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Asien Kurier Vietnam-Special vom 13. November 2007
Vietnam

Alle lieben Vietnam !

Von Jan Nöther (gtai)

Vietnam, the hidden Charme- während die in den Kinderschuhen steckende Tourismusindustrie noch an den traditionellen Werten festhält, hat die globale Marktwirtschaft längst Einzug gehalten in das zentral gelegene Land am Südchinesischen Meer.

Die nicht erst seit dem Beitritt zur Welthandelsorganisation im Januar 2007 verzeichneten Wachstumsraten von über acht Prozent zeugen davon, dass sich Vietnam neben den asiatischen Powerhäusern China und Indien zur ASEAN-Alternative entwickelt. Die These, nach der sich das Land mittelfristig als produktiver Südostasien-Hub der globalen Wirtschaft etablieren wird, scheint zumindest aus heutiger Sicht nicht vermessen. Von dem derzeitigen Trend könnte insbesondere die deutsche Industrie profitieren, ganz bewusst gilt es, den Mittelstand in diese Überlegungen mit einzubeziehen.

Mehr als 100.000 in Deutschland ausgebildete vietnamesische Akademiker und Fachkräfte schätzen die deutschen Tugenden und die Qualität der aus unserem Land kommenden Produkte. Zu Recht bindet die auf Diversifikation ausgerichtete Asien-Politik vieler deutscher Unternehmen - Stichwort China plus 1 - den Standort Vietnam in eine ernsthafte Due Diligence mit ein.

Standortvorteile gibt es einige, angefangen bei der zentralen Lage des Landes, über günstige Löhne und Gehälter bis hin zu der jungen, talentierten, wissbegierigen und ehrgeizigen Bevölkerung. Überzeugend wirkt ferner, mit welcher Akribie die politische Führung in Hanoi den Integrationsprozess nach dem Beitritt zur Welthandelsclub vorantreibt - wohl wissend, dass diese vielschichtige Aufgabe nicht über Nacht erledigt werden kann. Vietnam möchte sich als fairer Partner der Weltgemeinschaft präsentieren und dies gelingt von wenigen Ausnahmen abgesehen glänzend.

Der wirtschaftliche Öffnungsprozess ist neben den sich bietenden Chancen auch an verschiedene Herausforderungen geknüpft. Um mit der Dynamik an Investitionen Schritt zu halten, sind Lösungsansätze in den Bereichen Infrastruktur und Logistik gefragt, daneben zählt die Integration von Umwelttechnologien, insbesondere in den Bereichen Wasser - Abwasser, Müllentsorgung und die Erschließung alternativer Energiequellen zu den wesentlichen Aufgaben.

Quo vadis? Vietnam möchte sich bis zum Jahr 2020 zum Industriestaat entwickeln, die hierfür notwendige Verankerung von Technologien begann in 2003 mit der Schaffung spezieller Industriezonen. Bereitwillige Investoren kommen aus den USA und aus Asien, die europäischen Länder ziehen mit ersten zögerlichen Investitionen nach. Noch sind die technologischen Fertigkeiten im Land am südchinesischen Meer nicht auf einem Niveau, das es erlaubt, Produktentwicklungen umzusetzen. Dies allerdings darf lediglich als Frage der Zeit angesehen werden. Die Verankerung internationaler Bildungssysteme gepaart mit dem nahezu unerschöpfliche Reservoir an jungen und ehrgeizigen Menschen wird das Land innerhalb eines überschaubaren Zeitraumes an eine internationale Wettbewerbsfähigkeit heranführen - zunächst zumindest auf regionaler Ebene.

Stichwort Bildung: Der Besuch des Bundespräsidenten im Mai 2007 führte nicht nur zu einer Wiederbelebung des Unterrichtsfaches Deutsch in verschiedenen Grundschulen in Hanoi, sondern begleitete ebenso eine Initiative des Bundeslandes Hessen, eine deutsch-vietnamesische Universität in Ho Chi Minh City zu gründen. Neben akademischen Ausbildungseinrichtungen hat das vietnamesische Bildungsministerium ein Auge auf das in Deutschland bewährte System der Dualen Ausbildung geworfen. Zwar ist ein grundsätzliches Interesse deutscher Bildungsträger ablesbar, Vietnam bei der Umsetzung dieses Wunsches zu begleiten, jedoch gingen bislang eingeleitete Projekte nicht über die Unterzeichnung von Absichtserklärungen hinaus. Eine große Hürde stellt insbesondere die Finanzierbarkeit von Ausbildungsgängen dar, welche im Wesentlichen durch die Industrie und den Auszubildenden selbst darzustellen wäre. Doch auch hier werden Lösungsansätze wie beispielsweise Firmen- oder gar Bankdarlehen greifen und Unternehmen gar in die Lage versetzen, längerfristige Arbeitsverhältnisse in einem auf monetäre Aspekte ausgerichteten Arbeitsmarkt zu schließen.

Neben der Partizipation deutscher Bildungseinrichtungen könnten auch vermehrt deutsche Unternehmen von der ablesbaren Dynamik profitieren. Die Herausforderungen betreffen allesamt Bereiche, in welchen die deutsche Industrie über hervorragende Kompetenzen verfügt. Ferner stehen Investitionsgüter und Ausrüstungsgegenstände in nahezu allen Bereichen der vietnamesischen Industrie ganz oben auf den Einkaufslisten. Deutsche Maschinen gelten in vielen Bereichen als technologisch führend, allerdings haftet ihnen der Makel hoher Anschaffungspreise beziehungsweise fehlender Flexibilität in Finanzierungsfragen an. Der VDMA bestätigte mit einem in 2006 erzielten Plus von 17 Prozent gegenüber dem Vorjahr zwar einen erfreulichen Trend deutscher Maschinenausfuhren nach Vietnam. Die Deutschland-Freundlichkeit könnte für viele Projekte eine Art Pole-Position erzeugen, sofern Produktqualität und Preis in Einklang zu bringen sind.

Die Gretchenfrage, ob die Vietnamen imstande sind, die gegenwärtigen und zukünftigen Herausforderungen zu meistern und ihre selbst definierten Ziele zu erreichen, darf mit einem ?sehr wahrscheinlich? beantwortet werden. Bestehende Herausforderungen werden zweifellos zu kurzfristigen Engpässen führen, mittelfristig wird man sich ein überregional greifendes und auf nachhaltiger Entwicklung basierendes Ansehen aufbauen können. Vietnam glaubt an sich, dass die im Land verankerten ausländische Investoren von der Zukunft des Landes überzeugt sind.

Die Auslandshandelskammer, die in Vietnam unter German Industry and Commerce firmiert, hat - in enger Abstimmung mit den diversen Institutionen der deutschen Wirtschaftsförderung - die Aufgabe, die Transparenz dieses interessanten Wirtschaftsstandortes zu erhöhen. Zu den Serviceleistungen zählen insbesondere, Potentiale zu identifizieren und an die deutsche Industrie heranzutragen, Beiträge im Rahmen von auf Vietnam ausgerichteten Due Diligences zu leisten und Unternehmen gleich welcher Größe an diesen interessanten Markt heranzuführen. Quo vadis Vietnam? Die Weichen sind gestellt, der Zug gewinnt an Fahrt. Alle lieben Vietnam ? in zunehmendem Maße auch die deutsche Industrie.

 

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