
Zwar gilt Vietnam schon seit Jahren als touristischer Geheimtipp vieler Asienfreunde, dennoch vermochte das Land seine reichhaltige Vielfalt an Sehenswürdigkeiten entlang einer 3.200 Kilometer langen Küstenlinie bislang nicht ausreichend in Szene setzen ? dies soll sich nun ändern.
Mit seinen 54 ethnischen Gruppierungen verfügt Vietnam über ein reiches Erbe an kulturellen und religiösen Errungenschaften, ferner bezaubern die überwiegend jungen Vietnamesen ihre Besucher mit einer selbst in der Region beispiellosen Servicementalität. Diese Vorzüge gepaart mit einer Investitionsoffensive der heimischen wie auch der internationalen Tourismusindustrie soll zu einem nachhaltig im Gedächtnis haftenden Gütesiegel führen.Vietnams Tourismusindustrie wurde schon zu Beginn der Öffnungspolitik ?Doi Moi? im Jahre 1986 als viel versprechender Wirtschaftzweig erkannt und entsprechend gefördert. Mit einer durchschnittlichen Wachstumsrate von jährlich 20 Prozent seit 1990 gehört die Branche zu den führenden Industriezweigen. Ein Gefühl der Zufriedenheit will sich bei den für den Tourismus verantwortlichen Vertretern dennoch nicht einstellen, zu groß ist der Abstand des übermächtig erscheinenden (Fast-) Nachbarn Thailand. Ein Meilenstein für die touristische Entwicklung war die Abschaffung der Reisebeschränkung anno 1993. Die bis dahin geltenden Bestimmungen engten die Freiheit von Touristen außerhalb der Großstädte stark ein, was mit einer weitgehenden Umgehung des Landes bestraft wurde. Als Folge der neuen Reisebestimmungen wurde bereits im folgenden Jahr 1994 erstmals die Schallmauer von einer Millionen Besucher durchbrochen. Die Abschaffung der dualen Preispolitik für internationale und einheimische Touristen im Jahr 2002 war der zweite Meilenstein, der mit einem direkt verzeichneten, erfreulichen Anstieg auf zwei Millionen Touristen quittiert wurde. Es folgte eine stete, mit der Ausbildung der Infrastruktur und der Schaffung von Hotelkapazitäten einhergehende Entwicklung. Bemerkenswert ist, dass mit den Wirtschaftreformen nicht nur der ausländische Reiseverkehr, sondern auch die Zahl der Binnentouristen stark anstieg. So veröffentlichte die?Vietnam National Administration of Tourism? (VNAT) jüngst, dass sich die Zahl einheimischer Touristen von 1,5 Millionen in 1991 auf 17,5 Millionen vergangenes Jahr nahezu verzwölffachte.Zu interessenten Rückschlüssen führte die letztjährige Untersuchung von ?VISA International? und ?Pacific Asia Travel Association? (PATA). Demnach sind die wesentlichen Gründe, nach Vietnam zu reisen:- ein günstiges Preisniveau der angebotenen Dienstleistungen (49% der befragten Personen),- Sehenswürdigkeiten (44%),- die vietnamesische Kultur (41%),- Abenteuer und Ursprünglichkeit (38%) und - Freundlichkeit der Vietnamesen (35%).Die überwiegende Mehrheit der Touristen kommt aus der VR China, Südkorea, den USA und aus Japan. Besucher aus einigen ASEAN-Ländern sowie aus Skandinavien benötigen für einen 30-Tage-Aufenthalt kein Visum, was sich positiv auf die entsprechenden Reisestatistiken auswirkt. Trotz weiterhin bestehenden Visumszwang finden zunehmend mehr Deutsche Interesse an dem Land am Südchinesischen Meer. Galt Vietnam in der Vergangenheit als weit entferntes Reiseland mit exotischem Touch, so nimmt die Reiselust der Deutschen in die Heimat Ho Chi Minhs stetig zu. In der ersten fünf Jahresmonaten stellte Deutschland mit 42.000 Besuchern (2,38% aller internationalen Ankünfte) hinter Frankreich (4,31%) und England (2,48%) das drittgrößte europäische Herkunftsland.In den Kategorien ?drei bis fünf Sterne? verfügt die Industrie derzeit über rund 180 Hotels mit insgesamt 18.000 Zimmern. Neben rund 250.000 direkt angestellten Arbeitnehmern kommen weitere 500.000 indirekte Arbeitskräfte. Es bestehen Kooperationen mit mehr als 1.000 Unternehmen in 60 Ländern. Von wesentlicher Bedeutung für die weitere Entwicklung der Tourismusindustrie Vietnams ist der Blick über den Tellerrand hinaus. Vietnam hat diese Zeichen erkannt und wurde Mitglied wichtiger internationaler Verbände, wie etwa der PATA und der ?World Tourism Organisation?. Angaben des ?World Travel and Tourism Council? zufolge, wird sich die Reisebranche in den Jahren 2006 bis 2015 mit einem Wachstumsindex von 7,7 Prozent kräftig ausdehnen. Betrug der Umsatz des einheimischen Tourismus im Jahr 1990 nur etwa 100 Millionen US-Dollar, so wurden letztes Jahr mehr als 2,0 Milliarden US-Dollar erwirtschaftet. Der damit erzielte Beitrag des Tourismus am Bruttoinlandsprodukt von 3,7 Prozent schöpft das Entwicklungspotential nicht aus, was ein Blick auf die Statistiken anderer asiatischer Reiseländer verdeutlicht. Dies zugrunde gelegt, verfolgt Vietnam ehrgeizige Ziele: Bis 2010 möchte man zumindest in der prozentualen Entwicklung mit Thailand gleichziehen und peilt einen BIP-Anteil von 6,0 bis 6,5 Prozent an. In Zahlen ausgedrückt bedeutet dies, dass bis 2010 Umsätze von 4,5 bis 5,0 Milliarden US-Dollar erwartet werden, rund 1,4 Millionen Arbeitskräfte sollen dann 6 bis 8 Millionen ausländische Gäste betreuen. Um diese Vorgaben zu erreichen, will Vietnam etwa 6 Milliarden US-Dollar in den Tourismus investieren. Regierungsangaben zufolge soll das Geld ins Marketing sowie den Ausbau der touristischen Infrastruktur fließen.Im südostasiatischen Vergleich mit etablierten touristischen Destinationen wie Malaysia (2005: 16 Mio. internationale Touristenankünfte), Thailand (11 Mio.) und Singapur (7 Mio.) gilt Vietnam mit seinen 3,5 Millionen Besuchern als Reiseland von nachgeordneter Bedeutung. Nach den Statistiken anderer Staaten der Region zeigen die ausländischen Besucher in Vietnam eine geringere Verweildauer, hegen keinen Anspruch auf Wiederkehr und mit durchschnittlich ausgegebenen 500 bis 700 US-Dollar je Vietnamreise liegt man deutlich hinter den etablierten Reiseländern Thailand (1.200 - 1.500 US$) und Singapur (1.500 - 2.000 US$). Die Ursachen hierfür sind vielschichtig. Angeführt werden unter anderem Mängel in der Infrastruktur, Defizite im Ausbildungsstand und fehlende Sprachkenntnisse, eine unzureichende Vermarktung im Ausland und ineffizient eingesetztes Investitionskapital, um nur einige zu nennen.Um die geplante positive Entwicklung der Tourismusindustrie nachhaltig zu gestalten, wird Vietnam die beschriebenen Herausforderungen zu meistern haben. Deutlich über dem Budget liegende Infrastruktur-Investitionen sind ebenso erforderlich, wie die Intensivierung der Ausbildung von Fachkräften des Hotel- und Gastronomiegewerbes, um internationale Standards zu gewährleisten. In den letzten Jahren wurden insbesondere in Zentralvietnam einige privatwirtschaftlich finanzierte Luxus-Ressorts eröffnet, weitere große Hotelprojekte sind angeschoben und sollen bis 2009 fertiggestellt werden. Ferner wurden Fortschritte in der Verkehrsinfrastruktur erzielt: so wurden Hafenanlagen modernisiert und neue Terminals an den Flughäfen Hanoi und Ho Chi Minh City errichtet. Sollten all? diese Maßnahmen greifen, wird Vietnam mehr sein als der jüngst ins Leben gerufene Slogan ?The hidden Charme? - Vietnam wird dem Nachbarn Thailand auf Augenhöhe begegnen können.