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Asien Kurier Vietnam-Special vom 13. November 2007
Vietnam

Wo gehobelt wird, da fallen Späne

Von Jan Nöther (AHK Vietnam)

Den Charakter der ?Outdoor-Commodity-Erzeugnisse? hat das Land am Südchinesischen Meer längst abgelegt; Vietnam hat sich in der internationalen Möbel-Welt etabliert.

Mit mehr als 120 Exportdestinationen zählt Vietnam inzwischen zu den weltweit zehn bedeutendsten Produzenten von Holzmöbeln: Die EU-Länder, Japan und die USA sind mittlerweile die größten Abnehmer. Die positive Entwicklung wird durch einen Blick in die Exportstatistik 2006 untermauert. Nach Erdöl, Textilien, Schuhen und Meeresfrüchte nehmen Erzeugnisse aus Holz mit einem Exportumsatz von 1,93 Milliarden US-Dollar (+25,4% im Vergleich zum Vorjahr) einen guten fünften Rang ein ? noch vor dem klassischen vietnamesischen Exportprodukt Reis. Die Dynamik ist ungebrochen, sie wird gar weiter zunehmen. Die Vertreter der Vietnam Wood Association prognostizieren bis 2010 einen Exportumsatz von etwa 5,5 Milliarden US-Dollar, was einer Verdoppelung der angestrebten Zahlen des laufenden Jahres gleichkommt.

Die Möbelproduktion Vietnams gilt als mittelständisch geprägt, in mehr als 2.000 Betrieben arbeiten rund 200.000 geschickte, dennoch zum überwiegenden Teil ungenügend ausgebildete Arbeitskräfte. Etwa 15 Prozent der Betriebe werden einem internationalen Anspruch gerecht, lediglich 10 Möbelfabriken beschäftigen mehr als 1.000 Arbeitskräfte. Während die wenigen großen Produktionen ausländischen Investoren zuzurechnen sind, befinden sich eine große Anzahl von kleinen Handwerksbetrieben in der Hand lokaler Unternehmer.

Lange bevor internationale Investoren dem Möbelproduktionsmarkt Vietnam Beachtung schenkten, galten die lokalen Produzenten als Spezialisten für das Gartenmöbelsegment. ?Out-Door?-Möbel waren vergleichsweise einfach zu produzieren, der Mangel an modernen Maschinen und fehlende Erfahrungen im Umgang mit Produktionsmechanismen fielen nicht oder kaum ins Gewicht. Mit den ersten Auslandsinvestoren hielt eine Spezialisierung hin zu dem mit höheren Margen versehenen Innenausstattungsbereich Einzug in die Produktion. Das Segment gewann stetig an Bedeutung, inzwischen gelten die Firmen zwischen Hanoi und Ho Chi Minh City als drittgrößter Hersteller der in den USA verkauften Möbeln.

Vietnam bietet inzwischen zwar versierte Möbelhersteller, allerdings kaum eigene Innovationen in punkto Design. Die Produktion basiert überwiegend auf Aufträgen ausländischer Vertriebsorganisationen oder auf der Verlagerung von europäischen, US-amerikanischen und teilweise auch asiatischen (China, Korea, Taiwan) Produktionskapazitäten. Hergestellt werden Möbel, die zu 90 Prozent auf dem Werkstoff Holz beruhen. Neben dem immer noch sehr starken Gartenmöbelsegment wurden in den zurückliegenden Jahren Fertigungskapazitäten in den Bereichen Schlafzimmer-, Eßzimmer- und Wohnzimmermöbel aufgebaut. Man ist gewillt, sich weiteren Werkstoffen zuzuwenden und mit aufwendigeren Produktionsformen etwa Antikmöbel, Stahl- und Kunststoffmöbel herzustellen. Ferner erfreuen sich Rattanmöbel aus Vietnam in Europa und den USA wachsender Beliebtheit.

Unabhängig der Verwendung ?neuer? Werkstoffe ist der Erfolg der Branche eng mit der Verfügbarkeit sowie der Preisentwicklung des Rohstoffs Holz verknüpft. Die im Land angelegten Akazien- und Gummibaumaufforstungen werden zwar in der Möbelindustrie verwendet, allerdings wiegen die lokalen Holzeinschläge den Bedarf der Produktion nur zu einem geringen Teils auf. Knapp 80 Prozent (2006: 1 Mio. cm3) der benötigten Hölzer werden importiert. Die vom Markt gefragten Spezialitäten sind in Vietnam nicht vorrätig, oder die heimischen Holzvorräte sind knapp und aufgrund fehlender Trocknungskapazitäten häufig von nur geringer Qualität. Hölzer werden vor allem aus den Nachbarländern Laos und Kambodscha sowie aus China und Malaysia eingeführt, daneben finden europäische (auch deutsche) und amerikanische Hölzer einen Eingang in vietnamesische Fertigungskapazitäten. Die Holzimporte der ersten sechs Monate 2007 beliefen sich auf 445 Millionen US-Dollar, was einem Plus von 50% im Vorjahresvergleich entspricht.

Bis dato wird der überwiegende Teil der Möbel exportiert, die in Übersee nachgefragten Designs werden in Vietnam allerdings nicht vorgehalten. Der Mangel an Möbeldesignern und als Konsequenz fehlende innovative, auf den lokalen Möbelmarkt ausgerichtete Produktentwicklungen, stehen im krassem Gegensatz zum derzeit boomenden Immobilienmarkt. Die große Anzahl der im Bau befindlichen Wohn- und Bürogebäuden wird eine starke Zunahme an Auftragseingängen im Innenausstattungsbereich zur Folge haben. Solange jedoch die eigenen Designfertigkeiten begrenzt sind, werden sich einheimische Hersteller mit Billigangeboten aus China und Taiwan auseinandersetzen müssen.

Ein weiterer Schwerpunkt zukünftiger Herausforderungen ist die Aus- und Weiterbildung lokaler Arbeitnehmer. Hierbei gilt es nicht nur, unternehmensübergreifende Ausbildungsinhalte zu definieren, sondern diese auch konsequent umzusetzen. Als beispielshaft gelten Programme zur Besserung der Arbeitsplatzsicherheit, um die nach wie vor erschreckend hohe Anzahl innerbetrieblicher Unfälle zu reduzieren. Einzelne Wirtschaftsinitiativen, eine engere Zusammenarbeit mit in der Holzverarbeitung angesiedelten Bildungseinrichtungen zu etablieren, sind begrüßenswert. Die Initiatoren derartiger Programme sind bislang überwiegend auslandsinvestierte Unternehmen, womit lediglich 10 bis 15 Prozent der Arbeitnehmer erreicht werden.

Schließlich gilt es, die vorhandenen Standortvorteile - zu denen neben der Verfügbarkeit von begabten Arbeitskräften auch die im südostasiatischen Vergleich günstigen Produktionskosten zählen - besser zu vermarkten.

Ausländische Investitionen haben in den vergangenen Jahren viel zur Erweiterung, Effizienzsteigerung und Modernisierung der Möbelindustrie beigetragen. Die überwiegend aus dem Inselstaat Taiwan und der Volksrepublik China stammenden Investoren entwickelten eine Affinität zu den ebenfalls in diesen Ländern ansässigen Maschinenherstellern. Leider haben deutsche Maschinenbauer trotz höherwertiger Produkte noch keinen überzeugenden Eingang in den vietnamesischen Möbelproduktionsmarkt gefunden. Trotz deutscher Bemühungen nimmt die überwiegend konfuzianisch geprägte vietnamesische Kundschaft die Verkaufsargumente nur unzureichend auf.

Und dennoch - um steigenden Ansprüchen der internationalen Klientel auch zukünftig gerecht zu werden, werden die Produktionsunternehmen Vietnams um eine qualitativ hochwertige Modernisierung gegenwärtig installierter Produktionslinien nicht umhin kommen. Die Vietnamesen erkennen die Qualitätsmerkmale deutscher Maschinen, allerdings wirken die im Vergleich zu den asiatischen Wettbewerbern hohen Anschaffungspreise wie auch die mangelnde Bereitschaft deutscher Hersteller, längerfristige Lieferantenfinanzierungen einzugehen, verhindert noch manches Geschäft.

Der vietnamesische Möbelproduktionsmarkt sieht einem anhaltend starken Wachstum entgegen, die zunehmende Inlandsnachfrage wird diese Entwicklung forcieren. Sofern die Risikobereitschaft deutscher Hersteller von Holzbearbeitungsmaschinen zunimmt und flexible Finanzierungsinstrumente auch auf den Markt Vietnam angelegt werden können, könnte auch die deutsche Wirtschaft von diesem Boom

profitieren.

 

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