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Vietnam Fokus 2/2008 vom 15. Mai 2008
Vietnam

Dunkle Wolken am Horizont

Von Bernd Schaaf (gtai)

Die makroökonomische Situation in Vietnam hat sich in den vergangenen Monaten deutlich verschlechtert. Ein extrem hohes Defizit im Außenhandel, eine Inflationsrate auf 13-Jahres-Hoch, ein Absturz der Börsenkurse (Index: -55% im Vergleich zum Höchststand) sowie eine große Lücke zwischen Nachfrage und Angebot im Immobiliensektor sind nur einige der Plagen, die das Land gegenwärtig heimsuchen.

Im internationalen Maßstab gesehen ohne Beispiel ist das Außenhandelsdefizit im 1. Quartal 2008. Parallel erreichte die Inflationsrate im gleichen Zeitraum ein 13-Jahres-Hoch, und die Lebensmittelpreise schossen um nahezu 30 Prozent nach oben. Es bleibt abzuwarten, ob die Regierung mit den bislang eingeleiteten Maßnahmen Erfolg haben wird.

Schon 2007, dem Jahr des WTO-Beitritts des südostasiatischen Landes, fuhr Hanoi ein im internationalen Maßstab gesehen extrem hohes Defizit im Außenhandel in Höhe von 17,4 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) ein, während zum Beispiel die vielgescholtenen USA nur ein Minus von 6 BIP-Prozent verzeichneten. OECD-Spitzenreiter war 2007 die Türkei mit einem Fehlbetrag im Handel von 13 BIP-Prozent.

Die Relationen in der Handelsbilanz haben sich seitdem weiter verschlechtert. Nach Angaben des General Statistics Department (GSO) legten die Einfuhrwerte in den ersten drei Monaten 2008 im Vergleich zur Vorjahresperiode um 62,5 Prozent auf 20,4 Milliarden US-Dollar zu, während die Ausfuhren nur um 22,7 Prozent auf einen Wert von 13,0 Milliarden US-Dollar anzogen. Dabei betrug das Defizit 47,1 BIP-Prozent.

Verantwortlich für die Explosion der Auslandsbezüge waren in erster Linie die von Staatsunternehmen dominierten einheimischen Produktionsbetriebe, da insbesondere die Einfuhr von Kapitalgütern steil nach oben ging. Firmen mit Auslandskapital hingegen blieben mit ihren Zuwächsen beim Import weit unter dem Durchschnitt.

Wie viele andere Entwicklungsländer leidet Vietnam unter den stark gestiegenen Preisen für Rohstoffe aller Art, insbesondere bei Stahl und Erdölerzeugnissen. Die schwache eigene Produktionsbasis zwingt das Land dazu, nahezu sämtliche Stahl- und Petrochemieprodukte aus dem Ausland zu beziehen. So stiegen allein die Stahlimporte im 1. Quartal gegenüber der Vorjahresperiode um 161,9 Prozent auf einen Wert von 2,4 Milliarden US-Dollar. Ähnlich sieht es bei petrochemischen Produkten aus, deren Bezüge aus dem Ausland um 88,9 Prozent auf 2,8 Milliarden US-Dollar in die Höhe schossen.

Im Verein mit anderen Faktoren führte die Importentwicklung dazu, dass das südostasiatische Land unter der höchsten Inflationsrate seit 13 Jahren zu leiden hat. So stieg der Consumer Prize Index (CPI) im Januar 2008 um 14,1 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat, im Februar um 15,7 Prozent, und im März wurde mit einem Plus von 19,4 Prozent nahezu die 20-Prozent-Schwelle erreicht. Im Durchschnitt erhöhte sich das Preisniveau im 1. Quartal nach GSO-Angaben um 16,4 Prozent.

Besonders bedrückend ist die Entwicklung im Nahrungsmittelsektor. Widrige Witterungsbedingungen, gestiegene Preise für Vorleistungen wie Düngemittel, höhere Transport- sowie Importpreise ließen die Kosten für Nahrungsmittel im 1. Quartal um 28,4 Prozent nach oben schnellen. Ähnlich sieht es im boomenden Immobiliensektor aus. Die Nachfrage übersteigt das Angebot bei Weitem. Zudem treiben stark steigende Preise für Baustoffe und andere Vorleistungen die Kosten, so dass im Ergebnis die Mieten nach oben schießen (+17,9% im 1. Quartal).

Alle diese Entwicklungen setzen die Regierung mächtig unter Druck. Vier "Maßnahmenpakete", das Geldmengenwachstum und damit die Inflation unter Kontrolle zu bringen, haben bislang nicht zu den gewünschten Ergebnissen geführt. Der Basiszinssatz ("discount rate") liegt aktuell nach Angaben der Deutschen Bank bei 6,0 Prozent (Indonesien: 8,0%, Philippinen: 7,0%) der höchste Wert in der Region. Hanoi wird gezwungen sein, die Discount Rate um weitere 0,5 bis 1,0 Prozentpunkte anzuheben, will sie der Inflation Herr werden.

Dabei befindet sich die Regierung im klassischen Dilemma zwischen Wirtschaftswachstum auf der einen Seite und Inflationsbekämpfung auf der anderen. Steigende Zinsen setzen die vietnamesische Währung Dong tendenziell unter Aufwertungsdruck, verteuern die Exporte, verbilligen die Importe und verstärken daher noch das Defizit im Außenhandel. Dies muss wohl in Kauf genommen werden, will das Land eine Krise, von der die Zentralbank inzwischen offen spricht, wenn nicht vermeiden, so doch zumindest eindämmen. So rechnen Beobachter damit, dass das Wachstum des BIP 2008 nicht bei 8,5 bis 9,0 Prozent, sondern eher bei 6,5 bis 7,5 Prozent liegen wird.

Die Anhebung des Zinssatzes, ein eher technischer Vorgang, ist nichts im Vergleich zu dem, was die vietnamesische Regierung nach Ansicht von Finanzexperten dringend in Angriff nehmen sollte: die Reform des ineffizienten Staatssektors. Ein vor kurzem vorgelegter Report des Ministry of Planning macht unrentable und zu hohe Investitionen der staatseigenen Betriebe als eine Hauptursache der Inflationsentwicklung aus. Schlechtes Management, nicht zielgerechter Einsatz von Ressourcen sowie Investitionen in Sektoren, die nicht zum Kernbereich der Unternehmen zählen, werden als Gründe aufgeführt.

Bis zu 40 Prozent der von Staatsbetrieben durchgeführten Investitionen gingen in Bereiche, die nicht zu den Kernaufgaben der Betriebe gehörten und von denen das Management in der Regel auch nichts verstehe. So operiere beispielsweise die Electricity of Vietnam Group im Immobilienhandel und in der Telekommunikation, während die Vietnam Shipbuilding Industry Group im Stahlsektor, in Finanzdienstleistungen sowie in Büros und Apartments engagiert sei.

Vietnams Wirtschaftspolitik steht vor großen Schwierigkeiten. Während die Einschätzungen beispielsweise der Asian Development Bank (ADB) derzeit noch positiv klingen, sind Bankenvertreter weitaus pessimistischer. Auch wenn noch nicht ganz klar ist, welche Folgen das extreme Defizit im Außenhandel und die hohe Preissteigerung für die gesamte Ökonomie mit sich bringen werden, gelangen interne Bankenpapiere zu dem Urteil, dass es sich um klassische Symptome einer "emerging market economy" handele, die auf eine Krise zusteuere. Erste Anzeichen, dass verschiedene Banken Liquiditätsengpässe haben, sind jedenfalls nicht zu übersehen.





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