohöl und 850 Millionen m3 Erdgas; eine Äthylenanlage mit einer Jahreskapazität von einer Millionen Tonnen ist im Bau. 70 Prozent der Industrieproduktion stammen aus der (petro-)chemischen Industrie, Automobilbau und Hüttenwesen, aber auch aus den Bereichen Informationstechnologie, Medizin und alternative Energien.So liefern nicht nur Miniwindkrafträder den Strom für die Straßenlampen entlang der Straße vor der Verwaltungszentrale des Tianjin Hi-Tech Industry Parks. Vielmehr schlägt in Tianjin das Herz der heimischen Windkraftherstellung. 40 Prozent der landesweit installierten Windkraftanlagen stammen aus der Stadt. Lokale Fertigungen ausländischer Hersteller wie Gamesa, Suslon und Vestas tragen dazu bei.Gespräche mit Repower sollen bereits geführt worden sein.Ausländische Unternehmen haben den Standort nicht erst entdeckt, seit er per Hochgeschwindigkeitszug CHR 3 seit August 2008 in knapp einer halben Stunde von Beijing zu erreichen ist. Über 120 Fortune-Unternehmen sind bereits in Tianjin ansässig. Dazu zählen Namen wie IBM, Motorola und Microsoft. Als erstes Unternehmen zog Siemens mit seinem derzeit umsatzstärksten Werk, dem Joint Venture Siemens Electrical Drives Ltd (SEDL) in den Tianjin Hi-Tech Industry Park Phase II ein.Im September 2008 eröffnete Airbus in der Airport Processing Zone neben dem Tianjin Binhai International Airport sein Montagewerk für den A320 - das erste außerhalb Europas. Investitionsvolumen: Rund 8 bis 10 Milliarden Renminbi. Ab 2011 sollen monatlich vier Maschinen vom Band rollen; erste Testflüge sind für Mai 2009 geplant. Derartige Investitionen dürften künftig weitere internationale Unternehmen anziehen und so zur Bildung eines wettbewerbsfähigen Industrieclusters beitragen.Die Tianjin Binhai New Area ist nicht nur Industrie-, sondern auch Logistikzentrum mit dem größten Hafen Nordchinas. Bis zum Jahr 2010 sollen seine Umschlagskapazitäten auf 10 Millionen TEU und 300 Millionen Frachttonnen steigen. Rund 40 Milliarden Renminbi sind für den Ausbau vorgesehen. Der Tianjin Binhai International Airport wird durch die derzeitige Erweiterung auf zehn Millionen Passagiere, 500.000 Frachttonnen und 200.000 Flüge pro Jahr ausgelegt. Insgesamt umfasst die TBNA die drei Stadtbezirke Hangu, Tanggu und Dagang, acht Industrie-, Hi-Tech- und Logistikzonen, darunter der Tianjin Hi-Tech Industry Park (THIP) sowie die Sonderentwicklungszone Tianjin Economic Development Area (TEDA), und die Sino-Singapore Tianjin Eco-City.An allen Ecken und Enden wird gebaut - auch an flexiblen Förder- und Rechtsgrundlagen für die Wirtschaft. Im März 2008 bestätigte die Regierung das Gebiet als Pilotregion für Liberalisierung und Deregulierung in den zehn Bereichen Unternehmensreform, Wissenschaft und Technologie, Wirtschaftsaustausch mit dem Ausland, Finanzinnovationen, Landverwaltung, städtische und ländliche Planung, Landwirtschaftsstruktur, Aspekte des Sozialsystems, Ressourcenschonung und Umweltschutz. So genießen die einzelnen Zonen im landesweiten Vergleich hohe Entscheidungsautonomie, Investitionsanreize und Steuererleichterungen für Unternehmen zu gewähren. Genaue Informationen über die Anforderungen an Unternehmen sowie Vergünstigungen in den verschiedenen Zonen der Tianjin New Binhai Area finden sich in englischer und chinesischer Sprache unter www.bh.gov.cn Obwohl unter dem Dach der TBNA setzen die einzelnen Zonen ihre eigenen Standards.Wenig greifbar sind bislang hingegen Pilotprojekte im Bereich des Finanzsektors, die Tianjin zum dritten Finanzzentrums Chinas machen sollen. Angestrebt wird unter anderem der Auf- und Ausbau der Direktfinanzierung, des Universalbankensystems, der Leasinggesellschaften und neuer Versicherungsprodukte, eines globalen Devisentransfersystems (Forex) sowie einer Finanz-Sonderwirtschaftszone mit Schiedsgerichtshof und Finanztrainingszentrum.Doch große internationale Player fehlen bislang. Fachleute führen dies auch auf den Mangel an Fachkräften zurück. Während die rund 37 höheren Bildungseinrichtungen - voran die Tianjin Universität und die Nankai Universität - auch von ausländischen Unternehmen hoch geschätzte Absolventen in technischen Bereichen ausbilden, mangelt es an einer entsprechenden Ausbildung von Finanzfachleuten. Den Weg zum Wirtschaftszentrum ersten Ranges legt Tianjin im Sturmschritt zurück. Der Weg zum Finanzzentrum erweist sich hingegen als steiler und steiniger Bergpfad.