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Allen Unkenrufen zum Trotz ist der Einzelhandelsumsatz des Lands am südchinesischen Meer im 1. Quartal 2009 real um 7,4 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum gewachsen, so das staatliche Statistikamt.
Auf den ersten Blick überrascht diese positive Entwicklung. Denn viele Konsumenten erlegen sich angesichts der schwierigen Wirtschaftslage Zurückhaltung auf. Zwar hatten die Einzelhändler 2008 ihre Umsätze gar um 31 Prozent auf umgerechnet 57,6 Milliarden US-Dollar steigern können, real waren dies allerdings bei einer Inflationsrate von 22 Prozent gerade noch 6,5 Prozent mehr gewesen. Viele einheimische Wirtschaftsexperten prophezeiten daher für 2009 deutlich niedrigere Werte. Tatsächlich glauben nach einer in "Vietnam News" im Frühjahr 2009 veröffentlichten Untersuchung 45 Prozent der Befragten in Hanoi und Ho Chi Minh City an eine Verbesserung der wirtschaftlichen Lage in den nächsten zwölf Monaten, nur 35 Prozent befürchten eine weitere Verschlechterung. In der Folge ist Vietnam nach den Daten des Nielsen Global Consumer Confidence Survey unter den Ländern mit dem höchsten Verbrauchervertrauen zwar etwas abgerutscht, nämlich von Rang 9 im Mai 2008 auf Rang 13 im Mai 2009. Trotzdem liegen die Vietnamesen mit ihrer Haltung immer noch über dem globalen Durchschnitt. Bei genauerem Hinsehen unterliegt das Konsumverhalten einer Reihe vielfältiger und sich teilweise widersprechender Einflussfaktoren. Einen deutlichen Nachfrageschub erwarten sich Händler und Regierung beispielsweise von der Anhebung der Mindestlöhne zum 1. Mai 2009 um 20 Prozent. Je nach Region betrugen diese zuvor umgerechnet monatlich zwischen 55 und 60 US-Dollar. Ziel ist die Stärkung der Massenkaufkraft. Von den ärmeren Bevölkerungsgruppen, so sind sich Ökonomen sicher, werden die zusätzlichen Gelder zweifellos schnell wieder ausgegeben. Darüber hinaus können besonders arme Haushalte nach einem im April veröffentlichten Zirkular der Zentralbank umgerechnet bis zu 285 US-Dollar an zinslosen Krediten zum Erwerb von Nutztieren oder zur Anlage von Aquakulturen erhalten. Weitere Kreditprogramme für die Anschaffung von Landmaschinen und ähnlichem sollen hinzukommen. Auf wenig Resonanz stoßen indes die neuerdings von Banken angebotenen Konsumentenkredite zum Kauf von Autos, Wohnungen oder Konsumgütern. Mit Zinssätzen von 12 bis 18 Prozent sind sie zu teuer. Neu ist der Konjunkturabschwung für die Angehörigen der jüngeren Mittelschicht, für die es bisher ununterbrochen "aufwärts" gegangen war. Gerade diese Gruppe hatte dem Einzelhandel bisher hohe Umsatzzuwächse beschert. Nun zeigen sich erste Unsicherheiten, doch gespart wird sehr selektiv, zumal viele Produkte mit den gesunkenen Rohstoffpreisen und nach dem Inflationsschock von 2008 jetzt besonders preiswert erscheinen. Darüber hinaus nutzen viele die Gunst der Stunde und erwerben beispielsweise eine Wohnung oder ein Haus, denn so niedrig wie derzeit waren die Preise seit Jahren nicht. Von diesem Trend profitieren nicht zuletzt die Anbieter von allem, was für ein Eigenheim gebraucht wird von Fliesen bis hin zu Küchen und Bädern - auch die wenigen vor Ort präsenten deutschen Firmen. Dagegen gehen die Ausgaben für "konventionellere", als weniger wichtig empfundene oder kurzlebige Konsumgüter zurück. So berichten Händler von Haushaltstechnik und Unterhaltungselektronik für die ersten zwei Monate 2009 von einem Umsatzminus von 50 Prozent gegenüber dem gleichen Vorjahreszeitraum. Nicht nur an Elektroartikeln wird gespart, auch für Kosmetik und Körperpflege, Kleidung, Unterhaltung und Auswärtsessen wird nicht mehr soviel Geld ausgegeben. Die Menschen telefonieren weniger, versuchen, ihren Stromverbrauch zu drosseln (nicht zuletzt weil die Tarife für Elektrizität zum 1. März 2009 um 8,9% erhöht wurden) und ihre sonstigen "Nebenkosten" nach unten zu drücken. Schlecht läuft es auch im Automobilhandel. Wie die Vietnam Automobile Manufacturers Association (VAMA) mitteilte, gingen die Verkäufe in den ersten vier Monaten 2009 um 38 Prozent gegenüber dem Vergleichszeitraum des Vorjahres zurück. Trotzdem erwartet die Branche, im Gesamtjahr etwa wieder auf die gleichen Verkaufszahlen wie 2008 zu kommen. Offen bleibt, inwieweit sich die Hoffnungen vieler Firmen in diesem Umfeld erfüllen können, mit Hilfe der nach wie vor wachsenden Binnennachfrage die Einbrüche im Export wenigstens teilweise wettmachen zu können. Ebenfalls bislang keine Ergebnisse gibt es zu den von der Regierung wiederholt vorgetragenenA ppellen, verstärkt heimische anstelle von importierten Waren zu kaufen. Grundsätzlich besteht ein sehr starkes Einkommens- und Konsumgefälle zwischen Stadt und Land. Beispielsweise liegen die Jahresverdienste in Ho Chi Minh City mehr als doppelt so hoch wie im Landesdurchschnitt (2008: 2.500 US$/1.047 US$) und in Hanoi um etwa 50 Prozent darüber (bei 1.500 US$). Unter der sich weiter öffnenden Schere leiden die schlecht ausgebildeten ärmeren Bevölkerungsschichten auf dem Land. Jüngste Erfolge in der Armutsbekämpfung drohen mit dem Wirtschaftsabschwung zunichte gemacht zu werden. Dagegen werden die Vermögenden reicher, und es wundert wenig, dass sich prestigeträchtige Labels, wie Whisky von Johnnie Walker oder Kosmetik von L´Oreal, weiterhin gut verkaufen.