
Gute Nachrichten für Herzpatienten aus Ho-Chi-Minh City und Umgebung: Vor wenigen Wochen öffnete ein 180-Betten-Haus, um die mehr als 4.000 wartenden Patienten intensiver zu betreuen. Dennoch ? trotz solcher positiven Neuigkeiten ist die Gesundheitslage in Vietnam angespannt.
?Die gesundheitliche Versorgungslage Vietnams ist sehr schwierig,? meint Dr. Rafi Kot, General Director des Family Medical Practice-Klinikums in Ho-Chi-Minh City (HCMC). Diese aus privater Initiative entstandene Hospitalkette mit mittlerweile fünf Häusern in Hanoi, Da Nang und HCMC betreut Vietnamesen und Ausländer mit einer international orientierten Ärzteschaft. Auf die Frage, wie es denn zu dieser nicht sehr zufriedenstellenden Aussage zum Thema Gesundheit und Gesundheitsvorsorge kommen kann, meint Dr. Kot: ?Es handelt sich hierbei zum einen um ein vietnamesisch-sprachliches Problem. Zudem gibt es eine mangelnde finanzielle Vorsorge bei den Vietnamesen selbst und Versäumnisse der politischen Führungspartei.? In eine ähnliche Gedankenrichtung bewegen sich bei der Bewertung der Kliniksituation auch die Aussagen der Europäischen Handelskammer. Ein Bericht der Handelskammer aus dem vergangenen Jahr unterscheidet zwischen dem staatlich geführten öffentlichen und dem privat-geleiteten Krankenhauswesen und liefert hierzu auch Kritikpunkte. Das unter strenger Staatskontrolle stehende öffentlich zugängliche Gesundheitswesen gliedert sich nach der Größe der zu betreuenden Bereiche. Auf Dorfebene gibt es als medizintechnische Dienstleister meist internationale Organisatoren. Kommunen mit mehr als 8.000 Einwohnern besitzen ein Gesundheitszentrum mit assistierenden Ärzten, die gemeinsam mit den ihnen anvertrauten Krankenschwestern traditionelle medizinische Aufgaben durchführen können. Hier jedoch zeigt sich schon ein erster Mangel an Material und Spezialisierung. Bis zu fünf Kommunen werden von sogenannten interkommunalen Gesundheitszentren betreut. Auf dem darüberliegenden Distriktlevel kümmern sich die Gesundheitsvorsorger um rund 200.000 Einwohner. Übergeordnete, provinzielle Hospitäler liegen häufig meist außerhalb der großen Städte und können ihren Patienten auch Spezialbehandlungen anbieten. Diese Häuser dienen auch der ärztlichen Ausbildung. Ebenso wie Ärzte versorgen auch Pharmazeuten die Bevölkerung mit gängigen Medikamenten. Die Europäischen Handelskammer nennt dazu die Zahlen: Im Jahr 2004 wurden an mehr als 80 Millionen Einwohner Medikamente im Wert von rund 670 Millionen US-Dollar mit einer Aufteilung von 210 Millionen US-Dollar aus landeseigener Herstellung und 460 Millionen aus dem Import verteilt.Im zweiten Krankenhausbereich, der privat-orientierten Heilsfürsorge, gibt es laut der europäischen Handelskammer ebenfalls Grund zur Besorgnis. Zwar sei Vietnam seit der Genehmigung vollständig privat-geführter Kliniken im Jahre 1997 entsprechend abhängig geworden, aber in vielen ? auch städtisch geleiteten ? Privatkliniken bewegen sich viele Ärzte am Rande der Legalität. Wegen des Mangels an Ausländern und der Tatsache, daß viele Vietnamesen die höheren Gebühren nicht zahlen können oder wollen, scheint es schwer zu sein, all diesen Privatklinikhäusern gesundes Wachstum zu unterstellen. Hinzu kommt, daß sich viele dieser Kliniken nicht um die staatlich vorgeschriebenen Hygiene- und Gesundheitsvorschriften kümmern (können). Auch Dr. Kot schießt in diese Richtung: ?Es ist eine grundlegende Erkenntnis, daß der vietnamesische Mittelstand derzeit nicht in der Lage ist, die Gebühren für private Träger zu bezahlen. Hier muß dringend daran gearbeitet werden, daß vor allem die Städte die Versorgungsengpässe zwischen den privaten und den öffentlichen Häusern ausgleichen?. Zudem habe selbst in betuchteren Familien die medizinische Versorgung und Aufrechterhaltung der eigenen Gesundheit keinen besonders hohen Stellenwert. ?Die Einsicht, dafür Geld auszugeben, ist nicht allzuweit verbreitet. Es ist insofern auch eine pädagogische Aufgabe,? so Dr. Kot. Zur Verbesserung der Gesamtsituation gehöre auch ein intensiverer Ausbau der privaten Krankenfürsorge, etwa durch Versicherungen. Viele Ärzte bewegen sich momentan in einer ?grauen Zone?, die es ihnen zwar erlaube, höhere Gebühren zu fordern, gleichzeitig aber auch eine standardisierte Kontrolle unmöglich macht. Rafi Kot mit seiner 17-jährigen Vietnam-Erfahrung: ?Veränderungen, die etwa auf dem 10. Parteitag Ende April 2006 eingeleitet werden, kommen zu spät und sind in ihren Ausprägungen zu niedrig angesetzt.? Zudem bestehe seitens der vietnamesischen Bevölkerung zu wenig Druck auf die Partei, hier extreme Änderungen einzuführen. Die Politik seines Hauses, der Family Medical Practice (FMP), und auch der anderen großen Privatklinikunternehmen ziele jedoch darauf ab, Patienten möglichst umfassend und weitsichtig nach den weltweit gewohnten Standards zu behandeln. So besteht etwa seitens der FMP eine enge Zusammenarbeit mit Häusern in Singapur und Bangkok sowie auch US-amerikanischen und weltweit tätigen anderen Kliniken. Derweil läßt sich aber auch der Staat nicht lumpen. Allein für die kostenlose Behandlung junger Kinder bis zu sechs Jahren erhöhte die Regierung die Ausgaben auf jetzt mehr als 1.000 Milliarden Vietnamesischer Dong (etwa 42 Mio. Euro; 1 Euro = 23.900 Dong) jährlich ? pro Kind werden 90.000 Dong angesetzt. Weitverbreitete Krankheiten wie etwa Tuberkulose, Lepra oder Malaria seien unter Kontrolle, so heißt es aus Regieungskreisen. ?Und auch die Behandlung der möglichen Pandemien Vogelgrippe und Sars durch die staatlichen Organe sei korrekt und richtig verlaufen?, bestätigt Dr. Kot. Doch auch innerhalb der Regierung werden Stimmen nach einer intensiven Verlagerung der Bemühungen laut. Vor allem für den ländlichen Sektor wird gefordert, die gesundheitspolitische Infrastruktur zu verbessern und die Förderung der Ausbildung des medizinischen Personals zu stärken. Vor allem die Diagnose und Behandlungsmöglichkeiten in den Distrikt-Krankenhäusern solle gesteigert werden, um die häufig überlasteten Provinzkliniken zu entspannen, schreibt ein Bericht der Vietnam Economic Times.Unterstützung erfährt das vietnamesische Gesundheitswesen auch von übergeordneter Stelle. So unterzeichnete die Asian Development Bank (ADB) mit der vietnamesischen Regierung Ende letzten Jahres ein Abkommen, nachdem 38 Millionen US-Dollar für ein Projekt der ernährungstechnischen und der allgemeinen Gesundheitsfürsorge für Schulpflichtige aufgewendet werden. Das Projekt bezieht sich auf einen Zeitrahmen von sechs Jahren. Verabschiedet wurde ebenfalls zu Beginn diesen Jahres ein neues Gesetz zur Regelung der pharmazeutischen Industrie. Demzufolge sind die öffentlichen und privaten Pharma-Hersteller jetzt verpflichtet, festgelegte Preise für ihre Medikamente einzureichen. Diese können aber von Staats wegen entsprechend der Marktlage kontrolliert und angepasst werden. Sinn und Zweck dieses Gesetzes ist es, beide Herstellergruppen unter einen Hut zu bringen, um so die Verteilung der Medikamente besser zu koordinieren. ?Bislang?, so Dr. Kot, ?habe die pharmazeutische Industrie eher auf den Faktor ?Eliminieren statt Kooperieren? gesetzt.? Hier besteht noch ein immenser Nachholbedarf der vietnamesischen Szene. Auch die Europäische Handelskammer sieht in ihrem Bericht über eingeführte Pharmazeutika den Import von Rohmaterialien als bedeutender an als die Einfuhr fertiger Produkte. Die oben erwähnten Importgüter im Wert von 460 Millionen US-Dollar stammen zu 12 Prozent aus Frankreich, zu 10 Prozent aus Singapur sowie Süd-Korea (8,1 Prozent), Indien (7,3 Prozent), Thailand und der Schweiz (je 5,5 Prozent). Und noch etwas: Die Zulassungsdauer durch das Ministry of Health beläuft sich auf jetzt fünf Jahre (vorher ein Jahr) ? und wird, so heißt es, für lokal hergestellte Medikamente schneller durchgeführt.Dennoch spricht hier auch die Handelskammer von Verletzungen der herstellereigenen Inhaberrechte. In vielen Fällen habe es sich gezeigt, daß der Anteil der Wirkstoffe bei importierten und entsprechend lokal nachgearbeiteten Pharmazeutika unterschiedlich sei: Versuche hätten bewiesen, daß der Anteil der Wirkstoffe in den nachproduzierten Medikamenten selbst geringer sei als auf der Verpackung angegeben.?Alles in allem?, so Dr. Kot, ?zeigt die vietnamesische Szene einen enormen Nachholbedarf.? Als einen gegebenen Zeitraum sieht der Arzt rund zehn bis 15 Jahre an ? sofern die Regierung willens ist, die drängenden Erfordernisse aufzugreifen und maßgebliche Änderungen vor allem im Bereich der patiententechnischen Kostenübernahme, der Klinikbudgetierung und der Ausbildung der Ärzte einzuleiten. Erste Schritte, wie etwa die Einweihung der neuen Herzklinik im HCMC-Bereich (Tam Duc Cardiology Hospital) sind bereits getan. Was folgen muß, ist eine weitere Durchführung sinnvoller und notwendiger Maßnahmen, um das vietnamesische Gesundheitswesen auf einen höheren Stand zu bringen.